HA: "Es geht nicht, dass Sicherheit der Atomkraft auf gut Glück basiert" / Experte: So nah war der GAU
Hamburger Abendblatt, 09.08.06
> "Es geht nicht, dass Sicherheit der Atomkraft auf gut Glück basiert"
"Sie versuchten verzweifelt, einen der Dieselgeneratoren vom
Kontrollraum aus zu starten, um die Kühlwasserpumpen für den Reaktor am
Laufen zu halten. Doch es fehlte der Strom für den Zündimpuls. Hinzu
kam, dass mehrere Meßinstrumente ausgefallen waren", schildert Lars-
Olov Höglund die steigende Anspannung im Kontrollraum von Forsmark I.
Nach Höglunds Darstellung wurde die Situation noch brisanter. Im
Turbinengebäude des Kraftwerks sei Dampf ausgetreten, den die
Feuermeldeanlage im Gebäude als Feuer identifiziert und mit dem
automatischen Einschalten der Sprinkleranlage sowie Sirenengeheul
quittiert habe. "Die automatischen Kameras zur Überwachung des
Kraftwerks funktionierten nicht - es fehlte der Strom - ebenso wenig
die Lautsprecheranlage, mit der im Alarmfall die Menschen im Kraftwerk
gewarnt werden", sagt Höglund.
In ihrer Not hätte die Besatzung des Kontrollraums schließlich aus dem
benachbarten Atomreaktor Forsmark II Hilfe herbeitelefoniert. Forsmark
II war zu diesem Zeitpunkt wegen Wartungsarbeiten heruntergefahren und
vom Netz. Die Kollegen sind hinübergerannt", sagt Höglund. Einer der
zur Hilfe gerufenen Ingenieure habe dann einen Weg gefunden, den
benötigten Strom für den Startimpuls von zwei Dieselgeneratoren
einzuleiten.
"Ab dann lief es. Aber sie haben einfach probiert. Es war nicht die
Konsequenz von Sicherheitsanalyse und Training. Der Störfall war nicht
vorauszusehen, und es war auch nicht abzusehen, ob die Gegenmaßnahmen
greifen würden", kritisiert Höglund. Die Mannschaft aus dem
Kontrollraum jedenfalls sei anschließend "so fertig" gewesen, dass sie
ihre Schicht vorzeitig beendet habe und psychologische Betreuung
brauchte, sagt der Ingenieur.
Was den Störfall für ihn so gravierend macht ist ein Phänomen, das
Höglund als "Common Cause Failure" bezeichnet und das in der
Sicherheitsdiskussion über Kernkraftwerke eine wichtige Rolle spielt:
"Damit ist gemeint, dass gleichzeitige Fehlfunktionen in Systemen
auftreten, die einander stützen und ersetzen. Es darf nicht vorkommen,
dass eine Ursache redundante Systeme außer Funktion setzt."
Das bedeutet, der Kurzschluss hätte nicht dazu führen dürfen, dass
keiner der vier Generatoren ansprang und auch die vier Batteriesysteme
lahmgelegt waren. Wenigstens zwei hätten funktionieren müssen. "Mit
solchen Fehlern rechnet niemand", sagt Höglund. "Um die
Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert, möglichst gering zu halten,
könnten vier Diesel von vier unterschiedlichen Herstellern eingebaut
werden. Darauf wird aber verzichtet, um die Kosten überschaubar zu
halten und um die Mitarbeiter einheitlich zu schulen."
Dies sei riskant, zumal es sich bei der Stromversorgung um die
zweitwichtigste Komponente in einem Atomkraftwerk handelt: "Die
wichtigste ist die Schnellabschaltung und die Regelung der Steuerstäbe.
Wenn die nicht mehr in den Reaktor eingefahren werden können, kommt es
unweigerlich zur Kernschmelze. Auch dafür gibt es redundante Systeme,
die in Forsmark auch funktioniert haben. Doch dann kommt schon die
Stromversorgung. Ohne Strom habe ich keine Möglichkeit, Kühlwasser zu
pumpen, weil die Pumpen elektrisch betrieben werden. Verdampft das
Kühlwasser, kommt es zur Überhitzung und unkontrollierten Reaktion des
Kerns. Deshalb darf der Strom nicht ausfallen."
Schon die Arbeiten am Hochspannungsnetz in der Nähe des Reaktors hätten
niemals während des Betriebs des Kraftwerks unternommen werden dürfen.
