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StN: Riskantes Spiel mit der Natur



Stuttgarter Nachrichten, 30.07.03

> Riskantes Spiel mit der Natur 
> Das Potenzial nutzen! Windkraft: Strom der Zukunft?
 
Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) hat mit seinen jüngsten 
Stellungnahmen gegen den Ausbau der Windenergie in Baden-Württemberg 
erneut die Diskussion um die energiepolitische Zukunft des Landes 
entfacht. Was spricht für, was gegen die CO2-freie Stomerzeugung durch 
Windkraft? Auch in den Reihen der Redaktion gehen die Meinungen darüber 
auseinander.
 
Mit seinen Seitenhieben auf die Windkraft hat der Ministerpräsident 
wieder mal eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass seine grüne Ader 
nicht sonderlich ausgeprägt ist. Dass seine Überzeugungen, wie er glauben 
machen will, auf knallhartem Zahlenmaterial fußen, darf man deshalb 
getrost vergessen. Gegen die Windräder ist der Don Quichotte aus 
Spaichingen schon angerannt, lange bevor ihm einer ins Ohr geflüstert 
hat, dass der Strom aus Windkraft ohne Zweifel eine ziemlich kostspielige 
Angelegenheit ist.

Nein, es ist viel simpler: Mit gutem Grund gefallen vielen Menschen, so 
auch Teufel, die Windräder einfach nicht. Der Ministerpräsident brachte 
seine ästhetisch fundierte Abneigung in der Phrase von der "Verspargelung 
der Landschaft" zum Ausdruck. Dass jeder Arbeitsplatz in der Wind-Branche 
tatsächlich mit 40 000 Euro im Jahr vom Stromkunden bezuschusst wird, 
kommt jetzt allen intuitiven Windkraftgegnern im Nachhinein argumentativ 
zugute.

Doch wären die hohen Investitionskosten in die Zukunft allein das 
schlagende Argument - die Atomkraft, der Teufel so gerne das Wort redet, 
würde es heute nicht geben. In jede Kilowattstunde AKW-Strom steckte 
Deutschland zwischen 1966 und 2000 einen Pfennig öffentliche Gelder - 
insgesamt über 15 Milliarden Euro.

Was den Rotoren bei Abwägung der Argumente neben der Kostenfrage hier zu 
Lande vor allem den Wind aus den Segeln nimmt, ist weniger die Kosten-
Nutzen- als die Schaden-Nutzen-Analyse. Denn in unserem hoch 
industrialisierten Land drohen diese Industriebauten, die letzten freien 
Lücken Natur zu schließen. Geeignete Standorte für Windräder sind in der 
Regel nunmal die exponiertesten Lagen der verbliebenen naturnahen 
Gebiete. Wer diese für einen in jedem Fall gering bleibenden Anteil der 
Windkraft an der Strommenge aufs Spiel setzt, riskiert zu viel. So 
gesehen hat Teufel Recht - wenn auch nur aus dem Bauch heraus.

Gegen regenerative Energien hat niemand etwas. Im Prinzip zumindest. 
Solange man von Meinungsforschern danach gefragt wird. Soll dagegen ein 
Windrad in Sichtweite des Wohnorts gebaut werden oder ist Strom wegen der 
Förderung für Öko-Strom um ein Gran weniger billig zu haben, sieht die 
Sache schon anders aus. Dann heißt die Devise vieler Bürger und 
Politiker: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Sicher kann es 
nicht darum gehen, auf jede Bergkuppe im Südwesten ein Windrad zu setzen. 
Auch ist die Windkraft nicht der Schlüssel zur Lösung des 
Energieproblems. Aber wenn die Absichtserklärungen zur Eindämmung des 
Treibhauseffekts nicht bloße Lippenbekenntnisse bleiben sollen, wird man 
auch um die Nutzung solcher Energien nicht herumkommen, die man auf den 
ersten Blick für Spielerei halten mag. Dazu gehört auch die Windkraft. 
Ihr Beitrag zur Gesamtenergieversorgung mag in Deutschland eher gering 
sein. Doch ist das ein Grund, ihr Potenzial nicht wenigstens 
auszuschöpfen? Immerhin liefern die in Deutschland bereits installierten 
und geplanten Anlagen rund 20 Gigawatt elektrischer Leistung - das ist 
fast so viel wie zehn Atomkraftwerke. Im Verein mit anderen regenerativen 
Energieträgern wie Sonne und Biobrennstoffen ist die Windenergie alles 
andere als unbedeutend. Der Mineralölriese Shell rechnet damit, dass in 
einem halben Jahrhundert fast ein Drittel des Weltenergiebedarfs aus 
solchen Quellen kommen könnte. Klar ist aber auch, dass dies nicht von 
selbst und zum Nulltarif zu haben ist. Es mag populär sein, die Windkraft-
Förderung als Subvention zu geißeln, wie Ministerpräsident Erwin Teufel 
das getan hat. Weitsichtig ist es nicht. Von der Elektrifizierung 
angefangen gibt es nur wenige neue Technologien, die sich ohne eine 
Anschubfinanzierung durchgesetzt haben. Im Vergleich mit der von Teufel 
als "sauber" gepriesenen Atomkraft nimmt sich die Windenergie da eher 
bescheiden aus.