StZ: Döring rügt Fehler in der Atomaffäre
Stuttgarter Zeitung, 30.11.01
> Döring rügt Fehler in der Atomaffäre
STUTTGART. In der Affäre um die Sicherheit der Kernkraftwerke geraten
Betreiber und Aufsicht zusehends unter Druck: Auch der
Vizeregierungschef Walter Döring (FDP) und die Mainzer
Umweltministerin kritisieren jetzt den Umgang mit den Vorfällen.
Von Andreas Müller
Die Zweifel an der Sicherheit der Kernkraftwerke im Land werden nach
Ansicht von Döring noch immer unterschätzt. Man dürfe "nicht meinen,
dass das Thema die Bevölkerung kalt lässt", betonte der
Wirtschaftsminister gestern in Stuttgart. Die Sorgen der Bürger seien
"größer, als manche wohl wahrnehmen wollen". Auf wen diese Kritik
gemünzt ist, sagte er nicht.
Zugleich kritisierte Döring den Umgang mit den Vorfällen in den
Atommeilern. Er könne keine Strategie erkennen, um das Vertrauen in
die Kernkraft wiederherzustellen. Anstatt dass "schnellstmöglich alles
offengelegt" werde, kämen immer wieder neue Dinge ans Licht. Manches
davon habe auch er "bedauerlicherweise erst aus den Medien erfahren".
Er persönlich halte die Atomkraft nach wie vor für notwendig, betonte
Döring. Derzeit sei man als Befürworter aber in einer "lausigen
Argumentationssituation".
Seit dieser Woche untersucht eine Arbeitsgruppe im
Wirtschaftsministerium, ob der Energie Baden-Württemberg (EnBW) wegen
Unzuverlässigkeit die Betriebserlaubnis entzogen werden muss. Damit
reagierte Döring auf die von der Stuttgarter Zeitung aufgeNovkte
Tatsache, dass der Leiter des Kernkraftwerks Philippsburg keine Lizenz
zum Betrieb eines Reaktors hat. Einen ersten Zwischenbericht soll die
Arbeitsgruppe, die unter Leitung von Staatssekretär Horst Mehrländer
steht, nächste Woche vorlegen.
Kritik am Landesumweltminister Ulrich Müller (CDU) kam unterdessen
auch von seiner rheinland-pfälzischen Kollegin Margit Conrad (SPD).
Angesichts der Pannenserie in Philippsburg, das nahe an der
Landesgrenze liegt, forderte sie mehr als nur personelle Konsequenzen.
Müller habe ihr geschrieben, dass es keinen Grund gebe, an der
Zuverlässigkeit der EnBW zu zweifeln, berichtete die Mainzer
Umweltministerin. Diese Einschätzung komme aber zu früh.