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HN-St: Der Saft aus der Steckdose bleibt flüssig



Heilbronner Stimme, 06.08.03

> Der Saft aus der Steckdose bleibt flüssig

Von Peter Reinhardt  
In der Hitze stehen die Windräder still, manchem Wasserkraftwerk fehlt 
das Wasser und den Kernkraftwerken am Neckar die Kühlung. Zugleich 
rechnet der Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) in diesen Tagen 
mit neuen Rekordzahlen beim Stromverbrauch im Sommer. VDEW-Präsident 
Werner Brinker gibt dennoch Entwarnung: "In Deutschland ist die 
Stromversorgung trotz Hitzewelle sicher."

Die extreme Trockenperiode trifft die Kernkraftwerke am Neckar doppelt: 
Der Fluss führt schon wenig Wasser und das ist auch noch relativ warm. 
Der Atommeiler in Neckarwestheim musste nach Auskunft der EnBW Kraftwerke 
AG bereits vorgestern "kleinere Leistungseinschränkungen " verkraften, 
weil die kritische Temperatur von 28 Grad überschritten war. Dagegen ist 
in diesem Jahr die Mindestmenge von 25 Kubikmeter Wasser pro Sekunde beim 
Pegel Lauffen noch nicht unterschritten worden.

Noch mehr Glück haben die Betreiber in Obrigheim: Weil demnächst die 
turnusmäßige Revision ansteht, wird dort ohnehin schon jetzt die 
Produktion gedrosselt. Das Kraftwerk Heilbronn, das ebenfalls das 
kühlende Nass aus dem Neckar holt, hatte dieses Jahr noch keine Probleme.

Und die beiden Blöcke in Philippsburg laufen, da es am Rhein keine 
Probleme mit der Wassermenge gibt, unbeeinträchtigt. Für die EnBW als 
Betreiber zahlen sich gerade jetzt die teueren Türme aus, die sie mit 
Millionenaufwand gebaut haben. Sie erwärmen die Flüsse erheblich weniger 
als die Direktkühlung, die in Frankreich Praxis ist.

Zuletzt herrschte rechts des Rheins vor zwei Jahren extremer Strommangel, 
weil entlang der Rhone viele Kernkraftwerke abgeschaltet werden mussten. 
Die deutsche Konkurrenz verdiente sich damals eine goldene Nase am 
Stromexport.

"Die steigenden Preise an der Strombörse lassen auf eine wachsende 
Nachfrage schließen", bilanziert Brinker den Trend der letzten Wochen. 
Doch als Auslöser für die Explosion der letzten Tage sieht der VDEW-Chef 
nicht den Bedarf in Deutschland, sondern derzeit vor allem den 
italienischen.

Die Kilowattstunde Grundlast kostete für den 15. Juli 10,2 Cent, nach 3,7 
Cent am Vortag. Für Spitzenzeiten tagsüber legen die Käufer sogar ein 
Mehrfaches auf den Tisch der Händler in Leipzig. Italien gilt 
traditionell als Stromimportland, das regelmäßig - auch aufgrund vieler 
Klimageräte - im Sommer seine lieben Nöte mit der Versorgung hat.

In kälteren Deutschland treten die Verbrauchsspitzen regelmäßig im Winter 
auf. Die Spitzenlast ist bisher im Sommer hier zu Lande 10 000 Megawatt 
niedriger, was immerhin der Kapazität von etwa sieben großen 
Kernkraftwerken entspricht.

Klimageräte sind zwar auch in Deutschland im Kommen, weiß eine VDEW-
Expertin. Doch zugleich hätten eben viele Firmen gerade in den heißesten 
Wochen des Jahres ihre Werksferien. Entsprechend sieht Verbandspräsident 
Brinker ausreichend Reserven für die heiße Zeit bei den Anlagen.

Sonniges Frühjahr und heißer Sommer haben der Stromproduktion aus 
Sonnenenergie kräftige Wachstumsraten beschert. Gegenüber dem Vorjahr 
liegt das Plus bei 30 Prozent, kalkuliert man zum Beispiel beim 
Bayerischen Elektrizitätsverband. Doch damit können die Einbußen bei der 
Wasserkraft nicht ausgeglichen werden, weil Sonne und Wind nur ein 
Prozent zur gesamten Stromproduktion in Baden-Württemberg beisteuern, 
Wasserkraftwerke dagegen knapp acht Prozent.

Schon im April und Mai mussten die Wasserkraftwerke in Deutschland 
jeweils ein zweistelliges Minus gegenüber 2002 verkraften. Die erzeugte 
Strommenge sank für die ersten fünf Monate um fünf Prozent. In Baden-
Württemberg fehlen genaue Zahlen. "Bei uns bewegt sich das fast noch im 
normalen Bereich", fasst eine EnBW-Sprecherin zusammen. In Baden-
Württemberg dominieren noch immer die Kernenergie, aus der 58 Prozent des 
Stroms erzeugt werden, und die Steinkohlekraftwerke, die 24 Prozent 
beisteuern.

06.08.2003