StZ: Die seltsamen Ansichten des Doktor Prêtre
Stuttgarter Zeitung, 02.11.01
> Die seltsamen Ansichten des Doktor Prêtre
> Für den Chefaufklärer von Umweltminister Müller war Tschernobyl nur
eine Art Massenhysterie
Der frühere Chef der Schweizer Atomaufsicht, Serge Prêtre, soll nun die
Atomaufsicht in Stuttgart durchleuchten. Ob Umweltminister Müller damit
eine gute Wahl getroffen hat, lässt sich bezweifeln.
Von Andreas Müller
Der Umweltminister zeigte sich lernwillig. Nicht nur bei der Energie
Baden-Württemberg (EnBW) und beim Gutachter Tüv, gestand Ulrich Müller
(CDU), sei nach der Sicherheitspanne im Kernkraftwerk Philippsburg
einiges schief gelaufen, sondern auch im eigenen Haus: "Es muss uns zu
denken geben, wie wir reagiert haben."
Als Konsequenz, versprach Müller bei einer eilends einberufenen
Pressekonferenz, "wollen wir uns selber auf den Prüfstand stellen
lassen". Ein "externes Expertenteam" solle die für die Atomaufsicht
zuständige Fachabteilung unter Leitung von Dietmar Keil durchleuchten.
Organisation, Abläufe, Denkweisen, aber auch etwaige Versäumnisse des
Ministers - all das sollten drei bis fünf unabhängige Gutachter gründlich
untersuchen. Einen Vorsitzenden für die Gruppe habe man bereits gefunden:
Serge Prêtre, den früheren Chef der staatlichen Atomaufsicht in der
Schweiz.
Prêtre als Müllers Chefaufklärer - das scheint zumindest eine pikante
Wahl. In der Fachwelt genießt der Eidgenosse, wie das Umweltministerium
versichert, zwar einen "ausgezeichneten Ruf". Aber als Vorsitzender der
Internationalen Länderkommission Kerntechnik (ILK) ist er nicht ganz
unbefangen: Gegründet wurde das von Baden-Württemberg, Bayern und Hessen
getragene Gremium 1999 schließlich auf Initiative von Ministerpräsident
Erwin Teufel (CDU). In der Schweiz hat sich Prêtre zudem als Atom-
Hardliner und mit bizarren Thesen zu Tschernobyl profiliert. Die
Aufregung nach dem Super-GAU in der Ukraine, so seine Botschaft, war
nicht mehr als eine Art Massenhysterie.
Doch der Reihe nach. Zu der Atomaffäre war von der Länderkommission
bisher keine Silbe zu hören - aus gutem Grund. Installiert wurde sie aus
Protest gegen die Umbesetzung der offiziellen
Reaktorsicherheitskommission durch Bundesumweltminister Jürgen Trittin.
"Eine schlimme Sache", schimpfte Teufel damals, habe sich der Grüne da
geleistet. Allein aus "ideologischen Gründen" seien weltweit renommierte
Fachleute in die Wüste geschickt und durch willfährige Gesinnungsgenossen
ersetzt worden. Dumm nur: Ohne den seinerzeit so gescholtenen Trittin und
seine atomkritischen Experten wäre die Philippsburger Pannenserie
womöglich nie ans Licht gekommen.
Entsprechend kleinlaut gibt sich derzeit das Staatsministerium. Für
solche Einzelfragen, wird das Schweigen erklärt, sei die Kommission
(jährliche Kosten: eine Million Mark) nicht vorgesehen; sie befasse sich
"nicht mit Störfällen". Intern wird freilich heftig diskutiert, ob Prêtre
in der Atomaffäre als ILK-Chef samt weiteren Mitgliedern tätig werden
soll - oder doch lieber als ungebundener Gutachter. Wenn sich das Gremium
jetzt nicht einschalte, sagt ein Insider, könne man es "gleich auflösen".
Andererseits erahnt man sehr wohl den Vorwurf der Befangenheit. Der
Vorsitzende selbst ist derzeit nicht für eine Stellungnahme zu erreichen:
Kurz nach der Annahme des Auftrages als Chefaufklärer verabschiedete er
sich in den Urlaub.
