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HN-St: Das atomare Nasslager ist der Knackpunkt beim Rückbau



Heilbronner Stimme, 08.04.05

> Das atomare Nasslager ist der Knackpunkt beim Rückbau

Von Joachim Kinzinger

Der Rückbau von Reaktoren ist kein Hexenwerk. "Wir betreten kein 
konzeptionelles Neuland", erklärt Konrad Schauer, Geschäftsführer des 
Kernkraftwerks Obrigheim. Vorbilder sind die Kernkraftwerke in Greifswald 
oder das Kernforschungszentrum in Karlsruhe.
 
1. Abbauschritt 2007 bis 2010 Abgebaut werden im Wesentlichen 
konventionelle Anlageteile im Überwachungsbereich wie a Turbosatz b 
Generator c Speisewasserpumpen d Frischdampf-, Speisewasserleitungen
Eine halbe Milliarde Euro investiert die EnBW als Kernkraftbetreiber in 
Obrigheim in den Rückbau bis zur "entkernten Anlage" im Jahr 2020. Nach 
der Abschaltung Ende April oder Anfang Mai wird der Reaktor in der 
Nachbetriebsphase bis Anfang 2007 auf die Stilllegung vorbereitet. Erst 
dann erwartet Schauer die Stilllegungsgenehmigung des baden-
württembergischen Wirtschaftsministeriums, die Ende 2004 beantragt wurde.

In dieser Phase arbeiten noch 160 bis 180 Leute in der Anlage. Sie 
bringen unter anderem die im letzten Reaktorzyklus eingesetzten 
Brennelemente ins atomare Nasslager. "340 Elemente sind dann drin", 
verdeutlicht Schauer. Es sind insgesamt 100 Tonnen abgebrannter 
Brennstoff.


2. Abbauschritt 2011 bis 2018 Abgebaut wrden kontaminierte Teile im 
Kontrollbereich. Zunächst leicht radioaktive Komponente wie e 
Manipulierbrücke (internes Becken) f Frischdampf-, Speisewasserleitungen 
g lufttechnische Anlagen h Manipulierbrücke (nach Räumung des Nasslagers)
Das seit 1999 betriebene Zwischenlager unter Wasser ist in den 
Reaktorhauptbau integriert. Es war das erste Zwischenlager eines 
Atomkraftwerks am Standort in Deutschland und wurde bereits 1983 gebaut. 
Es bietet in den Gestellen Platz für 980 Elemente. Derzeit lagern 230 
ausgediente KWO-Brennelemente im tiefblauen, mit Bor versetzten Wasser.

Die ursprüngliche Planung sah die Nutzung bis zum Transport in eine 
Endlagerstätte vor. Aber: "Wir können den Rückbau nur bis zu einem 
gewissen Punkt vorantreiben", verdeutlicht Konrad Schauer. Sonst würde 
der Abbau ab 2011 um über 20 Jahre verzögert.Daher stellen die Betreiber 
beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) noch in diesem Jahr den 
atomrechtlichen Antrag für ein "trockenes Lager", also einen Hallenneubau 
auf dem Gelände wie in anderen Kernkraftwerken in Deutschland. In 15 
Castoren werden alle Brennelemente aus dem Nassbereich umgeladen. Allein 
die Atommüll-Behälter kosten nach Angaben des Atommanagers 20 Millionen 
Euro.


3. Abbauschritt 2019 bis 2020 Abgebaut werden die restlichen 
Anlagenteile, wie m Lüftungskanäle n Reaktorgebäudekran o lufttechnische 
Anlagen
Für Schauer ist die Nasslager-Räumung nicht nur die Grundvoraussetzung 
für durchgängige Arbeitsabläufe, sondern bietet vielen KWO-Mitarbeitern 
die Chance auf Weiterbeschäftigung. Sonst könnten ab 2013 nur noch wenige 
Mitarbeiter im abgeschalteten Kraftwerk ihren Job erledigen. Das Ziel 
heißt: Bis 2011 soll das Herzstück brennstoff-frei sein.

Es sind zwei getrennte atomrechtliche Genehmigungsverfahren, an denen die 
Öffentlichkeit beteiligt wird. Für Stilllegung und Abbau ist das Land 
zuständig, für das Atommüll-Zwischenlager das Strahlenschutzamt in 
Salzgitter. Auf 40 Jahre wird die BfS-Genehmigung wie auch im 
Kernkraftwerk Neckarwestheim befristet.


Foto: Dittmar Dirks
In wenigen Wochen wird auf die Warte abgefahren.
Der KWO-Geschäftsführer nennt die wichtigsten Schritte beim Rückbau: von 
2007 bis 2010 der Überwachungsbereich, von 2011 bis 2018 der 
Kontrollbereich und in den Jahren 2019 sowie 2020 der Abbau der 
Restsysteme.

Zum Überwachungsbereich zählen beispielsweise der Generator, der 
Turbosatz, Speisewasserpumpen sowie Frischdampf- und 
Speisewasserleitungen im Maschinenhaus. Neben den leicht kontaminierten 
Anlagenteilen wie Frischdampf- und Speisewasserleitungen, lufttechnischen 
Anlagen im Reaktorgebäude werden in einem zweiten Schritt auch 
Dampferzeuger und Hauptkühlmittelpumpe abgebaut. Im dritten Teil folgen 
der aktivierte Reaktordruckbehälter und das ihn umgebende "biologische 
Schild". Dafür werden vor allem Spezialisten von Fremdfirmen eingesetzt. 
Von 2019 bis 2020 kommen Lüftungskanäle, der Reaktorgebäudekran und 
weitere lufttechnische Anlagen an die Reihe. Dann ist das Kraftwerk 
"entkernt", wie es Schauer formuliert, also ohne radioaktive Teile. Zu 
diesem Zeitpunkt endet die atomrechtliche Überwachung. Ab 2021 kann das 
Kraftwerk wie ein normaler Betonbau abgerissen werden.


Foto: Dittmar Dirks
Ein Blick ins Atommüll-Nasslager von KWO. Die Elemente liegen unter 
Wasser.
Rund 275 000 Tonnen beträgt die gesamte Abbaumasse des Kernkraftwerks bei 
Mosbach. Davon entfallen 265 000 Tonnen auf Gebäude und Anlagenteile, die 
konventionell abgebaut und entsorgt werden. "Unser Ziel ist, die 
radioaktiven Reststoffe möglichst gering zu halten", nennt der 
Rückbauexperte die Maxime.

Etwa 7500 Tonnen aus dem Kontrollbereich werden nach messtechnischer 
Überprüfung und Freigabe abgebaut. Weniger als ein Prozent oder 2500 
Tonnen zählt Schauer zum aktiven Abfall. Die meist schwach-radioaktiven 
Teile werden im KWO-Abfallbehandlungsgebäude zerlegt, verpresst und 
dekontaminiert. 100 Tonnen sind hoch verseuchter Abfall, der dann 
abgeschirmt in den Castoren liegt.

Mit 500 Millionen Euro ist der Rückbau teurer als die bisherigen 
Investitionen. Das von 1965 bis 1968 errichtete Kernkraftwerk kostete 150 
Millionen Euro. Für über 300 Millionen Euro hatte die EnBW den Atommeiler 
ständig nachgerüstet.