Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim 
Bietigheimer Zeitung, 9.10.97

 
ATOMARE WIEDERAUFBEREITUNG / Besichtigungstour in Sellafield

Technologische Heldentat oder Plutoniumschleuder?

Das Neckarwestheimer GKN schickt 128 Tonnen Brennelemente nach England
SELLAFIELD / NECKARWEST HEIM (öh). Ganz selbstverständlich ist 
Sellafield auf der Karte der touristischen Sehenswürdigkelten 
verzeichnet. Neben alten Gemäuern und idyllischen Flekken wird dem 
Urlauber im wunderschönen Nordwesten von England der Besuch der rund 
eine Quadratmeile großen Atomfabrik ans Herz gelegt. Knapp 15 
Millionen Mark hat die staatliche Betreibergeselischaft British 
Nuclear Fuels Ltd: (BNFL) erst kürzlich in die Modernisierung des 
Besucherzentrums gesteckt, durch das pro Jahr etwa 150 000 Menschen 
geschleust werden  ein Besucherstrom, gegen den sich die Zahl von 
Interessenten, die das Neckarwestheimer Kernkraftwerk ansteuern, wie 
ein dünnes Bächlein ausnimmt. ,,Attraktionen" gibt es in Sellafield 
einige: die vier Galder HallReaktoren, die 1956 von der Queen 
persönlich als erstes kommerziell genutztes Atomkraftwerk der Welt in 
Betrieb gesetzt wurden (und heute noch Strom produzieren), die seit 
langem schon stillgelegte WindscaleAnlage  zur  militärischen 
Verarbeitung von Plutonium, vor exakt 40 Jahren durch einen Unfall zu 
zweifelhaftem Ruhm gelangt, und schließlich die 1994 nach einer 
Planungs und Bauzeit von 20 Jahren fertiggestellte atomare 
Wiederaufbereitungsanlage ,,Thorp". Sie ist Zielpunkt von 
abgebrannten Brennelementen aus Atomkraftwerken in aller Welt. Auch 
die Brennstäbe des Gemeinschaftskernkraftwerks Neckar (GKN) in 
Neckarwestheim werden seit einigen Monaten zur Wiederaufbereitung 
nach Sellafield gebracht: Am Mittwoch voriger Woche hatte der letzte 
von bislang drei Transporten den Verladebahnhof in Walheim verlassen. 
Sechs Tage dauerte die Reise per Bahn und Schiff in den Nordwesten von 
England, jetzt stehen die Waggons mit den BrennelementeBehälter in 
Warteposition neben der ,,Thorp" Anlage, die sich die BNFL 1,85 
Milliarden Pfund, also fast fünfeinhalb Milliarden Mark hat kosten 
lassen. Die angelieferten Brennelemente werden erst einmal für mehrere 
Jahre in einem riesigen Wasserbekken zwischengelagert, das 3000 
Tonnen Platz bietet. Dies passiert, weil man Stabilisierungsprozesse 
in den mit verschiedenen Uranarten, spaltbarem und nicht spaltbarem 
Plutonium sowie einer größeren Zahl von Spaltprodukten angefüllten 
Brennstäben abwarten will. Getrennt werden das wiederverwerteter Uran 
und Plutonium von dem, was dann letztlich als Atommüll übrigbleibt, 
durch eine Reihe von physikalischen und chemischen Prozessen. Die 
hochradioaktiven Abfallprodukte werden schließlich in Glas eingegossen 
und an das anliefernde Atomkraftwerk zur Endlagerung zurückgegeben. 
Die Kosten, die bei der atomaren Wiederaufbereitung   entstehen, sind 
immens. Seit dem ersten BrennelementeAbtransport   im Jahr 1978 hat 
das GKN in Neckarwestheim zwischen 1,3 und 1,4 Milliarden Mark für 
diesen Zweck aufwenden müssen. Lange Jahre war La Hague in Frankreich 
Zielort der Transporte, nun ist es Sellafield. Der bereits 1983 als 
Versorgungsnachweis für den Block II des Neckarwestheimer 
Kernkraftwerks abgeschlossene Vertrag mit der BNFL sieht vor, daß 
insgesamt 128 Tonnen Brennelemente wiederaufgearbeitet werden, knapp 
23 Tonnen wurden bereits angeliefert. 340 Millionen Mark muß das GKN 
insgesamt nach England überweisen. Ein Kostenberg, der Dr. Hans 
Wiedemann nicht gefallt. 100 bis 150 Millionen Mark pro Jahr, so der 
GKNGeschäftsführer,   könnten eingespart werden, wurde man auf die 
Wiederaufbereitung der abgebrannten Brennstäbe verzichten und diese 
statt dessen zwischenlagern. Wenn der Vertrag mit der BNFL in etwa 
fünf Jahren ausläuft, wird folglich kein neuer abgeschlossen werden. 
Alle abgenutzten Brennel9mente aus Neckarwestheim werden dann in die 
deutschen Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben, vor allem aber 
im münsterländischen Ahaus gebracht werden 
 

GKN setzt auf Zwischenlager 

Dort hat das GKN Stellplätze gebaut, die fünf Jahre lang reichen. 
Eine Aufstockung der Lagerkapazität wird angestrebt, ist aber noch 
nicht genehmigt. ,,Wir können dann in 30 oder 40 Jahren immer noch 
entscheiden, ob wir wiederaufarbeiten oder endlagern", sagt 
GKNGeschäftsführer Hans Wiedemann.. Noch  allerdings  schlägt  die 
BNFL, die die Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield in einem 
Werbevideo als ,,einen der bedeutendsten Devisenbringer des Landes" 
anpreist, Profit aus den Neckarwestheimer Lieferungen. Insgesamt 
summieren sich die Einnahmen aus weltweit bestehenden Verträgen auf 
über 35 Milliarden Mark. So jedenfalls steht es in einem der 
zahlreichen Hochglanzprospekte, die die ,,über zehn Jahre hinweg total 
ausgelastete" Anlage im landschaftlich so reizvollen Nordwesten 
Englands als Heldentat feiern, um Britanniens technologische 
Führungsposition in der Welt zu behaupten. Für Greenpeace ist die 
Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield dagegen ?eine 
Plutoniumschleuder, ,,berüchtigt für ihre fortgesetzte und planmäßige 
Umweltverseuchung". Die Abgabe von radioaktivem Technetium99 durch 
die Abwasserkanäle in die Irische See war nach Angaben der 
Umweltorganisation zwischen 1993 und 1995 27mal höher als in 
vergleichbaren Zeiträumen zuvor. ,,Krebse aus der Irischen See", so 
Greenpeace, weisen 13mal höhere Radioaktivitätswerte auf, wie sie 
die Europäische Kommission der Bevölkerung nach einem Atomunfall 
gesetzlich zumutet". Das Leukämierrisiko für Kinder liege in der 
Umgebung von Sellafield bis zum zehnfachen über dem 
Landesdurchschnitt 
 

,,Hohes Leukämierisiko 

Das große Korps der BNFLOffentlichkeitsarbeiter sieht dies ganz 
anders und verweist auf die vielen tausend Umweltproben, die jährlich 
genommen wurden, um ,,sicherzustellen, daß die Firma die 
Gesetzesvorgaben nicht übertritt". Die Grenzwerte jedoch wurden laut 
Greenpeace in der Vergangenheit immer wieder nach oben den Realitäten 
angepaßt. Lege man die für die einst in Wackersdoff geplante deutsche 
Wiederaufbereitungsanlage beantragten Werte zugrunde, so wäre die 
Anlage in Sellafield in der Bundesrepublik nicht genehmigungsfähig. 

 

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