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HN-St: Von der Keimzelle der Kernenergie zum High-Tech-Labor



Heilbronner Stimme, 19.07.06

> Von der Keimzelle der Kernenergie zum High-Tech-Labor

Von Peter Reinhardt

Das Forschungszentrum Karlsruhe beschäftigt sich nicht nur mit 
Kernenergie , sondern mit allen Zweigen modernster Technik. (Foto: dpa)

Von Peter Reinhardt

Die künstliche Hand ist zehnmal größer als die eines Menschen, aber 
genauso beweglich. Die Finger der weltgrößten Roboterhand sind einen 
Meter lang und können neben den üblichen Grifftechniken auch das 
Fingeralphabet für Taubstumme. "Das ist ein Nebenprodukt unserer 
täglichen Arbeit", sagt Professor Georg Bretthauer vom Forschungszentrum 
Karlsruhe. Heute feiert das Zentrum, mit 3800 Beschäftigten eine der 
größten europäischen unabhängigen Forschungseinrichtungen, sein 50-
jähriges Bestehen.

Hinter den 50 Jahren steht eine wechselvolle Geschichte. Die 
Gründungsurkunde für die damalige "Kernreaktor Bau- und 
Betriebsgesellschaft" unterzeichnete am 19. Juli 1956 Franz-Josef Strauß 
in seiner Eigenschaft als Atomminister. Zwölf Kilometer nördlich von 
Karlsruhe entstand im Örtchen Eggenstein-Leopoldshafen in enger 
Zusammenarbeit mit der Industrie die Keimzelle der deutschen 
Kernreaktorindustrie. Auf dem weitläufigen Gelände ging Ende 1962 der 
erste deutsche Eigenbaureaktor in Betrieb, der Forschungsreaktor FR2; 
vier weitere folgten, darunter ein Versuchstyp des Schnellen Brüters. 
Hier wurde auch die hoch umstrittene Wiederaufarbeitung abgebrannter 
Atombrennstäbe erforscht. Daraus ist inzwischen eine milliardenschwere 
Altlast geworden, deren Beseitigung noch Jahre dauern wird. Nach einer 
Kette von Kostensteigerungen und Skandalen wurde Anfang des Jahres dem 
Zentrum die Zuständigkeit für den Rückbau dieser Anlage entzogen.

Mitte der 80er Jahre, als immer weniger kerntechnische Forschung 
nachgefragt wurde und neue Atomkraftwerke weit und breit nicht mehr in 
Sicht waren, begann für das Zentrum ein umfassender Strukturwandel. 
Inzwischen entfallen nur noch 15 Prozent der Forschung und Entwicklung 
auf das einstige Stammgebiet. Die Schwerpunkte liegen jetzt in den 
Bereichen Umwelt, Energie, Gesundheit, Mikrosystemtechnik und der 
Nanotechnologie. Viele aus dem Reaktorbetrieb stammende Technologien 
wurden für andere Anwendungen weiterentwickelt. Internationale Gutachter 
haben in den letzten drei Jahren die großen Programme bewertet und 
"lückenlos hervorragende Noten" vergeben, berichtet Sprecher Joachim 
Hoffmann. Er ist überzeugt, dass der thematische Wandel gelungen ist. 300 
Lizenzen und 1800 Patente hat das Zentrum auf den Weg gebracht.

Den 1400 Wissenschaftlern steht ein Budget von 316 Millionen Euro im Jahr 
zur Verfügung, immerhin 75 Millionen davon steuern sie über 
Auftragsarbeiten selbst bei. 90 Prozent der Finanzierung stellt der Bund 
sicher, die restlichen zehn Prozent kommen vom Land Baden-Württemberg.

Sorgen bereitet dem Vorstandsvorsitzenden Manfred Popp heute mehr der 
technologische Ursprung. Der Wissenschaftler fürchtet um den Verlust der 
Kernkraft-Kompetenz, die über Jahrzehnte in Deutschland aufgebaut wurde 
und bedroht sei: "Schon jetzt stellen wir einen ausgeprägten Mangel an 
wissenschaftlichem Nachwuchs fest." Dabei hätten studierte Kerntechniker 
eine fast 100-prozentige Arbeitsplatzgarantie. Popp stellt den 
Atomausstieg in Frage. Von Frankreich über die Schweiz bis nach Finnland 
werde über den Bau neuer Kernkraftwerke nachgedacht.