Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim 
Anti-AKW-Dateien

07. Mai 02


"Datenspeicherungen"
: Presseartikel


Die Rheinpfalz, 06.07.02

Illegal Daten gespeichert?
Grüne kritisieren Polizeipräsidium Rheinpfalz

LUDWIGSHAFEN (mk). Das Polizeipräsidium Rheinpfalz in Ludwigshafen hat ab
21. Juni 2001 Daten von Atomkraftgegnern gespeichert - sechs Wochen bevor
das Mainzer Innenministerium die Genehmigung zur Nutzung dieser Datei
erteilt hat.

Wie im April berichtet, wurde die Datei vor dem Hintergrund der
Atommülltransporte genehmigt, die seit März vergangenen Jahres durch die
Pfalz rollen. Die "Castor"-Datei sei ab 1. August 2001 für den
Dienstgebrauch beim Polizeipräsidium zur "reibungslosen Durchführung der
Castor-Transporte" bestimmt, sagte der stellvertretende Polizeipräsident
Lothar Schömann damals der RHEINPFALZ.

Aus der Antwort des Innenministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen
im Landtag geht nun allerdings hervor, dass "unvollständige Datensätze"
bereits im Juni 2001 erfasst worden sind. Dies sei "in Vorbereitung" der
ab 1. August genehmigten "Castor"-Datei geschehen, erklärte gestern
Ministeriumssprecher Michael Hartmann, der dieses Vorgehen für
unproblematisch hält.

Friedel Grützmacher, innenpolitische Sprecherin der Grünen-
Landtagsfraktion, forderte dagegen, "die zeitweilige illegale Speicherung
der Daten" müsse Konsequenzen nach sich ziehen. In der Datei sind laut
Ministerium 36 Personen gespeichert, davon fünf aus Rheinland-Pfalz.

RON - RHEINPFALZ ONLINE, Samstag, 6. Jul , 03:45 Uhr


Junge Welt, 07.05.02

Castor-Datei aufgeflogen

Wer gegen Atomkraft demonstriert, dessen Daten werden in Rheinland-
Pfalz gespeichert

Was Atomkraftgegner schon lange vermuten, ist nun bestätigt worden:
Gegen die Gefahren der Atomenergie auf die Straße zu gehen,
beispielsweise bei einer Aktion gegen Castor-Transporte, genügt, um
bei der Polizei in einer speziellen Datei gespeichert zu werden.

Wie die »Rheinpfalz« berichtete, führt die Polizei im rheinland-
pfälzischen Ludwigshafen seit geraumer Zeit eine sogennannte Castor-
Datei. Der Datensatz ist nach Angaben der Polizei zum Schutz der
Atomtransporte zwischen Deutschland und Frankreich nötig. Nachdem die
Existenz der Datei öffentlich bekanntgeworden war, erklärte der
stellvertretende Ludwigshafener Polizeipräsident Lothar Schömann
lapidar: Die Speicherung der Daten von Atomkraftgegnern sei von der
SPD-FDP-Landesregierung, genauer vom Mainzer Innenministerium,
genehmigt und vom Landesdatenschutzbeauftragten gebilligt worden.

Inzwischen sind einige der in der Datei gespeicherten Personen an die
Öffentlichkeit gegangen. Sie meldeten Zweifel an der Rechtmäßigkeit
dieser Polizeipraxis an. Einer der Betroffenen, Alexander Mühl, wies
darauf hin, daß er in der Vergangenheit stets friedlich gegen
Atomkraft demonstriert habe. Mit der von der örtlichen Polizeispitze
abgegebenen Stellungnahme, gibt er sich nicht zufrieden. Bei dieser
Datei handele es sich offenkundig um eine »Gesinnungsdatei«, die
Menschen, die sich gegen Atomkraft engagieren, »unter Generalverdacht«
stelle. Immerhin hat das Polizeipräsidium in Ludwigshafen Mühl in
einem Brief mittlerweile mitgeteilt, es lägen keine Anhaltspunkte vor,
»daß Sie Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten vorbereitet oder geplant
haben«. Deshalb sei er inzwischen aus der Datei gestrichen worden.

