WOZ: Schwedens AKW - Pfusch lässt die Krone rollen
Wochenzeitung (WOZ), 10.08.06
> Schwedens AKW
> Pfusch lässt die Krone rollen
Von Reinhard Wolff, Stockholm
Der ehemalige Sicherheitschef des Atomkraftwerkes Forsmark macht die
Liberalisierung im Stromgeschäft für den Beinahe-Super-GAU
verantwortlich.
Nach wie vor stehen fünf von zehn schwedischen Atomreaktoren still. Vier
davon sind wegen Sicherheitsbedenken auf bislang unbestimmte Zeit
abgestellt worden. Dies als Folge eines Stromausfalls im AKW Forsmark am
25. Juli (siehe WOZ Nr. 31/06). Dabei handelte es sich vermutlich um den
schwerwiegendsten Zwischenfall in einem Atomkraftwerk seit der
Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986. Nach einigen Tagen der
Sprachlosigkeit haben beide Firmen, welche die schwedischen AKW
betreiben, Vattenfall und E.ON, ihren Propagandaapparat angeworfen und
versuchen nun den Beinahe-Super-GAU als Argument für die Sicherheit der
Atomkraft zu verkaufen. Die Tatsache, dass letztendlich nichts passiert
sei, soll als Sicherheitsbeweis gelten. Unterstützung erhalten sie dabei
von verschiedenen KommentatorInnen der grossen bürgerlichen Zeitungen
Schwedens.
Obwohl nur die Hälfte der schwedischen AKW laufen, ist es bisher nirgends
zu Stromausfällen gekommen. Dafür stiegen die Preise. «Der Zynismus der
Stromproduzenten, die nicht eine Sekunde zögern, so etwas auszunutzen,
ist kaum zu übertreffen», sagt der Energieanalytiker Roger Fredriksson.
«Unter dem Strich wird die Geschichte wohl dazu führen, dass Vattenfall &
Co neue Rekordgewinne ausweisen können.»
Fehlersuche
Vattenfall, zu hundert Prozent im staatlichen Besitz, ist die
Betreiberfirma des AKW Forsmark. Dort, im 150 km nördlich von Stockholm
beim kleinen Ort Östhammar gelegenen AKW, und in einem Labor im deutschen
Warstein läuft die Suche nach der Ursache des «Störfalls» vom 25. Juli
auf vollen Touren. Inzwischen scheint mittels Computersimulation die
Ursache der «Fehlfunktion» beim Gerät mit dem langen Namen «Anlage zur
unterbrechungsfreien Stromversorgung» (USV) gefunden worden zu sein.
Allerdings könnte laut Lennart Karlsson, Leiter der Abteilung für
Reaktorsicherheit bei der staatlichen Atomaufsichtsbehörde SKI,
zusätzlich auch im Systemaufbau ein Fehler liegen.
Die USVs werden in Warstein von der Firma AEG Power-Supply produziert.
Bislang wurden mehr als tausend Stück ausgeliefert, wie Firmenchef Karl-
Heinz Schulz sagt. Seines Wissens sei noch nie ein vergleichbarer Fehler
passiert. USVs selbst sind keine Notstromaggregate. Sie liefern gerade
mal genug Strom, um beispielsweise einen Fernseher versorgen zu können.
Eingesetzt werden sie überall da, wo die Stromversorgung keine Sekunde
ausfallen darf, sie sollen dafür sorgen, dass nach einem äusseren
Stromausfall die internen Hilfsaggregate, wie beispielsweise
Dieselgeneratoren, ohne Verzögerung anlaufen.
Vor dreizehn Jahren hat AEG nach Forsmark geliefert. Eine fehlerhafte
Installation schliesst Schulz aus: «Wir liefern ein geschlossenes System,
eine Art Blackbox, das sich nach den Vorgaben verhält, die wir vom Kunden
bekommen haben.» Dass gleich der Name AEG als mögliche Fehlerquelle
genannt wurde, sieht man in Warstein natürlich nicht gern. Und betont,
nach der Lieferung die Kontrolle über die Geräte verloren zu haben. Man
habe Vattenfall-Forsmark damals einen Servicevertrag angeboten, dieser
sei jedoch dankend abgelehnt worden. USVs enthalten Batterien und andere
Verschleissteile, die regelmässig ausgewechselt werden müssen.
Schliesslich erwarte auch kein Autobesitzer, dass er dreizehn Jahre nach
Kauf seines Fahrzeugs noch mit der ersten Batterie fahren könne, lässt
AEG wissen.
Schmutzige Vattenfall
Einzelheiten zu den Ergebnissen der Fehlersuche wollten zunächst weder
Vattenfall noch die SKI veröffentlichen. Wie auch immer: Die letzte
Verantwortung trägt in jedem Fall Vattenfall. Die Firma gehört mit ihren
Wasser-, Atom- und Kohlekraftwerken zu den europäischen Stromriesen. Im
letzten Quartal konnte sie eine Umsatzrendite von fünfzehn Prozent
erwirtschaften. Mit dem Gewinn, den Vattenfall in den letzten Jahren
machte, hätte das Unternehmen jeweils genug Anlagen zur Produktion von
Windstrom oder anderen ökologischen Kraftwerken errichten können, um pro
Jahr jeweils einen ganzen Atomreaktor überflüssig zu machen.
