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ND: Ende für Obrigheim



Neues Deutschland, 09.04.05

> Ende für Obrigheim
> Deutschlands ältestes Atomkraftwerk geht für immer vom Netz 
 
Von Reimar Paul 
 
Die Grünen feiern die Abschaltung des Reaktors in Obrigheim als Erfolg. 
Dabei hatte Rot-Grün den Betrieb des risikoreichen Atommeilers per 
Sondergenehmigung verlängert.
Vor dem Tor des Atomkraftwerks Obrigheim am Neckar bezog am 
Mittwochnachmittag ein einsamer Demonstrant Stellung. »Atommüll strahlt 
weit länger als Politiker denken«, mahnte der Mann auf einem mitgeführten 
Plakat. Wenige Stunden zuvor hatte der Betreiber des Meilers, der Konzern 
Energie Baden-Württemberg (EnBW), auf einer Pressekonferenz das Ende des 
Kraftwerks angekündigt: Ende April oder Anfang Mai wird der Reaktor für 
immer abgeschaltet. Die Anlage ist das zweite Akw, das seit Amtsantritt 
der rot-grünen Bundesregierung vom Netz geht. Im November 2003 war nach 
fast 32 Jahren Betriebszeit das Atomkraftwerk in Stade in Niedersachsen 
vom Netz genommen worden.
Technisch sei die Abschaltung von Obrigheim gar nicht notwendig, sagt 
EnBW-Technik-Vorstand Thomas Hartkopf. Sein Unternehmen respektiere 
jedoch »den politisch gewollten und gesetzlich festgeschriebenen Ausstieg 
aus der Kernenergie«. Hartkopf fügt hinzu: »Wir erfüllen damit unseren 
Teil der Vereinbarung.«
Die Vereinbarung ist Teil des so genannte Atomkonsens zwischen der 
Bundesregierung und den Stromkonzernen. Danach hätte das Akw Obrigheim 
bereits 2002 abgeschaltet werden müssen. EnBW beantragte jedoch eine 
Laufzeitverlängerung und berief sich dabei auf eine – offenbar auch 
wirklich erteilte – Zusage von Bundeskanzler Gerhard Schröder. EnBW 
wollte sich 15,5 Terawattstunden Strom aus dem Akw Neckarwestheim auf 
Obrigheim gutschreiben lassen.
Der Atomkonsens erlaubt den Betreibern, Strommengen von älteren auf 
neuere und von kleineren auf größere Anlagen zu übertragen. Doch für das 
EnBW-Ansinnen – Strommengen vom jüngeren und größeren Akw Neckarwestheim 
auf das alte, kleine Akw Obrigheim zu verschieben – war eine 
Sondervereinbarung mit der Bundesregierung notwendig.
»SPD und Grüne haben damit demonstriert, dass der Atomausstieg nur auf 
dem Papier steht. In der Realität dürfen selbst Schrottreaktoren am Netz 
bleiben, wenn es der Kanzler so will«, kommentierte Bettina Dannheim, 
Energiereferentin von Robin Wood, den Deal.
Obrigheim ist seit 36 Jahren in Betrieb und das älteste der noch 
laufenden bundesdeutschen Akw. Der 340-Megawatt-Reaktor hat nach EnBW-
Angaben mehr als 90 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert. Bis zum 
Jahr 2020 soll er in Etappen abgerissen werden.
Ursprünglich als Demonstrationsanlage konzipiert, wurde der Reaktor 
mehrfach nachgerüstet. Gefahren sehen Experten insbesondere in der 
Versprödung des Druckbehälters durch die Schweißnähte. Die Betonhülle ist 
lediglich 70 Zentimeter dick. »Die Betonkuppel wurde sparsam und zierlich 
gestaltet, um auch leichteren Flugzeugen eine Chance für eine 
durchschlagende Wirkung zu bieten«, lästert die Klägergemeinschaft »Akw 
Obrigheim abschalten«.
In einem Ranking des Risikos west- und osteuropäischer Kernkraftwerke 
stufte das österreichische Ökologie-Institut das Akw Obrigheim mit acht 
von 13 möglichen Mängelpunkten in die Reihe der risikoreicheren 
Kernkraftwerke der Welt ein. Und schon 1979 hatte der TÜV Baden 
festgestellt, dass die Anlage von den etwa 200 Leitlinien der 
Reaktorsicherheitskommission 80 nicht oder nur teilweise erfüllte.
Erst in den 90er Jahren setzt der Stuttgarter Landtag einen 
Untersuchungsausschuss ein, der die Sicherheit der Anlage überprüfen 
sollte. Zuletzt war das Akw Obrigheim wegen strafrechtlicher Ermittlungen 
gegen zwei Manager in den Schlagzeilen. Das Verfahren wegen 
eigenmächtiger Veränderung des Reaktorbetriebs stellte die 
Staatsanwaltschaft wegen »geringer Schuld« der Angeklagten ein. Sie 
mussten aber jeweils 20000 Euro an die Staatskasse und an gemeinnützige 
Einrichtungen zahlen. Drei Jahre war gegen die leitenden Angestellten 
ermittelt worden. Zwischen 1997 und 2001 hätten sie den Betrieb nach 
Revisionen fahrlässig ohne nötige Genehmigung wesentlich geändert, so die 
Staatsanwaltschaft. Die vorgesehene Sicherheitseinspeisung für die beiden 
Notkühlsysteme des ältesten deutschen Akw sei so nicht voll 
funktionsfähig gewesen.
Die Stimmung in und um Obrigheim ist dieser Tage durchwachsen. So weiß 
der Betriebsratsvorsitzende des Kraftwerks, Herbert Schneeweiß, von 
»Sorgen und Unverständnis« bei der Belegschaft. Immerhin sollen zunächst 
160 bis 180 der bislang etwa 200 Arbeitsplätze erhalten bleiben – für den 
Abriss.
Die Grünen wollen das Ereignis als ihren politischen Erfolg feiern, für 
den 25. April haben sie ein »Abschaltfest« angekündigt. Doch sind nicht 
alle Atomkraftgegner so guter Dinge. Für den 24. April haben 
Bürgerinitiativen eine Demonstration in Obrigheim angekündigt – für die 
Stilllegung aller Atomanlagen. »Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer«, 
heißt es in ihrem Aufruf.