[älterer Artikel][Neuerer Artikel][Übersicht][

jW: Nachhilfe für Kuhn



Junge Welt, 14.08.06

> Nachhilfe für Kuhn
> Atomgegner werfen Parteien Verharmlosung von AKW-Risiken vor

Reimar Paul

2001 gab Fritz Kuhn noch den überzeugten Atomaussteiger

Atomkraftgegner aus dem Wendland haben die ihrer Ansicht nach 
»erschreckend verharmlosenden Reaktionen« der politischen Parteien auf 
den ­Beinahe-GAU im schwedischen AKW ­Forsmark kritisiert. Die 
Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg nahm dabei insbesondere den 
Grünen-Fraktionschef im Bundestag, Fritz Kuhn, aufs Korn und schickte ihm 
am Freitag ein »Demo-Einsteiger-Paket« samt Farbsprühflaschen. »Die 
Selbstzufriedenheit des Grünen-Politikers mit der unter Rot-Grün 
vereinbarten Bestandsgarantie der Atommeiler ist schlicht zum Kotzen, 
weil damit das Risiko atomarer Katas­trophen in den nächsten Jahrzehnten 
in Kauf genommen wird«, sagte BI-Sprecher Francis Althoff. 
»Atomkatastrophen können nur verhindert werden, wenn die Reaktoren sofort 
abgeschaltet werden.«

Ein Kurzschluß hatte am 26. Juli den Reaktor 1 in Forsmark außer Betrieb 
gesetzt, nachdem zwei von vier Notstromaggregaten ausgefallen waren. Sie 
waren erst nach 20 Minuten manuell wieder in Gang gesetzt worden. 
Schweden hatte daraufhin sicherheitshalber vier weitere seiner insgesamt 
zehn Atomkraftwerke abgeschaltet. Die auch in der BRD aktiven AKW-
Betreiber Eon und Vattenfall behaupteten nach der Beinahe-Katastrophe 
umgehend, die Reaktoren auf deutschem Boden seien viel sicherer. Die BI 
kritisiert, daß vor allem Unionspolitiker trotz des Störfalls weiter 
längere Laufzeiten für die deutschen Reaktoren fordern. Neben der 
täglichen Gefahr einer Katastrophe werde weiterhin hochbrisanter Atommüll 
produziert, der nirgendwo sicher gelagert werden kann. »Statt dessen wird 
politisch die Illusion einer Entsorgungsmöglichkeit aufrechterhalten und, 
wie das Beispiel Gorleben zeigt, polizeilich gegen die Bevölkerung 
durchgeboxt«, heißt es in einer Presseerklärung der Bürgerinitiative.

Dem Päckchen für Kuhn legten die Atomgegner eine speziell für den Grünen-
Politiker ausgestellte »Demo-Berechtigungskarte für Plakatmaler«, 
Luftballons, Aufkleber, eine geknickte Sonnenblume und Sprühdosen sowie 
»zur Erinnerung« Informationen über die Gefahren der Atomenergie bei. 
»Wir sind gespannt, ob wir beim Castortransport im November Fritz Kuhn 
mit den geschenkten Utensilien auf einem Acker mit frisch angemaltem 
Transparent entdecken«, meint Althoff. Er bezog sich damit auf eine 
frühere Äußerung Kuhns, der einmal erklärt hatte: »Wenn Union und SPD auf 
die Idee kommen, wieder in die Atomwirtschaft einzusteigen, sehen wir uns 
auf dem Acker wieder. Die Transparente stehen noch auf dem Dachboden, die 
müssen nur frisch angemalt werden.«

Die Initiative »Ausgestrahlt« um den unermüdlichen Gorleben-Veteranen 
Jochen Stay rief unterdessen alle Atomkraftgegner dazu auf, E-Mails an 
die Bundesregierung und Leserbriefe an Zeitungen zu schreiben und auf 
diese Weise »Druck für einen wirklichen Ausstieg« zu machen. In den 
nächsten Tagen würden zudem Anzeigen mit dieser Forderung in großen 
Tageszeitungen geschaltet, kündigte Stay an. Die Ereignisse in Schweden 
machten die »Schrecken der Atomenergie auf einen Schlag wieder bewußt«, 
findet der Atomkraftgegner Stay. Sieben Minuten hätten Europa von einer 
Katastrophe wie in Tschernobyl getrennt.

»Ausgestrahlt« ist ein Zusammenschluß von Bürgerinitiativen und 
Umweltverbänden. Nach Einschätzung Stays wird in der BRD trotz der 
Ereignisse in Schweden der Druck der Atomlobby in Richtung 
Laufzeitenverlängerung zunehmen.