Stuttgarter Zeitung, 20.05.1998
¸¸Wir haben einen ganzen Zoo von Isotopen
gefunden''
In Tauben aus Sellafield ist Plutonium gefunden worden
/Von Eckhard Stengel
Manche Erkenntnisse verdankt die Menschheit banalen
Alltagssituationen. Zum Beispiel einem Streit unter Nachbarn.
In Seascale, einem Ort an der Nordwestküste Englands
in
Sichtweite der Wiederaufarbeitungsanlage und weiterer
Atomfirmen in Sellafield, leben zwei ältere Damen.
Seit Jahren
füttern sie Tauben. Hunderte von Tauben. Als sich
ein
genervter Nachbar beschwert, rückt schließlich
die
¸¸Königliche Gesellschaft zur Verhinderung
von Grausamkeiten
an Tieren'' an. Danach liegen 150 Vögel tot am Boden:
abgeschossen.
So jedenfalls schildert ¸¸Greenpeace'' jenen
Vorgang, der den
Umweltschützern neue Erkenntnisse verschaffen sollte.
Denn
nach dem Taubenschießen kam jemandem die Idee, die
Vögel
auf Radioaktivität testen zu lassen - um zu sehen,
ob die
störfallberüchtigten Nuklearanlagen, die auch
deutschen
Atommüll wiederaufarbeiten, noch immer strahlen.
So landeten einige der Tiere bei der Betreiberfirma BNFL,
beim Londoner Ernährungsministerium und im Bremer
Universitätsinstitut für Umweltphysik. Dort
ist auch eine
¸¸Landesmeßstelle für Radioaktivität''
angesiedelt. Ihr Leiter
Gerald Kirchner und sein technischer Mitarbeiter Werner
Herzer analysierten diesmal allerdings nicht von Amts
wegen,
sondern im Auftrag von ¸¸Greenpeace''.
Mit Erfolg: ¸¸Wir haben einen ganzen Zoo von
Isotopen
gefunden, zum Teil sehr exotische'', erzählt Kernphysiker
Kirchner im Gespräch mit der ¸¸Stuttgarter
Zeitung''. ¸¸Taube
01'' ist so mit Cäsium belastet, daß sich der
43jährige an Pilze
aus dem Umkreis des Unglücksreaktors Tschernobyl
erinnert
fühlt: Das Federkleid strahlt mit fast 250000 Becquerel
pro
Kilogramm (Bq/kg). Auf Platz zwei der Bremer Rangliste
stand
zunächst Americium mit fast 19000 Becquerel pro Kilo
Federn. Es folgten Ruthenium, Europium, Cer, Kobalt, Zirkon,
Mangan und als Schlußlicht Niob mit 45 Bq/kg. Seit
wenigen
Tagen ist klar, daß das Americium seinen zweiten
Platz an
einen noch gefährlicheren Stoff abtreten muß:
In weiteren
Meßreihen fanden Kirchner& Co. jetzt auch noch
Plutonium.
¸¸So hohe Werte habe ich noch nie gesehen,
weder persönlich
noch in der Literatur'', sagt der Kernphysiker. Es sind
mehr als
26300 Becquerel pro Kilogramm im Gefieder und gut 30
Bq/kg im Fleisch. ¸¸Das ist für Menschen
ungefährlich, solange
das Tier weit weg herumflattert'', meint der Experte.
Problematisch werde es aber, wenn man Taubendreck oder
abgeworfene Federn berühre oder aufgewirbelte Partikel
einatme. Während Cäsium relativ schnell ausgeschieden
werde,
lagere sich Plutonium in Lunge, Leber und Knochen ab.
Kirchner vertritt die Ansicht: ¸¸In der Umgebung
einer
ordnungsgemäß betriebenen WAA darf ich an keiner
Stelle
Plutonium finden - höchstens am Ende des Schornsteins
oder
der Abwasserpipeline, aber nicht mehr nach der Verdünnung
in
der Atmosphäre und im Meer.'' Plutonium ist extrem
langlebig. Daher könnten sich die Tauben verseucht
haben,
als sie in stillgelegten Teilen des riesigen Atomareals
herumflatterten, wo außer der WAA auch Versuchs-
und
Stromreaktoren sowie ein Brennelementewerk stehen.
¸¸Sellafield wurde bis weit in die 80er Jahre
schlampig geführt.
Da stehen genug alte Anlagen herum, die hochversifft
sind'',
berichtet Kirchner aus eigener Anschauung.
In den 50er Jahren (damals hieß die Anlage noch ¸¸Windscale'',
bis sie 1981 wegen ihres schlechten Rufes in ¸¸Sellafield''
umgetauft wurde) produzierte das Militär dort Plutonium
für
Atomwaffen - unter viel laxeren Schutzvorkehrungen als
heute.
¸¸Damals'', so Kirchner, ¸¸glaubte
man zum Beispiel, die
radioaktiven Stoffe im Abwasser würden sich am Meeresgrund
ablagern.'' In Wirklichkeit werden sie teils bis zum
Nordpolarmeer gespült. Ein Brand 1957 galt vor Tschernobyl
als größter Nuklearunfall der Welt. Auch später
gab es immer
wieder Störfälle. Die schlimmsten Sicherheitsmängel
wurden
laut Kirchner erst abgestellt, nachdem das benachbarte
Irland
gegen radioaktive Belastungen protestiert hatte.
Dennoch scheint der Firmenkomplex noch immer eine
Dreckschleuder zu sein. Denn fünf der zehn Nuklide,
die im
Taubengefieder gefunden wurden, sind kurzlebige Stoffe.
¸¸Das
spricht für relativ frische Verstrahlungen'', glaubt
Kirchner. Er
vermutet, daß die Vögel sowohl durch alte Ablagerungen
als
auch durch neuere Emissionen belastet wurden. Offenbar
gebe
es ¸¸Transportwege'' für strahlende Partikel,
die bisher nicht
beachtet würden und auch nicht in die Berechnung
von
Grenzwerten eingingen. Womöglich, so spekuliert Kirchner,
ließe sich dadurch auch die erhöhte Leukämierate
im Raum
Sellafield erklären.
Für die Menschen in der Gegend hält der Experte
nicht nur den
Kontakt mit Tauben oder anderen belasteten Tieren für
problematisch. Noch gefährlicher sei, daß das
Personal oder
Spaziergänger direkt mit strahlenden Partikeln in
Berührung
kämen ¸¸und anschließend auch noch
ihr Lebensumfeld
kontaminieren''. Kirchners Fazit: Auch heute noch wäre
Sellafield ¸¸in Deutschland nicht genehmigungsfähig''.
© 1998 Stuttgarter Zeitung, Germany
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