FR: Umstrittener Atomexperte sagt ab
Frankfurter Rundschau, 15.11.01
> Umstrittener Atomexperte sagt ab
> Serge Prêtre wird Gutachter-Gruppe zu AKW-Pannen in Philippsburg
nicht leiten
Von Peter Henkel
Der umstrittene Schweizer Atomexperte Serge Prêtre will nun doch nicht
eine Gutachtergruppe leiten, die nach der Aufdeckung von Pannen und
Missständen im AKW Philippsburg die Abläufe im Aufsicht führenden
Stuttgarter Umweltministerium untersuchen soll.
STUTTGART, 14. November. Umweltminister Ulrich Müller (CDU), der
vorige Woche ein Gespräch mit Prêtre geführt hatte, würdigte dessen
Verzicht als "Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein und
Sensibilität". Die Arbeit der Gutachter hätte nach Ansicht Müllers
"vermutlich" unter der anhaltenden Debatte über einen Artikel von 1992
gelitten. Darin hatte der frühere Leiter der schweizerischen
Atomaufsichtsbehörde die westeuropäischen Reaktionen auf den
folgenschweren Unfall in Tschernobyl mit Kennzeichnungen wie "Panik"
und "Strahlenphobie" belegt.
In seiner brieflichen Absage an Müller verteidigt Prêtre seine
damaligen Äußerungen. Sie hätten sich mit der "psychologisch-
kommunikativen Seite" der Reaktionen auf Tschernobyl befasst.
Abschließend schreibt er: "Ohne jede Verharmlosung der radiologischen
Auswirkung von Tschernobyl in Westeuropa bleibt noch festzustellen,
dass z.B. die Gesundheitsgefahr des Rauchens (auch als
Sekundärraucher) objektiv viel höher war und ist, zugleich aber die
Diskussion über Gefahren ganz anders verläuft als ihr tatsächlicher
medizinischer Befund." Risiko und Riskowahrnehmung seien eben zwei
verschiedene Aspekte. "Eine solche differenzierte Position ist
offenbar auch viele Jahre nach Erscheinen des Artikels in manchen
Bereichen nicht vermittelbar, ohne missverstanden zu werden." Nach
Bekanntwerden der Thesen Prêtres hatte auch das Stuttgarter
Umweltministerium erklärt, es teile sie nicht. Müller habe mit Prêtre
wieder einen falschen Griff getan, kommentierte jetzt die SPD. Die
Grünen sehen die Autorität des Ministers weiter geschwächt.
Derweil wurde bekannt, dass das Philippsburger Atomkraftwerk zwischen
1997 und 2001 einer groß angelegten "Periodischen Sicherheitsüberprüfung"
(PSÜ) unterzogen wurde, dabei aber die neuerdings festgestellten Mängel im
Notkühlsystem - zu wenig Wasser, zu geringe Bor-Konzentrationen - nicht
ans Licht gekommen waren. Das Umweltministerium erklärte dazu, bei der
PSÜ werde die Anlage "mit Hilfe von (insoweit abstrakten) Analysen auf
ihr sicheres Funktionieren hin überprüft". Darum, "ob der Betreiber sich
im konkreten Betriebsgeschehen jederzeit an sein eigenes Betriebshandbuch
hält", gehe es dabei nicht. Grünen-Fraktionschef Dieter Salomon hingegen
erklärte, wenn jahrelange gravierende Sicherheitsverstöße unterm Teppich
blieben, könne man die PSÜ "getrost zum Altpapier geben". Er äußerte
die Vermutung, "dass entweder der Betreiber die der Untersuchung zu
Grunde gelegte Datenbasis im Vorfeld entsprechend vorsortiert hat oder
aber der als Gutachter eingesetzte TÜV Süddeutschland bei der
Bewertung der Daten erneut schlicht versagt hat". Es sei
unvorstellbar, dass sowohl TÜV als auch Aufsichtsbehörde nie Kenntnis
von den Verstößen erlangt hätten. Auf absehbare Zeit solle auf den TÜV
als Gutachter verzichtet werden.
Streit um Atommüll-Lager
wil MANNHEIM. Die Gemeinde Gemmrigheim will kein unterirdisches
Zwischenlager für abgebrannte Atom-Brennstäbe dulden. Auf den
Widerstand der Gemeinde reagierten die Betreiber des
Gemeinschaftskraftwerks Neckarwestheim (GKN) mit einem
Normenkontrollantrag beim Baden-Württembergischen
Verwaltungsgerichtshof in Mannheim.
Das Kernkraftwerk Neckarwestheim, das zum Teil auf Gemmrigheimer Grund
steht, soll 2021 abgeschaltet werden. Die GKN will von 2005 an ein
Zwischenlager für atomare Brennstäbe einrichten. Die Gemeinde
fürchtet, dauerhaft auf dem Atommüll sitzen zu bleiben. Neue Betriebe
anzusiedeln, dürfte dann unmöglich sein. Um die Pläne der GKN zu
verhindern, beschloss der Gemeinderat eine so genannte
Veränderungssperre für das Gelände. Anwälte des Betreibers haben
beantragt, die Sperre für nichtig zu erklären. Am Freitag will der
Verwaltungsgerichtshof seine Entscheidung verkünden.