Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim 
 Stuttgarter Nachrichten, 10.6.98 

   Schaufler: Ich erwarte Rücktritte

   Minister verteidigt im Castor-Skandal seine Beamten
   und kritisiert Betreiber

   Stuttgart (lsw) - Baden-Württembergs Umweltminister
   Hermann Schaufler (CDU) hat sich in der Auseinandersetzung
   um Grenzwertüberschreitungen bei Atommülltransporten am
   Dienstag vor seine Beamten gestellt.

   ¸¸Die Mitarbeiter meines Hauses sind ihrer Aufsichtspflicht
   uneingeschränkt nachgekommen'', sagte Schaufler vor dem
   Umweltausschuß des Landtags. Er betonte, nach einem
   Bericht der Strahlenschutzkommission aus der vergangenen
   Woche habe zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für
   Begleitpersonal oder Bevölkerung bestanden.

   Schaufler verlangte erneut von der Atomindustrie eine
   lückenlose Aufklärung der Ursachen für die Überschreitungen
   der Strahlengrenzwerte an der Oberfläche der Behälter. Bis
   dahin werde der Stopp für die Transporte weiterhin gelten.
   Der Minister sagte, er werde es nicht akzeptieren, wenn die
   Atomkraftwerksbetreiber sich darauf zurückzögen, die
   erhöhten Strahlenwerte seien nicht meldepflichtig gewesen.
   ¸¸Der Vorgang hätte gemeldet werden müssen.'' Er kündigte
   ein Gespräch mit den Spitzen der Energieversorger für den
   16. Juni an.

   Schaufler erneuerte seine Forderung nach personellen
   Konsequenzen bei den Betreibern der Atomkraftwerke: ¸¸Ich
   erwarte Rücktritte und Kündigungen.'' Bauernopfer wolle er
   aber nicht.

   Der Vorstandsvorsitzende der Energie Baden-Württemberg
   (EnBW), Gerhard Goll, nannte unterdessen die verstrahlten
   Atommüll-Transporte ¸¸nicht tolerabel''. Personelle
   Konsequenzen als ¸¸Bauernopfer'' lehnte er aber ab. Laut Goll
   gehen die Betreiber davon aus, daß die Castor-Transporte
   wieder aufgenommen werden können. Zwar seien Transporte
   noch in diesem Jahr wenig wahrscheinlich. Die Betreiber
   würden aber alles daran setzen, daß die Dinge bis spätestens
   Anfang 1999 wieder in Ordnung seien. Neben den bereits
   genannten Vorschlägen für ein eigenes Melde- und
   Transportsystem dächten die Techniker derzeit über andere
   Transport- und Beladeverfahren nach. Sollte der
   Transportstopp auch noch nächstes Jahr aufrechterhalten
   werden, kommen die Atomkraftwerke laut Goll in Bedrängnis.
   Dann müsse man über andere Maßnahmen nachdenken.

   Laut Schaufler sind auch aus den Atomkraftwerken
   Neckarwestheim und Obrigheim Transporte abgegangen, bei
   denen später radioaktive Verunreinigungen festgestellt
   wurden. Seit 1993 seien aus Neckarwestheim 147 Transporte
   gestartet, von denen acht erhöhte Strahlenwerte aufwiesen.
   Aus Obrigheim waren es 107, von denen einer auffällig war.
   Bereits in der vergangenen Woche hatten die Betreiber des
   Kernkraftwerks Philippsburg eingeräumt, daß seit 1983 bei
   Transporten 65mal überhöhte Strahlenwerte gemessen
   worden waren.

   Kern des Problems ist nach den Schilderungen des
   Umweltministers, daß die Atommüllbehälter beim Verlassen
   der Atomkraftwerke in Baden-Württemberg keine auffällige
   Strahlung auswiesen. Erst durch die Erschütterungen bei der
   Fahrt lösten sich offenbar radioaktive Partikel von der
   Außenhaut der Behälter, die dann später am Zielort die
   erhöhte Strahlung ergäben.

                                   
            © 1998 Stuttgarter Nachrichten, Germany

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