Verstrahlte
Gebiete
"Statistiker
rechnen aus, was es kostet, und Politiker entscheiden
dann, was sie sich leisten können. So entstehen Grenzwerte.
Auch für radioaktive Belastungen. Das war in der
UdSSR so. Und so ist es auch bei uns."
Professor Edmund Lengfelder, Strahlenmediziner aus München.
Die
heißen Trümmerstücke des Reaktors von
Tschernobyl bedeckten direkt ein Gebiet von mehr als 5000
km² mit Radionukliden, die menschliches Leben dort
für immer unmöglich machen. Über dieses
Gebiet hinaus wurden Trümmerpartikel, Aerosole und
gasförmige Radionuklide freigesetzt, die zu schweren
radioaktiven Verseuchungen in Schweden, Finnland, Polen,
ehemalige Tschechoslowakei, Rumänien, Ungarn, Türkei,
Österreich, Griechenland, Italien, Schweiz, Frankreich,
Deutschland und weiteren Ländern führten.
Nach
dem Supergau wurden weite Teile Weißrußland,
der Ukraine und der anliegenden Regionen Rußlands
zu ökologischen Katastrophengebieten erklärt.
Etwa 200.000 Quadratkilometer gelten dort bis heute
als hoch belastet. Fast ein Viertel der Fläche
Weißrußlands wurde radioaktiv vertrahlt, dort
leben über 2,2 Millionen Menschen. In Weißrußland
hätte eigentlich ein Fünftel der landwirtschaftlichen
Fläche wegen langlebiger Radionuklide stillgelegt
werden müssen.
Hätte, sollte, müßte....
Evakuierungen
Als am 2. Mai die 30 km Sperrzone um Tschernobyl geschaffen
wurde, war in diesem Gebiet noch keine richtige Messung
der Radioaktivität vorgenommen worden. Sie wurde
poltisch festgelegt. Die Menschen evakuiert und landwirtschaftliche
Tätigkeit verboten. Das Vieh wurde mitgenommen.
Im Juni wurden Messungen ausserhalb der Sperrzone durchgeführt,
was zur Evakuierung von 80 - 100 km entfernt liegenden
Dörfern führte. Selbst in 200 km entfernten
Gebieten, hätten eigentlich Evakuierungen vorgenommen
werden müssen. Die Diskussion um die Notwendigkeit
von weiteren Evakuierungen geht weiter und beschäftigt
sogar bis 1991 noch den obersten Sowjet. Immerhin war
es am 7. Juli 1990 zur ersten Demonstration in der Geschichte
der Sowjetunion innerhalb des Moskauer Kreml gekommen.
Bewohner aus radioaktiv verseuchten Gebieten Weißrußlands
entrollten innerhalb der Kremlmauern Transparente und
forderten vom KPdSU-Parteitag eine poltische Stellungnahme,
Meßgeräte und eine bessere Versorgung der Strahlenopfer.
Die
Zahl der evakuierten Menschen war zuerst mit 135.000 aus
75 Orten angegeben worden, später wurde sie auf 115.000
Menschen reduziert, dafür aber aus 137 Orten. Dabei
wurden allein aus Pribjat, der 4 km von Tschernobyl entfernten
Trabantenstadt, 40.000 Menschen evakuiert. Im Jahr 1991
wurden in der Ukraine weitere 119.000 Menschen wegen der
hohen radioaktiven Verseuchung umgesiedelt. Insgesamt
mindestens 600.000 Kühe und ebenso viele Schafe,
Pferde oder Schweine evakuiert und natürlich später
geschlachtet und gegessen. (Es grüßt das
Molkepulver mit den hohen radioaktiven Werten im Westen,
das Jahre später in Schokolade und anderen Lebensmitteln
verarbeitet wurde) Es sollen 500.000 Kubikmeter Erde
im Rahmen von Dekontaminierungsarbeiten auf den landwirtschaftlichen
Flächen abgetragen und irgenwo entsorgt, sprich eingegraben
worden sein. Fakt ist, dass immer noch mehrere Millionen
Menschen gezwungen sind, in verseuchten Gebieten zu Leben
und dort auch Landwirtschaft betrieben wird.
Verlässliche
Zahlen über das Ausmaß der radioaktiven Verstrahlung
in der ehemaligen Sowjetunion gibt es bis heute nicht.
Hatten auch die Verantwortlichen im Westen nie ein Interesse
daran. Das Meiste was bekannt wurde, verdanken wir vielen
mutigen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, die es
in Büchern und Filmen veröffentlichten und dokumentierten.
Dabei Angst haben mussten ins Gefängnis zu wandern
oder sogar persönlich bedroht wurden. Ebenso wenigen
Fachleuten und Aktivisten aus dem Westen.