Herbert Würth aus Ludwigsburg, der ebenfalls in der Datei »Castor«
geführt wird, ist nicht weniger empört als Mühl: »Man unterstellt mir,
daß ich ein potentieller Straftäter bin. Das lasse ich mir nicht
bieten.« Als Grund dafür, daß Würths Daten gespeichert wurden, gab
Klaus Globig, stellvertretender Landesdatenschutzbeauftragter,
gegenüber der Rheinpfalz eine bemerkenswerte Erklärung ab. Würth habe
im November 2001 einen Infostand angemeldet und spiele in der Anti-AKW-
Szene offensichtlich eine Rolle. Globig wörtlich: »Die
Infostandanmeldung hat gezeigt, daß er an einem gefahranfälligen
Ereignis teilnehmen möchte.« Nach Ansicht Globigs ist nicht der
Transport hochradioaktiven Atommülls gefährlich, sondern der Protest
dagegen.

Mit solchen Datenschützern, so der Kommentar von Rolf Engelke,
Mitarbeiter in der Antiatominitiative »Arbeitskreis Umwelt Wiesbaden«
(AKU), werde nicht nur der Datenschutz zur Farce. Es bestätige sich,
worauf die Anti-AKW-Bewegung seit langem immer wieder hingewiesen
habe: »Unzählige Menschen extrem gefährdende Atomtransporte werden
geschützt, die Proteste dagegen kriminalisiert.«

Inland
Thomas Klein


Die Rheinpfalz, 02.05.02

Politischer Wirbel um Atomkraftgegner-Datei
Grüne: Landesregierung soll Hintergründe klären

Die so genannte "Castor"-Datei, mit der das Polizeipräsidium Rheinpfalz
in Ludwigshafen, Daten von Atomkraftgegnern sammelt, hat nun auch zu
politischem Wirbel geführt: Die rheinland-pfälzischen Grünen fordern von
der Landesregierung Aufklärung über die Hintergründe der
Datenspeicherung.

"Ein Generalverdacht gegen Castor-Gegner schadet dem politischen Klima in
Rheinland-Pfalz und ist polizeirechtlich nicht sachgerecht. Der
leichtfertige Umgang mit dem Grundrecht auf informationelle
Selbstbestimmung ist nicht nachvollziehbar", sagte innenpolitische
Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Friedel Grützmacher (Wörth).

Insbesondere wollen die Grünen wissen, wie viele Atomkraftgegner in der
Datei gespeichert sind und aus welchen Quellen sich der Datensatz speist.
Wie am Montag berichtet, speichert das Ludwigshafener Polizeipräsidium
seit August 2001 Daten von Atomkraftgegnern, um die "Castor"-Transporte
von und nach Frankreich über die pfälzisch-elsässische Grenze besser
schützen zu können.

Die Datei namens "Castor" wurde vom Mainzer Innenministerium genehmigt.
Auch der Landesdatenschutzbeauftragte hatte keine Einwände. Dessen Rolle
in der Angelegenheit wollen die Grünen auch geklärt wissen. Schließlich
erwarten sie Konsequenzen auf Grund einer "offensichtlich unrechtmäßigen"
Weitergabe gespeicherter Daten durch die Polizei.


Mannheimer Morgen, 30.04.02

In Ludwigshafen enthält "Castor" keine Brennstäbe
Polizei-Datei speichert Informationen zu Atomkraft-Gegnern

Von unserem Redaktionsmitglied Anja Görlitz

"Castor" heißt am Polizeipräsidium Rheinpfalz in Ludwigshafen eine Datei,
über deren Inhalt sich ebenso streiten lässt wie über die gleichnamigen
Atommüllbehälter. In Ludwigshafen speichert "Castor" jedoch nicht
abgebrannte Brennelemente, sondern die Daten jener Kernkraftgegner, die
im Verdacht stehen, im Zusammenhang mit Atomtransporten Straftaten
begangen zu haben. Einen entsprechenden Bericht der Zeitung "Die
Rheinpfalz" bestätigte das Polizeipräsidium gestern: "Die Datei Castor
bietet (...) eine wesentliche Grundlage, um den störungsfreien Transport
der Castorbehälter zu gewährleisten", heißt es in einer schriftlichen
Stellungnahme.

