Focus: EnBW-Chef Utz Claassen rechnet für den Fall des Atomausstiegs mit Strompreiserhöhungen
Focus, 17.09.06
> EnBW-Chef Utz Claassen rechnet für den Fall des Atomausstiegs mit
Strompreiserhöhungen "im zweistelligen Prozentbereich".
Die Kostensteigerungen wären erheblich: Je nach dem gewählten Ersatz für
die abzuschaltenden Atomkraftwerke, würden sich die Kosten um 20 bis 50
Prozent erhöhen, sagte der Chef der Karlsruher Energie Baden-Württemberg
(EnBW) dem FOCUS. Beim Einsatz der Windenergie seien Kostensteigerungen
um bis zu 200 Prozent zu erwarten.
Claassen forderte, den Atomausstieg aufzuschieben. "Sind wir als Land so
reich, sind wir als Gesellschaft so arrogant und vermessen, dass wir 30
Milliarden Euro volkswirtschaftlichen Vermögens vorzeitig vernichten
wollen? Wenn ich mir Pisa-Test und Rütli-Schule und Gesundheitsreform
anschaue, habe ich da meine Zweifel."
Das Atomkraftwerk Neckarwestheim, dessen Abschaltung 2009 ansteht, will
der Konzern-Chef auf jeden Fall länger nutzen. