StZ: Windenergie in der Kritik
Stuttgarter Zeitung, 01.08.03
> Ein laues Lüftchen kommt teuer
> Windenergie in der Kritik
Die Union streitet über die Förderung der Windenergie. Ministerpräsident
Teufel und andere haben sich klar dagegen ausgesprochen. Derweil wachsen
die Zweifel, ob die Windkraft maßgeblich zur Deckung des Energiebedarfs
beitragen kann.
Von Werner Birkenmaier
Deutschlands Stromversorgung zeichnet sich im internationalen Vergleich
als sehr zuverlässig aus. Für kritische Situationen ist Vorsorge
getroffen. Dennoch kam es Anfang Januar im Bereich der RWE Net fast zu
einem Zusammenbruch des Netzes. Über Europa herrschte eine Hochdruck-
Kaltfront, verbunden mit fast völliger Windstille. Die Windkraftanlagen
lieferten keinen Strom, den die RWE eigentlich in ihr Netz einspeisen
muss.
Bedingt durch den hohen Verbrauch wegen der kalten Witterung und den
Ausfall der Windenergie kam es zu einer Unterdeckung an kurzfristig
aktivierbarer Regelreserve von rund 60 Prozent. Bei Unterdeckungen dieser
Größenordnung ist ein zuverlässiger Systembetrieb stark gefährdet. Weil
der Wind weht, wann er will, müssen beim geplanten Ausbau der Windkraft
rund 11 000 Megawatt und damit ein Vielfaches des heutigen Wertes an
Reservebedarf vorgehalten werden. Das ist mit Mehrkosten verbunden. Die
Gleichung lautet: je mehr Windkraft, desto mehr vorzuhaltende
Regelenergie, desto höhere Kosten.
Angesichts dieses Sachverhaltes kann es nicht verwundern, dass die
Windkraft wieder in die politische Diskussion gerät und skeptische
Politiker fragen, ob es sinnvoll sei, diese Energieart weiterhin zu
subventionieren. Im Streit darüber, wie die vorgezogene Steuerreform zu
finanzieren sei, hat sich Umweltminister Jürgen Trittin gegen eine
Kürzung von Subventionen und für eine höhere Verschuldung ausgesprochen.
Der Grund dafür liegt auf der Hand: Er will nicht, dass die Subventionen
für den Auf- und Ausbau der Windkraft gekürzt oder gar gestrichen werden.
Die Windenergie ist ein Herzensanliegen der Grünen, dem sie zu einem
nicht wesentlichen Teil ihren Wahlerfolg verdanken. Windräder sind
geradezu ein Symbol grüner Politik. Unstreitig tragen sie dazu bei, bei
der Energiegewinnung den Ausstoß von Kohlendioxid zu vermindern, und die
Risiken und Entsorgungsprobleme der Atomenergie kennen sie nicht. Aber
die Sache hat einen Schönheitsfehler. Der Anteil der Stromerzeugung aus
Windkraft an der gesamten Netto-Stromerzeugung ist im Verhältnis zur
installierten Leistung gering. Windkraftanlagen können allenfalls zehn
Prozent an herkömmlicher Kraftwerksleistung ersetzen.
Doch wie auch immer, seit dem Inkrafttreten des Erneuerbare Energien-
Gesetzes (EEG) am 1. April 2000 hat sich die Bundesrepublik zum Windkraft-
Weltmeister entwickelt. Entlang der Nord- und Ostseeküste, vermehrt aber
auch im Inland, stehen inzwischen rund 14 000 Windräder mit einer
Gesamtleistung von 12 000 Megawatt. Auch wenn der Wind unzuverlässig
bläst und die Windräder im Gegensatz zu Kernenergieanlagen und anderen
thermischen Kraftwerken öfters stillstehen, decken sie übers Jahr mehr
als vier Prozent des Stromverbrauchs.
Der Boom erklärt sich leicht: Die Inhaber von Windkraftanlagen dürfen von
Netzbetreibern wie Eon, RWE Net oder EnBW eine hohe Einspeisungsvergütung
verlangen, die das Geschäft mit der Windenergie höchst profitabel macht.