Was neben den betroffenen Atomkraftgegnern auch Datenschützer vorsichtig
aufhorchen lässt, wird, so heißt es im Mainzer Innenministerium, durch
das rheinland-pfälzische Polizei- und Ordnungsbehördengesetz möglich.
Personenbezogene Daten können demnach gespeichert werden, wenn es der
Gefahrenabwehr und vorbeugenden Verbrechensbekämpfung diene. Die
Datenspeicherung ist also zulässig, wenn sie dazu beitragen soll,
Straftaten im Zusammenhang mit Castor-Transporten zu vermeiden. Auch in
anderen Aufgabenfeldern, darunter Rechtsextremismus, speichert die
Polizei Rheinland-Pfalz nach Angaben des Ludwigshafener Präsidiums
personenbezogene Daten.

Dass solche Dateien nicht unbedingt üblich sind, zeigt ein Blick über die
Landesgrenze. Am Mannheimer Polizeipräsidium zum Beispiel gibt es keine
speziellen Dateien - weder für Atomkraftgegner noch andere
Personenkreise. Wie Pressesprecher Martin Boll erklärt, stehen den
Beamten lediglich in einer landesweiten Personenauskunftsdatei über
Straftäter bestimmte Informationen zur Verfügung. Diese unterliegen
entsprechend den Datenschutzbestimmungen unterschiedlichen
Speicherungsfristen. Das Innenministerium in Stuttgart bestätigt: Für
darüber hinaus gehende Spezial-Dateien gibt es in Baden-Württemberg keine
Rechtsgrundlage.

Auch die Ermittler am Polizeipräsidium Südhessen in Darmstadt, zuständig
für Demonstrationen am Kraftwerk Biblis, können nicht auf eine
"Sonderdatei" zurückgreifen. "So etwas gibt es hier nicht", sagt
Pressesprecher Heiner Jerofsky und verweist auf die Datenschutzgesetze.
Nur wer sich im Rahmen einer solchen Anti-Atom-Demo strafbar macht, wird
gespeichert. So wie auch ein Ladendieb gespeichert wird: In einer
allgemeinen "Straftäter"-Datei und nicht auf bloßen Verdacht hin.

© Südhessen Morgen – 30.04.2002


Die Rheinpfalz, 29.04.02

Gesinnungsschnüffelei der Ludwigshafener Polizei?

Atomkraftgegner wehren sich gegen "Castor"-Datei des Polizeipräsidiums
Ludwigshafen - Turbulenzen nach Verwechslung

Eine peinliche Panne hat beim Ludwigshafener Polizeipräsidium für
Turbulenzen gesorgt. Auf seine telefonische Anfrage wurde einem
Atomkraftgegner bestätigt, dass sein Name in einer Polizeidatei auftaucht
- vorgelesen wurden ihm zunächst aber die Angaben eines anderen Anti-
Atomkraftaktivisten. Der Datensatz ist aus Sicht der Polizei zum Schutz
der Atomtransporte zwischen Deutschland und Frankreich erforderlich.

"Da keine Anhaltspunkte vorliegen, dass Sie Straftaten oder
Ordnungswidrigkeiten vorbereitet oder geplant haben, ist eine weitere
Speicherung Ihrer Daten nicht mehr erforderlich." In einem Brief hat die
Datenschutzbeauftragte des Polizeipräsidiums Rheinpfalz in Ludwigshafen,
Monika Brauer, dem Atomkraftgegner Alexander Mühl aus dem südpfälzischen
Kandel mitgeteilt, worauf dieser Wert legt: dass er sich im Zusammenhang
mit den Anti-Castor-Transporten nichts hat zu schulden kommen lassen.
Aber warum, fragt sich Mühl, werden Daten von Bürgern gespeichert, die
friedlich gegen die Atomkraft demonstrieren? Die Antwort steht für ihn
bereits fest: "Es werden Daten über eine Gesinnung gespeichert. Wenn man
eine bestimmte Meinung hat, wird man unter Generalverdacht gestellt."

