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DPA: Nach Störfall in Schweden: Diskussion um deutsche Kernkraftwerke



DPA, 04.08.06

> Nach Störfall in Schweden: Diskussion um deutsche Kernkraftwerke

Berlin (dpa) - Nach dem Atom-Störfall in Schweden ist ein heftiger Streit 
um die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke entbrannt. Während die 
Energiekonzerne am Freitag eine vergleichbare Panne in einem der 17 
deutschen Meiler ausschlossen, warnten Atomkraftgegner vor unzumutbaren 
Risiken und forderten einen raschen Ausstieg.

Das Bundesumweltministerium sprach von einem «sicherheitstechnisch 
ernsten Ereignis» im Atomkraftwerk Forsmark, das zur vorsorglichen 
Abschaltung von 4 der 10 Kraftwerke in Schweden geführt hatte. Nun werde 
geprüft, ob die Notstromversorgung der deutschen Kraftwerke fehlerfrei 
arbeite.

Eine Ministeriumssprecherin sagte, es müsse rasch geklärt werden, ob in 
den deutschen Atomkraftwerken Notstromsysteme oder Komponenten vom 
Hersteller AEG geliefert worden seien, «die in Schweden möglicherweise 
Ursache der gravierenden Auswirkungen des Kurzschlusses waren». An der 
Prüfung beteiligt sind die Gesellschaft für Reaktorsicherheit, das 
Bundesamt für Strahlenschutz und die Atomaufsichtsbehörden der Länder. 
Nach dpa-Informationen sind in mehreren Kraftwerken Notstrom-Komponenten 
von AEG eingebaut, die allerdings nicht baugleich mit dem Forsmark-System 
sein sollen.

Die Umweltschutzorganisation BUND forderte nach dem «Beinahe-GAU in 
Schweden» die Regierung auf, den gesetzlich vereinbarten Atomausstieg zu 
beschleunigen. Im Februar 2004 und im Oktober 2005 habe es in Biblis 
ähnliche Ausfälle der Notstromaggregate gegeben. Im Kraftwerk Forsmark, 
das vom Energiekonzern Vattenfall betrieben wird, waren am 26. Juli nach 
einem Ausfall der Stromversorgung zwei der vier Dieselaggregate zur 
Notstromversorgung nicht wie geplant automatisch angelaufen. 
Medienberichten zufolge soll der Reaktor rund 20 Minuten außer Kontrolle 
gewesen sein, bis die Ingenieure das Problem in den Griff bekommen 
hätten.

Die deutschen Kernkraftbetreiber teilten mit, erste Analysen in den 17 
Kraftwerken hätten ergeben, dass der schwedische Störfall nicht 
übertragbar sei. Falsch sei, dass in Forsmark eine Kernschmelze gedroht 
habe. Die Kühlung habe zu keiner Zeit versagt, hieß es weiter. Der 
Störfall habe auf der internationalen Skala von 0 bis 7 den Faktor 2 
erreicht. Erst ab Stufe 4 gehe eine Gefahr für Menschen und Umwelt aus.

Eine Sprecherin des größten deutschen Energiekonzerns E.ON, der in 
Schweden am Atomkraftwerk Oskarshamn beteiligt ist, sagte, das Konzept 
der Stromversorgung und die verwendeten Wechselrichter (Stromumwandler) 
in den sechs deutschen E.ON-Meilern unterschieden sich signifikant vom 
schwedischen Forsmark-Reaktor. Die schwedische E.ON-Tochter hat zwei von 
drei Reaktoren in Oskarshamn abgeschaltet.

Die stellvertretende BUND-Vorsitzende Brigitte Dahlbender sagte, die von 
den Stromkonzernen angedachte Laufzeitverlängerung für das störanfällige 
AKW in Biblis dürfe nicht genehmigt werden. Die Reaktoren in Biblis, 
Neckarwestheim und Brunsbüttel müssten binnen vier Jahren abgeschaltet 
werden.

Nach Ansicht der Grünen-Politikerin Bärbel Höhn ist die Atomkraft auf 
Dauer nicht beherrschbar. «Wir sind um rund sieben Minuten an einem 
möglichen Super-GAU vorbeigeschliddert, der weite Teile Skandinaviens 
atomar verseucht hätte und von dem auch Deutschland stark betroffen 
gewesen wäre.» Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW erklärte, 
bereits ein Unwetter könne in einem AKW einen folgenschweren Kurzschluss 
auslösen.

Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD), die die 
Aufsicht über die von Vattenfall betriebenen Atomkraftwerke Brunsbüttel 
und Krümmel hat, kritisierte die Informationspolitik des schwedischen 
Konzerns. «Ich hätte erwartet, dass der Betreiberkonzern uns unverzüglich 
über ein solches Ereignis in einer von ihm in Schweden betriebenen Anlage 
informiert», sagte sie. Das Ministerium habe von dem Störfall aus der 
Presse erfahren.