Nicht von ungefähr spricht man ironisch von einer "vierten Fruchtfolge
für Landwirte". Die Netzbetreiber legen die Vergütungskosten gemäß
Energiegesetz auf alle Stromkunden um. Der Endverbraucher zahlt diese
indirekte Subvention mit seiner Stromrechnung. Das Volumen dieses
staatlich verordneten Opfers zu Gunsten erneuerbarer Energien dürfte sich
dieses Jahr auf mehr als drei Milliarden Euro belaufen - und übertrifft
damit die Subvention für die Steinkohle.
Die Ausgaben für die Windkraft haben eine steigende Tendenz. Die
Regierung plant nämlich, die Leistung der in Deutschland aufgestellten
und noch zu errichtenden Windräder bis zum Jahr 2020 auf 30 000 Megawatt
zu steigern und damit mehr als zu verdoppeln. Da günstige Standorte für
Windenergieparks im Binnenland inzwischen knapp werden und deren Planung
auf zunehmenden Widerstand von Landschaftsschützern stößt, denkt man
daran, riesige Anlagen "offshore" in der Nordsee zu errichten. Das aber
wäre mit technischen Risiken, vor allem aber mit hohen Folgekosten
verbunden. Auf den Verbraucher kämen weitere Belastungen zu.
Nicht zuletzt deshalb mehren sich in der CDU/CSU die Stimmen, die sich
gegen einen weiteren Ausbau der Windkraft aussprechen. So fordern der
saarländische Ministerpräsident Peter Müller und der nordrhein-
westfälische CDU-Landeschef Jürgen Rüttgers, die Subventionen zu
streichen. Der CDU-Politiker Christoph Böhr fragt: "Wie wäre es
beispielsweise mit einer Kürzung der Subventionen für Windkrafträder, die
überall die Landschaft verschandeln?" Ähnlich äußert sich Baden-
Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel, der nie ein Freund von
Windenergie war. Ohne Dauersubvention sei sie nicht konkurrenzfähig,
meint er. Auch er kritisiert die Verspargelung der Landschaft. Und in der
Tat stößt sich hier Ökologie an Ökologie.
Peter Paziorek, der umweltpolitische Sprecher der CDU/CSU-
Bundestagsfraktion, warnt hingegen vor diesem Schritt und meint, bei der
Vergütung für die Windkraft handele es sich um eine Umlage auf den
Strompreis, die mit den Haushalten von Bund und Ländern nichts zu tun
habe. Das ist allerdings ein Scheinargument. Ob Direktsubvention oder
Umlage, es bleibt eine Subvention. Eher hätte Paziorek sich darauf
berufen können, dass angesichts der Auflagen des Kyoto-Umweltprotokolls
ohnehin mit einem Ausbau der Windenergie zu rechnen sei. So hat
Großbritannien erst kürzlich seine Absicht bekundet, den Anteil der
erneuerbaren Energien beträchtlich zu steigern. Und auch im Rahmen der EU
gibt es ähnliche Bestrebungen. Bis zum Jahr 2010 soll der Strombedarf der
Mitgliedsländer zu 22 Prozent aus regenerativen Energien (einschließlich
Wasserkraft) gedeckt werden. Das wären dann acht Prozent mehr als 1997.
Man muss dabei allerdings die Ausgangsbasis beachten. Während im
vergangenen Jahr in Deutschland gut 12 000 Megawatt von Windrädern
erzeugt wurden, waren es im küstenreichen England gerade einmal 550
Megawatt und in der gesamten Europäischen Union rund 23 000 Megawatt.
Frankreich fällt dabei fast vollständig aus. Die Franzosen setzen
unverdrossen auf Kernenergie und verstehen die Deutschen nicht, die ihre
Atomkraftwerke auslaufen lassen.