Doch der "Fall Mühl" hat auch innerhalb des Ludwigshafener
Polizeipräsidiums zu einigen Turbulenzen geführt. Als er im Sommer 2001
während eines Atommülltransports in Wörth-Maximiliansau von der Polizei
angehalten und sein Auto durchsucht wurde, fragte Mühl die Beamten, warum
sie ausgerechnet ihn herausgewunken hätten. Die Antwort: Er sei in einer
speziellen Atomkraftgegner-Datei gespeichert. Regelrecht perplex war
Mühl, so stellt er es zumindest dar, als er sogar telefonisch Auskunft
über die von ihm gespeicherten Daten bekam - allerdings erst im zweiten
Anlauf. Denn zunächst begann die Datenschutzbeauftragte der Polizei, die
gesammelten Informationen eines anderen Aktivisten aus der Anti-Atomkraft
(AKW)-Szene vorzulesen: von Herbert Würth aus Ludwigsburg, der gegen das
AKW Neckarwestheim kämpft und ebenfalls in der pfälzischen Datei erfasst
wurde.

Ganz zufrieden war Mühl aber auch mit der Auskunft über sich nicht. Denn
in der Ludwigshafener "Castor"-Datei fand sich nur ein Hinweis auf die
Kontrolle, in deren Folge er den Fall ins Rollen brachte. Doch angeblich -
das hatten ihm die Beamten bei der Kontrolle schließlich gesagt - habe
sein Name bereits zuvor in der Datei gestanden. Deshalb hat er den
Verdacht, dass ihm nicht die volle Wahrheit gesagt wurde. Zum anderen
empört ihn, dass personenbezogene Daten am Telefon weitergegeben werden.
"Schlichtweg unverantwortlich" sei dies, hat Mühl dem
Landesdatenschutzbeauftragten Walter Rudolf geschrieben.

"Politische Datei"

Dessen Stellvertreter Klaus Globig sieht das freilich in einem etwas
anderen Licht. Selbstverständlich sei es fahrlässig gewesen, dass Mühl
zunächst die Daten eines Anderen vorgelesen wurden. "Das darf nicht
sein", sagt Globig. Doch seien telefonische Auskünfte zulässig - wenn
sichergestellt ist, dass der Anrufer zweifelsfrei identifiziert sei.
"Mühl hatte auf ein Schreiben der Datenschutzbeauftragten Bezug genommen.
Das reichte zur Legitimierung", sagt Globig.

Der stellvertretende Ludwigshafener Polizeipräsident Lothar Schömann
nimmt die ganze Sache allerdings nicht so locker. Dass seine
Mitarbeiterin personenbezogene Daten am Telefon weitergegeben habe, werde
Konsequenzen haben: "Unserer Datenschutzbeauftragten ist ein Fehler
unterlaufen. Der Irrtum ist nicht zu beschönigen. Auf Grund der
Sensibilität müssen ähnliche Verfahren jetzt grundsätzlich schriftlich
ablaufen."

Allerdings verteidigt er auch, dass seine Behörde mit der Datei "Castor" -
genehmigt vom Mainzer Innenministerium und gebilligt vom
Landesdatenschutzbeauftragten - arbeitet. Sie sei aufgebaut worden, um
die Atommülltransporte von und nach Frankreich über die pfälzisch-
elsässische Grenze bei Lauterburg besser sichern zu können, nachdem diese
seit dem vergangenen Frühjahr massiv gestört worden seien. Deshalb sei es
auch wichtig gewesen, vom Neckarwestheim-Aktivisten Würth zu speichern,
dass dieser im November 2001 einen Infostand in Wörth beantragt habe.