Als heikel gilt auch die personelle Verquickung zwischen der Kommission
und dem Tüv. Die drei hauptamtlichen Mitarbeiter der ILK-Geschäftsstelle,
zwei Wissenschaftler und eine Verwaltungskraft, stellt die Tüv-Tochter
Energie- und Systemtechnik GmbH Baden-Württemberg. Das ist eben jene
Abteilung, die als Generalgutachter des Landes in Philippsburg kläglich
versagt hat. Und nun soll sie, zumindest indirekt, bei der Aufklärung der
Affäre mitwirken? Über seinen Chef weiß Frank Brandes, der Leiter der
Geschäftsstelle, jedenfalls nur Gutes zu berichten. "Ein ganz feiner
Mann" sei der Doktor Prêtre, als Strahlenschutzexperte auch im Ruhestand
international renommiert und beschlagen weit über sein Fachgebiet hinaus.
Sogar "im philosophischen Bereich" befasse er sich mit Fragen rund um die
Kernkraft.
In der Schweiz stießen seine Erkenntnisse allerdings auf ein geteiltes
Echo. Nach dem Super-GAU 1986 in Tschernobyl polarisierte Prêtre die
Öffentlichkeit mit gewagten Thesen. Die Aufregung um die
Nuklearkatastrophe, analysierte er etwa 1992 im Fachblatt
"Atomwirtschaft", sei hauptsächlich ein Problem der rechten,
gefühlslastigen Hälfte des menschlichen Gehirns. "Viele scheinbar logisch
und rational denkende Menschen wurden durch die symbolischen, unbewussten
Gehalte der rechten Hirnhälfte überflutet - und dies löste Panik aus. (.
. .) Und diese panische Angst war ansteckend." Seine Diagnose: Es handele
sich um eine "psychische Epidemie" namens "Strahlenphobie", in einem
Zusammenhang zu sehen mit "Religionskriegen, Inquisition, Hexenjagden,
Rassismus, Nazismus und allen übrigen nationalistischen
Wahnvorstellungen".
Vier Jahre später geißelte Prêtre erneut die angeblich völlig überzogenen
Reaktionen auf Tschernobyl. Radioaktivität in Lebensmitteln? Da sei
weitaus mehr tolerierbar als Lebensmittelhandel und -kontrolleure mit
ihrem "Prinzip der Reinheit" dulden wollten. Das "Rennen in Richtung null
Fremdstoffe" koste die Gesellschaft nämlich "gesamthaft viel Geld, denn
gute Lebensmittel werden unnötigerweise vernichtet". Evakuationen und
Umsiedlungen wie in der Ukraine? Das könne "das Richtige oder das
Falsche" sein, je nach Sichtweise. Man müsse auch den "Sozialschaden"
bedenken, wenn sich eine Gesellschaft über lange Zeit vom Ausnahmezustand
nicht erholen könne. Was Wunder, dass Prêtre für Schweizer
Kernkraftgegner ein rotes Tuch ist.
Positiv wird ihm, ob bei Greenpeace oder der alternativen
Energiestiftung, nur sein Kurswechsel in Sachen Wiederaufarbeitung
angerechnet: Da ließ er sich unverhofft von den Argumenten der Kritiker
überzeugen. Ansonsten aber gilt er als absoluter "Hardliner". So habe der
Physiker auch als Chef der staatlichen Hauptabteilung für die Sicherheit
der Kernanlagen (HSK) agiert, sagt Armin Braunwalder von der
Energiestiftung. Mit der Atomlobby sei er eher nachsichtig umgegangen,
und an der Transparenz habe es "auch gehapert". Erst unter seinem
Nachfolger an der HSK-Spitze wehe "ein schärferer Wind": Inzwischen
beschwerten sich die Kraftwerksbetreiber sogar über Auflagen der Behörde.
Eines immerhin prädestiniert Serge Prêtre für die Mission in Stuttgart:
Mit Kommunikationsproblemen im eigenen Haus, wie sie auch Umweltminister
Müller plagten, kennt er sich aus. Als vor einigen Jahren in der Schweiz
Pannen mit verseuchten Atomtransportwaggons publik wurden, war der Chef
der Atomaufsicht zunächst ahnungslos. Die Begründung: seine Mitarbeiter
hätten versäumt, ihn zu informieren.
Aktualisiert: 02.11.2001, 06:34 Uhr