Denn die würden die Gefahr eines Störfalls bergen.
Höglund stellt in diesem Zusammenhang die Frage nach der
Sicherheitsphilosophie in Atomkraftwerken. "Wenn in so einem kritischen
Punkt wie der Stromversorgung letztlich der Zufall entscheidet, ob es
zu einer Katastrophe kommt oder nicht, ist die gesamte
Reaktorsicherheit infrage gestellt. Dann muss ich mich fragen, wie
viele unbekannte Fehler sich noch verstecken und wie verlässlich die
ganzen Sicherheitsberechnungen sind. Es geht nicht an, dass die
Sicherheit der Atomkraft auf gut Glück basiert."
erschienen am 9. August 2006
http://www.abendblatt.de/daten/2006/08/09/595732.html
> Experte: So nah war der GAU
Atom-Störfall: Die 23 dramatischen Minuten von Forsmark. Was geschah
wirklich am 25. Juli in dem schwedischen Kernreaktor? Im Abendblatt
behauptet der frühere Planungschef: Nur Glück verhinderte eine
Katastrophe.
Von Frank Ilse
Ein Störfall am 25. Juli im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark bei
Stockholm hätte beihahe zum Gau führen können.
Ein Störfall am 25. Juli im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark bei
Stockholm hätte beihahe zum Gau führen können. Foto: DPA
Hamburg/Stockholm -
Im Turbinengebäude trat Dampf aus, die Sprinkleranlage setzte ein,
Sirenen heulten: Der Störfall in dem schwedischen Kernkraftwerk
Forsmark I bei Stockholm (wir berichteten) lief offenbar weit
dramatischer ab als bislang öffentlich bekannt.
Zwei Wochen nach den Geschehnissen erhebt der frühere Chef der
Konstruktionsabteilung des Reaktors, Lars-Olov Höglund, im Abendblatt
schwere Vorwürfe.
Im Zeitraum zwischen dem Stromausfall im Kraftwerk und dem Start der
Notstromdiesel, so Höglund, habe unter den Mitarbeitern Panik
geherrscht. "Es war die schlimmste Situation seit Tschernobyl und
Harriburg. Wir waren furchtbar nahe an einer richtig gefährlichen
Situation." Eine Kernschmelze und damit der GAU (größter anzunehmender
Unfall) seien nur knapp vermieden worden.
Der frühere Vattenfall-Mitarbeiter hatte nach eigenen Angaben Einsicht
in die offiziellen Unterlagen über den Störfall: "Je mehr ich darüber
lese, umso schwerwiegender stufe ich die Sache ein", so Höglund zum
Abendblatt. "Vattenfall sagt zwar zu Recht, dass alles gut ausgegangen
ist. Aber das war reines Glück!" Nach Höglunds Schilderung spielte sich
im Kontrollraum des Meilers Forsmark I am 25. Juli ein 23 Minuten
dauerndes Drama ab. "Durch Arbeiten am Hochspannungsnetz in der Nähe
des Reaktors kam es zu einem Kurzschluss, der die Stromversorgung des
Kraftwerks von außen lahmlegte. Doch anders als vorgesehen lieferten
weder die für so einen Fall eingebauten Batteriesysteme Strom, noch
sprangen die Notstrom-Dieselaggregate an", sagt Höglund.
Nach seiner Aussage gibt es in schwedischen Atomkraftwerken zwei
Sicherungssysteme, die bei Stromausfall greifen sollen: "Zum einen vier
voneinander unabhängige Batteriesysteme, die jeweils 50 Prozent der für
das Kraftwerk benötigten Leistung liefern. Und unabhängig davon noch
einmal vier Dieselgeneratoren, die wiederum jeweils 50 Prozent der
notwendigen Leistung bringen. Theoretisch reicht also die Leistung von
zwei der insgesamt acht Möglichkeiten, das gesamte Kraftwerk mit Strom
zu versorgen."
"Diese Eigenvorsorge ist eine Konstruktionsvoraussetzung bei
Kernkraftwerken. Üblicherweise springen diese Systeme automatisch an.
Aber nicht in diesem Fall. Keines der Systeme sprang an. Das ist sehr
ungewöhnlich und darf nicht passieren", sagt Höglund. Dieser Fehler war
unbekannt und deshalb auch ungeübt. "Die sieben Leute im Kontrollraum
wussten einfach nicht, wie sie darauf reagieren sollten, und wurden
panisch."
erschienen am 9. August 2006
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