Datenschützer Globig stimmt zu. Würths Rolle in der Anti-AKW-Szene sei
ein wesentlicher Grund für die Speicherung seiner Daten in der
Ludwigshafener "Castor"-Datei gewesen: "Die Infostand-Anmeldung hat
gezeigt, dass er an einem gefahranfälligen Ereignis teilnehmen möchte."

Würth sieht das anders. "Man unterstellt mir, dass ich ein potenzieller
Straftäter bin. Das lasse ich mir nicht bieten. Ich bin auch sicher, dass
es in der Datei politische Zusätze gibt", sagt er. Dass er einen
Infostand angemeldet haben soll, sei schlicht falsch. Auch zwei
Gewahrsamnahmen, die in der Polizeidatei vermerkt sind, seien ohne
Rechtsgrundlage erfolgt. Derzeit gehe er dagegen juristisch vor.

Sowohl Würths als auch Mühls Daten wurden angeblich mittlerweile bei der
Ludwigshafener Polizei gelöscht. Der Vorfall belege aber, was in der
Szene bisher nur vermutet wurde. "Es war ein offenes Geheimnis, dass
Daten gespeichert werden", sagt Mühl. Dass auch das Bundeskriminalamt mit
einem eigenen Datensatz arbeitet, wird in zusätzlich empören.

Von unserem Redakteur: Erhard Stern


-ARCHIVFOTO:VAN
Atomkraftgegner blockieren im südpfälzischen Wörth die Bahnstrecke, über
die die Atommülltransporte zwischen Deutschland und Frankreich rollen. Um
die "Castor"-Tansporte besser schützen zu können, hat das für die
Vorderpfalz zuständige Polizeipräsidium Rheinpfalz Demonstranten in einer
speziellen Datei gespeichert.


RON - RHEINPFALZ ONLINE, Montag, 29. Apr


Focus online, 23.04.02

BKA hortet Daten von Atom-Gegnern

Das Bundeskriminalamt behandelt Atomgegner offenbar genauso streng wie
etwa Terroristen. Es gebe eine spezielle Datei, berichtete die
„tageszeitung“ vorab am Montag. Die „Anti-Atomkraft- und Anti-Castor-
Datei“ enthalte strafrechtlich relevante Daten, die zur vorbeugenden
Polizeiarbeit genutzt würden.
Eine Sprecherin der rheinland-pfälzischen Polizei habe die Existenz
der Datei ebenfalls bestätigt, so das Blatt. Als ein Atomkraftgegner
Auskunft in ihrer Behörde begehrt habe, seien ihm seine Daten aus der
entsprechenden Datei zur Verfügung gestellt worden.


TAZ, 23.04.02, Seite eins

Atomkraftgegner polizeilich erfasst

BERLIN taz Das Bundeskriminalamt (BKA) hat erstmals eingeräumt, eine
spezielle Datei zu führen, in der Aktivitäten gegen Atomkraftwerke und
Castortransporte gespeichert sind.

Die "Anti-Atomkraft- und Anti-Castor-Datei" enthalte strafrechtlich
relevante Daten, die zur präventiven Polizeiarbeit genützt würden,
erkläre das BKA genüber der taz. Die Datensätze stammten größtenteils von
den Landespolizeibehörden. Die Existenz einer derartigen Datei hat auch
die Datenschutzbeauftragte der rheinland-pfälzischen Polizei, Monika
Brauer, bestätigt. Nach einer Anfrage eines Anti-AKW-Aktivisten stellte
sie ihm seine Daten aus der entsprechenden "Anti-Castor-Datei" zur
Verfügung.

wirtschaft und umwelt SEITE10:

Atomkritiker in Polizeidatei

Das Bundeskriminalamt bestätigt erstmals, eine spezielle Datensammlung zu
AKW-Widerstand und Castor-Transporten zu führen. Polizei-Datenschützerin
in Rheinland-Pfalz gab telefonische Auskunft

von PHILIPP HORSTMANN

Alexander Mühl staunte nicht schlecht. Eigentlich wollte der Badener
Atomkraftgegner nur wissen, welche personenbezogenen Daten die Polizei
von ihm gespeichert hat. Monika Brauer, Datenschutzbeauftragte der
rheinlandpfälzischen Polizei, las am Telefon die Daten vor. Allerdings
nicht seine, sondern die eines gewissen Herbert Würth.