Doch jenseits solcher Planungen gibt es bei der Windkraft ein technisches
Problem, das zunehmend in den Blick gerät. Es lässt sich auf den Nenner
bringen: Windenergie braucht Reservekraftwerke. Es muss immer damit
gerechnet werden, dass statt eines starken Windes nur ein laues Lüftchen
weht oder ein Orkan zur Abschaltung der Windkraftanlagen zwingt. Für
solche Fälle muss Reserve- und Regelenergie aus konventionellen
Kraftwerken vorgehalten werden, und zwar umso mehr, je höher der Anteil
der Windenergie im Netz ist. Die Kosten dafür hat der Netzbetreiber zu
bezahlen, der sie an seine Konsumenten weitergibt.
Die Kosten für die Regelenergie betragen heute schon rund 390 Millionen
Euro und könnten sich bis zum Jahr 2020 auf über eine Milliarde Euro
steigern. Anders gesagt: es wird immer schwieriger, die Leistung der sich
vermehrenden Windräder in das Stromnetz störungsfrei zu integrieren.
Elektrischer Strom kann praktisch nicht gespeichert werden. Er muss
irgendwie im Netz "untergebracht" werden. Umgekehrt müssen in windstillen
Zeiten konventionelle Kraftwerke die Stromlücke füllen. Diese
Regelungsaufgabe obliegt in Deutschland den Netzbetreibern RWE Net, Eon,
EnBW und Vattenfall Europe. Sie erbringen eine Leistung, die künftig
teurer wird. Für die Aufrechterhaltung des Stromgleichgewichts sind nur
besondere Regelkraftwerke in der Lage, da "normale" Kraftwerke ihre
Erzeugung nicht mit der erforderlichen Geschwindigkeit ändern können. Das
behauptet jedenfalls der Netzbetreiber RWE.
Die wachsende Bedeutung der Windenergie hat bereits zu einer deutlichen
Verteuerung der Regelenergie geführt. Kommt es zum geplanten Zubau an
Windrädern, werden sich diese Kosten verdoppeln. Wie gesagt, durch immer
mehr Windräder wächst der Bedarf an "Regelenergie", die zudem teurer ist
als etwa Grundlaststrom. Für den Ausgleich sorgen meist Kohlekraftwerke,
die durch die Anpassung der Stromproduktion an die schwankende
Windleistung mehr Brennstoff verbrauchen und damit den Ausstoß an
Kohlendioxid erhöhen. Damit schrumpfen die ökologischen Vorteile der
Windkraft.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Um den Ökostrom der ständig wachsenden
Zahl von Windmühlen abzutransportieren, müssen weitere Überlandleitungen
gebaut werden. Kommen die geplanten Offshore-Windkraftanlagen in der
Nordsee hinzu, dann müssen - so sagt ein Gutachten der Technischen
Hochschule Aachen - bis zu tausend Kilometer neue Leitungstrassen gelegt
werden - auch dies ein Umweltproblem. Gerade in Schleswig-Holstein sei
das Netz schon jetzt am Rand seiner Leistungsfähigkeit, heißt es bei Eon.
Die Kosten für den Netzausbau dürfen aber laut Energiegesetz nicht
bundesweit umgelegt werden. Das könnte dann zu regionalen
Preisverzerrungen führen.
Diese Folgekosten sind für die Wirtschaft ein Standortnachteil. In der
energieträchtigen Aluminiumindustrie denkt man daher über Standortwechsel
nach. Wie hoch diese Folgekosten sein können, hat Rot-Grün wohl nicht
bedacht. Als Folge der auslaufenden Nutzung der Kernkraftwerke und
bedingt durch die Altersstruktur der konventionellen Anlagen müssen von
2010 an bis zu 60 000 Megawatt nukleare und konventionelle Kapazitäten
ersetzt werden. Wie dieser Einstieg in eine umwelt- und
standortverträgliche Stromversorgung gelingen soll, weiß auch die
Regierung nicht so recht. Jedenfalls streiten sich die Minister Wolfgang
Clement und Jürgen Trittin darüber, wie ein nachhaltiges Energiekonzept
aussehen sollte.