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swiss info: Kernkraftpionier Finnland - ein Vorbild für die Schweiz?Story zu my swissinfo hinzufügen



swissinfo, 13.09.06

> Kernkraftpionier Finnland - ein Vorbild für die Schweiz?Story zu my 

Die Baustelle von Olkiluoto 3 neben den zwei bestehenden KKW. (swissinfo)

Finnland ist das erste Land, das seit Tschernobyl ein neues Kernkraftwerk 
bewilligt und damit international eine Debatte über Nuklearenergie 
ausgelöst hat.

Zudem ist in Finnland das weltweit erste Endlager für hochradioaktive 
Abfälle im Bau. Die Schweizer Kernenergiepolitik hingegen befindet sich 
seit Jahren in einer Reflexionsphase.

 

Die Baugrube für Olkiluoto 3 ist gigantisch. Seit einem Jahr bauen 
Hunderte von Arbeitern und Ingenieuren die Hülle für den ersten Reaktor.

"Hier muss man nicht wie in der Schweiz mehrere Hundert Meter unter die 
Erde bohren, um die Stabilität abzuklären. Da genügt es, die oberste 
Erdschicht abzutragen", sagt Markus Fritschi und zeigt auf die überall 
sichtbaren Granitfelsen.

Von den geologischen und politischen Verhältnissen in Finnland kann der 
Leiter der Lagerprojekte bei der Nationalen Genossenschaft für die 
Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) nur träumen.

Ende Juni kam die schweizerische Landesregierung zum Schluss: Die Nagra 
hat den Nachweis erbracht, hochradioaktiver Abfall kann in der Schweiz 
endgelagert werden. So verlangt es das neue Kernenergie-Gesetz, das seit 
Februar 2005 in Kraft ist. Im Gesetz ist auch ein 10-jähriges Moratorium 
für die Wiederaufbereitung verankert.

Das heisst konkret: Die ausrangierten Brennstäbe müssen während 40 Jahren 
zwischengelagert und anschliessend in einem geologischen Tiefenlager in 
der Schweiz endgelagert werden.

 
Wissenschaftliche Grundlage unbestritten

 

"Seit dem Entscheid der Regierung ist klar, dass die Diskussion um ein 
neues Kernkraftwerk von der Diskussion um die Endlagerung abgekoppelt 
ist", unterstreicht Fritschi. "Die wissenschaftliche Grundlage für die 
Tiefenlagerung wird auch von den Opponenten nicht in Zweifel gezogen."

Nicht geklärt ist allerdings der Standort des künftigen Endlagers. Die 
Forschungen der Nagra weisen Benken im Zürcher Weinland als idealen 
Standort aus.

Die Landesregierung jedoch ist bestrebt, die politische Konfrontation zu 
vermeiden und will sich noch nicht festlegen. Die Regierung des Kantons 
Zürich hat bereits Opposition gegen einen allfälligen Standort Benken 
angekündet.

 
Debatte auf Sparflamme

 

Nicht geklärt ist in der Schweiz auch die Problematik der künftigen 
Stromproduktion. Linke und Grüne fordern einen mittelfristigen Ausstieg 
aus der Atomenergie und die Förderung von Alternativen.

Die Bürgerlichen und die Stromwirtschaft denken zuweilen laut über den 
Bau eines neuen Kernkraftwerks nach.

Der Bundesrat hat sich noch auf kein Szenario festgelegt. Der 
Stromverbrauch steigt von Jahr zu Jahr. Spätestens 2020 werden die 
ältesten Schweizer KKW vom Netz genommen.

 
Zweite Betonschale für Reaktorgebäude

 

Olkiluoto ist eine Halbinsel an der finnischen Westküste, 300 Kilometer 
nordwestlich von Helsinki. Hier ist mit Olkiluoto 3 seit September 2005 
weltweit der erste europäische Druckwasser-Reaktor (EPR) im Bau. Er wird 
2010 mit einer Leistung von 1600 Megawatt ans Netz gehen.

EPR ist keine grundsätzlich neue Technologie. "Die technologischen 
Unterschiede gegenüber den bekannten Reaktortypen sind akademisch. EPR 
ist die dritte Reaktorgeneration und resultiert aus der kontinuierlichen 
Weiterentwicklung der Reaktoren in Deutschland und Frankreich", erklärt 
Michael Schorer vom Nuklearforum Schweiz gegenüber swissinfo.

Bautechnisch neu sind eine zweite Betonschale für das Reaktorgebäude und 
eine Ausbreitungsfläche für die Kühlung im Fall einer Kernschmelze. "Wir 
haben Olkiluoto 3 nach dem 11. September 2001 zusätzlich so verstärkt, 
dass das Reaktorgebäude auch durch einen Angriff mit einem Flugzeug nicht 
beschädigt werden kann", erklärt Martin Landtman, Senior Vice President 
des Projekts.

 
Kern statt Kohle: weniger CO2

 

Auf Olkiluoto sind bereits zwei Kernkraftwerke, ein Zwischenlager für 
hochradioaktive Abfälle und ein Endlager für schwach- und 
mittelradioaktive Abfälle in Betrieb. Das weltweit erste Lager für 
hochradioaktive Abfälle ist im Bau.

1993 hatte das finnische Parlament den Bau von weiteren Atomanlagen 
abgelehnt. "In der Zwischenzeit ist ein Sinneswandel eingetreten", 
erklärt Jorma Aurela vom finnischen Energie-Departement im Gespräch mit 
swissinfo.

"Mit Olkiluoto 3 ersetzen wir auch alte Kohlenkraftwerke und können so 
die Ziele des Kyoto-Protokolls erreichen."

swissinfo, Andreas Keiser, Olkiluoto