Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim 

CASTOR-Alarm südwest!

 

Castortransport auf den ersten Kilometern durch Sitzblockaden behindert

Nach ungehinderter Fahrt durch Frankreich erreichte der Castortransport deutschen Boden. Hinter der Grenze erwarteten den Zug bereits mehrere hundert Kernkraftgegner. Der Transport nahm nicht wie zunächst erwartet die Route über Straßburg, sondern rollte über eine kaum befahrene Nebenstrecke nach Wörth, jenseits des Rheins bei Karlsruhe. Für die zwölf Kilometer von der Grenze bis zum Bahnhof Wörth benötigte der Zug über eine Stunde. Auf den Gleisen sitzende Kernkraftgegner zwangen den Lokführer mehrmals zum Anhalten.
Am frühen Abend versammelten sich in Wörther Stadtteil Maximiliansau vierhundert Demonstranten und zogen begleitet von einem starken Polizeiaufgebot zur Bahnstrecke. Eine erste Sitzblockade auf den Gleisen kann die Polizei schnell beenden. Dann allerdings teilen sich die Demonstranten in kleine Gruppen auf und strömen über die feuchten Wiesen. Hunderte blauer Blinklichter der Fahrzeuge von Bundesgrenzschutz und Landespolizei erleuchten den Nachthimmel. Sehr zur Freude der Dorfjugend, die aus den Häusern strömt. 2000 Beamten sind im Einsatz. Immer wieder gelangen Atomkraftgegner auf die Schienen und werden von den Einsatzkräften vom Gleisbett gezogen.
An einem Bahnübergang stehen sich Polizisten und Demonstranten zwei Stunden bei Temperaturen von nur knapp über dem Gefrierpunkt fröstelnd gegenüber. Der Lichtkegel des kreisenden Polizeihubschraubers tastet über die Szenerie und sucht nach Blockierern auf den Gleisen. Schließlich fährt die Polizei eine Leuchtgiraffe heran und taucht die Umgebung in Flutlicht.
Die siebzehnjährige Schülerin Lena - aus der Eifel angereist - erläutert, warum sie um Mitternacht mit nassen Schuhen auf der sumpfigen Wiese am Bahndamm steht: "Das Risiko, dass es zu radioaktiven Unfällen bei den Castortransporten kommt, ist mir zu groß." Ihr Freund Till (19 Jahre) fügt an: "Ich finde es nicht gut, die Stromerzeugung auf einige große Atomkraftwerke zu konzentrieren. Da geht es nur um den Gewinn der Stromkonzerne".
Die Strahlung des vorbeifahrenden Zuges nehmen sie für ihre Kundgebung in Kauf. Der Transport bringt sechs Castorbehälter mit Restmaterial aus deutschen Kernbrennstäben zurück, die im französischen La Hague aufbereitet wurden.
Die Spannung am Bahndamm löst sich, als eine junge Frau beginnt Gitarre zu spielen und dazu singt. Über ein Megaphon informiert die Demo-Leitung regelmäßig, wo sich der herannahende Zug gerade befindet. Streckenposten der Castorgegner funken die Mitteilungen per Handy.
Aufmerksam lauschen auch die Polizeiketten den Durchsagen der Demonstranten. Die Stimmung ändert sich schlagartig, als in der Ferne aus der Dunkelheit drei Lichter auftauchen. Langsam rollt ein Gleisbauzug mit aufsitzenden BGS-Beamten die Strecke heran. Die Einsatzkräfte drängen die Castorgegner vom Bahndamm weg und bilden einen Sicherheitskorridor. Minuten später folgt im Schritttempo der Transport mit den sechs Castorwaggons, je eine Diesellok vorne und eine hinten, dazwischen zwei Wagen für den Begleitschutz.. Langsam rollt der Zug über den ausgeleuchteten Bahnübergang. Die mitfahrenden französischen Polizisten strecken verwundert ihre Köpfe aus den Fenstern der Personenwaggons.
Der Bahnhof Wörth ist hermetisch von starken Einsatzkräften abgeriegelt. Der S-Bahn-Verkehr wurde eingestellt und durch Busse ersetzt. Ein Dutzend Fernsehkameras warten am Bahnsteig 1 auf das Eintreffen des Transportes. Als er mit fast eineinhalbstündiger Verspätung eintrifft, ist die Enttäuschung bei den Medienvertretern groß, da der Zug auf ein entfernt liegendes Gleis dirigiert wird.
In Wörth werden Lokomotiven und Wachpersonal ausgetauscht. Die französischen Polizisten treten den Heimweg an. Nun fahren 400 Grenzschützer aus Bayreuth unter der Leitung von Polizeirätin Kerstin Kohlmetz auf dem Zug mit. Da eine Partnerschaft zwischen den Bundesgrenzschutzabteilungen Mannheim und Bayreuth besteht, rückten die Kollegen aus Franken zur Unterstützung an.
Polizeirätin Kohlmetz hat keine Angst vor der Strahlung. Der Transport sei sicher, so Kohlmetz. Außerdem sei jede Beamtin und jeder Beamte mit einen Strahlendosimeter ausgestattet.
Kurz bevor die Grenzschützer aus Franken den Zug besteigen, durchbrechen einige Demonstranten die Absperrung und stürmen auf den Bahnsteig. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei drängt sie unsanft auf die Straße zurück. Um halb vier Uhr verlässt der Castortransport den Bahnhof Wörth und fährt ohne weitere Störungen durch Baden-Württemberg über Würzburg zum Zwischenstop nach Bebra. In Bebra müssen die Dieselloks für die Fahrt nach Lüneburg aufgetankt werden.
Bilanz der Nacht: 53 vorläufige Festnahmen und bis auf ein paar Prellungen keine Verletzungen. Die Atomkraftgegner verbuchen es als ihren Erfolg, den Transport verzögert zu haben. BGS-Pressesprecher Polizeihauptkommissar Harald Trautmann äußert sich ebenfalls zufrieden, dass es zu keinen gewalttätigen Ausschreitungen kam.
Gerhard Faul

 

 


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