ddp: «Kein Sicherheitsrabatt» - EnBW zieht personelle Konsequenzen aus unbemerkter Störung in Neckarwestheim
DDP, 17.09.04
> «Kein Sicherheitsrabatt» - EnBW zieht personelle Konsequenzen aus
unbemerkter Störung in Neckarwestheim
Karlsruhe (ddp-bwb). Der Streit zwischen dem Energiekonzern EnBW und dem
baden-württembergischen Umweltministerium über einen Zwischenfall Ende
Juli im Atomkraftwerk (AKW) Neckarwestheim hat jetzt personelle
Konsequenzen. Der technische Leiter des AKW muss gehen. Das gab EnBW-
Konzernchef Utz Claassen am Freitag in Karlsruhe bekannt. Umweltminister
Stefan Mappus (CDU) begrüßte die Entlassung und betonte, es werde «nie
und für niemanden» einen Sicherheitsrabatt beim Betrieb von
Kernkraftanlagen geben. Die Grünen kritisierten, die EnBW reagiere immer
erst auf öffentlichen Druck.
Claassen sagte, er teile die Auffassung von Mappus, dass Vertrauen in die
Kernkraft stringenter Aufsicht und Kontrolle bedürfe. Auch kleinste
Oberflächlichkeiten im Kommunikationsverhalten werde er nicht mehr
dulden.
Bei der Dekontamination von Kühlmittelpumpen war am 27. Juli unbemerkt
und unkontrolliert radioaktives Reinigungswasser in den Neckar geflossen.
Flüssige Abfälle wurden kontaminiert, die nach weiteren Ermittlungen
ebenfalls unbemerkt vom Kraftwerksgelände abtransportiert wurden. Nach
Aussage des Umweltministeriums wurde dies am Donnerstagabend gemeldet.
Das Ministerium habe inzwischen veranlasst, dass die Flüssigkeit bei der
Entsorgungsfirma sichergestellt wurde.
Laut EnBW lag die Radioaktivität des in den Neckar gelangten Wassers und
der entsorgten Abwässser jeweils bei zwei Megabecquerel und war damit
sehr niedrig. Die Panne wurde am 18. August bei der Überprüfung von
Wasserproben bemerkt. Erst am 27. August wurde die Fehlerursache
festgestellt.
Der Energiekonzern hatte zunächst den Standpunkt vertreten, die
Einleitung der geringfügigen Menge Radioaktivität in den Fluss sei
zulässig gewesen. Mappus sagte daraufhin, er habe «erhebliche Zweifel»,
ob die EnBW aus ähnlichen Vorfällen im AKW Philippsburg im September 2002
und im April dieses Jahres die richtigen Lehren gezogen habe, und ordnete
ein Bußgeldverfahren gegen die Verantwortlichen an.
Der energiepolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Walter Witzel, sagte,
der «Verbalradikalismus» von Claassen sei schon einmal dagewesen. Sein
Vorgänger Gerhard Goll habe ebenfalls eine Null-Toleranz-Politik
angekündigt. Darauf sei es zu einer ganzen Kette von Störfällen gekommen.
Er habe nicht den Eindruck, dass sich bei Sicherheitsphilosophie und
staatlicher Kontrolle irgendetwas geändert habe, betonte Witzel.
Mappus begrüßte dagegen den Sinneswandel bei Claassen. Er hoffe, dass
nunmehr ein «Ruck» durch das gesamte Unternehmen gehen werde. Das erwarte
er von der EnBW, fügte Mappus hinzu. (Quellen: alle in Mitteilungen)