Stuttgarter Nachrichten, 02.11.99
Rote Karte für Castor
Atomkraftgegner: Castortransporte sollen nicht mehr
rollen
Atomkraftgegner rollen ¸¸Giftfässer'' nach
Stuttgart
Da staunten die Mitarbeiter der Neckarwerke
Stuttgart (NWS) nicht schlecht: Unter dem Motto
¸¸Zurück zum Absender'' rollten am Samstag etwa
40 Anti-Atomkraft-Aktivisten gelbe Giftfässer
vor die Zentrale des Stromlieferanten.
VON TORSTEN SCHÖLL
Anlass der symbolischen Aktion in der
Lautenschlagerstraße war ein Antrag des
Atomkraftwerkbetreibers NWS auf Genehmigung von
zehn so genannten Castortransporten vom AKW
Neckarwestheim in die englische
Wiederaufbereitungsanlage nach Sellafield.
Der Demonstrationszug des Aktionsbündnisses
¸¸Castor-Widerstand Neckarwestheim'' war am
Samstagmorgen in Kirchheim am Neckar
aufgebrochen, um in Ludwigsburg und Stuttgart
auf eine drohende Wiederaufnahme der
Atommülltransporte hinzuweisen. Die waren
eingestellt worden, nachdem in der
Vergangenheit an einigen Castorbehältern
erhöhte Strahlenwerte gemessen worden waren.
Für die Aktivisten bleiben die gelben
Stahltanks ein rotes Tuch: ¸¸Damit wird das
Problem nur verlagert'', betont Heidi Lindstedt
vom Aktionsbündnis, ¸¸aber nicht gelöst.''
Trotzdem: Auch die Gegner sehen gegenwärtig
keine Alternative zu den Castor-transporten.
Einen Dialog über den Verbleib des bisherigen
Atommülls wollen die Befürworter regenerativer
Energien aber erst führen, wenn die Politik
ihre Bereitschaft zum sofortigen Ausstieg aus
der Kernenergie signalisiere. ¸¸Sonst'', sagt
Heidi Lindstedt, ¸¸würden wir uns ja ungewollt
am Erhalt der Atomkraftwerke beteiligen.''
Auf politischem Weg gewinnen die
Atomkraftgegner nach eigener Aussage indes
keinen Blumentopf mehr. Für einen sofortigen
Ausstieg aus der Kernenergie findet sich auch
in Berlin keine Mehrheit. Die Atomkraftgegner
fühlen sich von den Parteien verraten: ¸¸Nach
dem Machtwechsel hat sich auch bei uns
Ernüchterung breit gemacht'', gesteht die
Aktivistin.
Ob die gelben Atommüllfässer wirklich rollen
werden, bleibt abzuwarten: Ein Gutachten zum
Sicherheitsstandard der betreffenden
Castorbehälter soll in drei bis vier Wochen
veröffentlicht werden. Die NWS in Stuttgart
haben für den Fall des Verbots der Transporte
aber vorgesorgt: In Neckarwestheim soll
demnächst ein Atommüllzwischenlager beantragt
werden, das den Weiterbetrieb der Anlage bis
auf weiteres garantieren würde. 40
Anti-Atomkraft-Aktivisten rollten symbolisch
gelbe Giftfässer vor die Zentrale der
Neckarwerke in der Lautenschlagerstraße, um vor
einer Wiederaufnahme der Atommülltransporte zu
warnen. Noch steht ein Gutachten über die
Castorbehälter aus. Foto: Uli Kraufmann
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