Sparmassnahmen im AKW
Doch Schwedens Strommarkt wurde vor zehn Jahren liberalisiert. Vattenfall
gibt sich seither genauso wie die Privatkonkurrenz als Akteurin auf dem
freien Markt. Die Profite wurden nicht für umweltfreundliche
Stromproduktion verwendet, sondern für den Kauf von
Elektrizitätsbetrieben in Hamburg und Berlin sowie von
Braunkohlekraftwerken in der ehemaligen DDR und Polen. Vattenfall hat
sich dadurch den Ruf als einer der schmutzigsten Stromproduzenten Europas
erworben. Und auch beim Betrieb von Atomreaktoren wie dem in Forsmark
herrschen seither die vom liberalisierten Markt diktierten Prinzipien.
Diese Prinzipien haben zu Abstrichen beim Sicherheitsdenken geführt, ist
der ehemalige Konstruktionschef bei Vattenfall, Lars-Olav Höglund,
überzeugt. Höglund war es, der vergangene Woche mit seinem Alarmruf auf
die möglichen Folgen aufmerksam machte, welcher der 23 Minuten lange
Geisterbetrieb nach dem Stromausfall im Forsmark-Reaktor hätte haben
können. Den Bagatellisierungsversuchen der ReaktorbetreiberInnen machte
er damit einen Strich durch die Rechnung. Die Atomstromlobby tut sich
schwer, den Argumenten des Experten etwas entgegenzuhalten. Er ist
nämlich nicht etwa von einem Atomkraft-Saulus zum -Paulus konvertiert,
sondern sieht Atomkraft durchaus als eine derzeit noch hinnehmbare Art
der Stromproduktion an. Nur eben nicht so. Seit Mitte der neunziger Jahre
sei das Sicherheitsdenken immer mehr in den Hintergrund gerückt. Die AKW-
BetreiberInnen hätten ihre Sicherheitsabteilungen sträflich ausgedünnt
und aus Kostengründen auch «Betriebspersonal ohne tiefere Einsicht in
technische Zusammenhänge» in die Kontrollräume gesetzt.
In der Logik des Profitdenkens schlage sich jede Stunde Reaktorauszeit
als Verlust in der Bilanz nieder. Deshalb würden notwendige
Wartungsarbeiten auf die lange Bank geschoben oder möglichst ohne
Abschaltung des AKW vorgenommen. Dazu würden auch schon einmal kurzerhand
Sicherheitssysteme umgangen, obwohl das gegen die Vorschriften verstosse.
Vor einiger Zeit erhielten die ReaktorbetreiberInnen die Genehmigung,
über den Weg einer «Effekterhöhung» durchschnittlich vierzehn Prozent
mehr Strom aus ihren Altanlagen «herauszuquetschen». Dies hatte eine
Milliardeninvestition in den Umbau von dreissig Jahre alten, technisch
überholten Reaktoren zur Folge. Höglund bilanziert die Aufrüstung nicht
nur als «eine äusserst bedenkliche Pfuscharbeit», sondern auch als eine
Belastung für die Grundkonstruktion der Reaktoren. «Kein Kunde in der
Auto-, Flugzeug- oder Computerbranche hätte das akzeptiert.» Die Folgen
seien nicht abschätzbar. Der Mythos der angeblich sicheren schwedischen
Atomkraft lasse sich gemäss Höglund auf ein Wort reduzieren: «Unsinn».
Wahlkampffutter
Höglund schlägt vor, alle schwedischen Reaktoren so schnell wie möglich
zu verstaatlichen und unter öffentliche Kontrolle zu stellen. Nicht nur
verspreche dies eine relativ bessere, da von den Zwängen der
Gewinnmaximierung abgekoppelte Sicherheitskultur, sondern Staat und
Gesellschaft hätten dann auch die Steuerungsmacht, um die Voraussetzungen
für einen schnellstmöglichen und geordneten Atomkraftausstieg zu
schaffen. Das tiefe Sicherheitsniveau, das die gegenwärtige Organisation
des Strommarkts bewirke, sei jedenfalls nicht akzeptabel.
Welche Auswirkungen die Beinahe-Kernschmelze in Forsmark auf die
schwedischen Parlamentswahlen vom 17. September hat, ist noch nicht
abschätzbar. Die SchwedInnen gelten als sehr sicherheitsbewusst. So
sagten sie 1980 unter dem Eindruck des Unfalls im US-AKW Harrisburg in
einer Volksabstimmung mehrheitlich Ja zum Ausstieg aus der Atomkraft bis
zum Jahre 2010. Bislang wurden jedoch erst zwei der einst zwölf Reaktoren
abgeschaltet. Führende PolitikerInnen vor allem aus der
Sozialdemokratischen Partei haben den Ausstiegsbeschluss immer weiter
verzögert. Dabei bauten sie auf den Mythos der «sicheren» schwedischen
Atomkraft.
Damit dürfte es nun vorbei sein. Neben den Grünen hat jetzt auch die
Linkspartei das Atomthema wiederentdeckt. Beide Parteien benötigen die
SozialdemokratInnen für die Parlamentsmehrheit. Wie die Grünen fordert
die Linkspartei die Abschaltung mindestens eines weiteren Reaktors in der
kommenden Legislaturperiode. Zudem sollen ein detaillierter Ausstiegsplan
ausgearbeitet und Investitionen in die alternative Energieproduktion
erhöht werden. Die Grünen wollen den Atomausstieg bis zum Jahr 2020
erreichen, die Linkspartei rechnet etwas vorsichtiger mit 2025. Die
SozialdemokratInnen, die mit ihrem Parteichef und Ministerpräsidenten
Göran Persson in Sonntagsreden die Atomkraft gern als überholte Technik
geisseln, aber bislang kaum etwas für deren Überwindung taten, könnten
nun mächtig unter Druck geraten.
WOZ vom 10.08.2006