Alexander Mühl hatte nicht einmal erwartet, am Telefon Auskünfte über
sich selbst zu bekommen - geschweige denn, über andere Personen. Er
machte die Datenschutzbeauftragte auf ihr Versehen aufmerksam. Daraufhin
bekam Mühl die eigenen Daten aus der "Anti-Castor-Datei" vorgelesen.

Damit ist jetzt bestätigt, was bislang nur vermutet wurde: Wer sich gegen
Atomkraft engagiert, landet in speziellen Verzeichnissen der
Polizeicomputer. "Dass es Castordateien gibt, hat man uns immer
verschwiegen", sagt Ulrike Donat, Rechtsanwältin aus Hamburg.

Nicht nur die Landespolizei speichert Aktivitäten von Atomkraftgegnern.
Ein Sprecher des Bundeskriminalamts (BKA) gesteht ein, dass bei der
Bundespolizei eine "Anti-Atomkraft- und Anti-Castor"-Datei geführt wird.
Darin werden unter anderem Aktivitäten gegen die Atomtransporte und die
dafür genutzten "Castor-Behälter" gespeichert. Die Sammlung enthalte
strafrechtlich relevante Daten, die zur "präventiven" Polizeiarbeit
genutzt würden, heißt es beim BKA. Die Datensätze stammten größtenteils
von den Landespolizeibehörden.

Was "strafrechtliche Relevanz" in der Praxis heißt, weiß Alexander Mühl
mittlerweile: etwa die Anmeldung eines Infostandes oder die
Mitgliedschaft in einem atomkritischen Netzwerk. Beides nämlich war über
Herbert Würth vermerkt, der Aktivist des Castor-Widerstands in
Neckarwestheim ist. Ferner in der Akte: zwei In-Gewahrsam-Nahmen.

Würth erläutert wie es dazu kam. "Mit einem Freund wollte ich im Mai 2001
den Castor beobachten. Dabei sind wir ununterbrochen von verschiedenen
Zivilstreifen verfolgt worden. In Neuburg wurden wir beide eine Stunde
durchsucht und festgehalten." Zuvor war Würth bereits als Anmelder eines
Infostands ohne sein Wissen in der Anti-Castor-Datei vermerkt worden. Die
Gewahrsamnahme war der zweite Eintrag. Den dritten bekam er für die
Teilnahme an einer nicht verbotenen Demonstration. "Rädelsführerei" warf
ihm die Polizei vor und hielt ihn viereinhalb Stunden fest. Verurteilt
wurde Würth nach eigenen Angaben in keinem Fall.

Der Atomkraftgegner hat nun die Löschung der über ihn gespeicherten Daten
beantragt, im Februar jedoch eine abschlägige Antwort erhalten. Klaus
Golbing, Vertreter des Datenschutzbeauftragten des Landes Rheinland-
Pfalz, rechtfertigt das. Rechtlich sei die Polizei befugt, "zur
vorbeugenden Bekämpfung von Straftaten" personengebundene Daten zu
verarbeiten. Übersetzt heißt das, schon wer "verdächtigt wurde,
Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten im Zusammenhang mit Castor-
Transporten verübt zu haben", bekommt seinen Eintrag.

Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin der PDS, beobachtet mit Skepsis
den Datenschutz der rot-grünen Regierung. Sie bezweifelt, dass es
irgendeine Rechtsgrundlage für derartige Karteien gibt: "Sie verstoßen
gegen das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung."

taz Nr. 6732 vom 23.4.2002, Seite 10, 111 Zeilen (TAZ-Bericht), PHILIPP
HORSTMANN


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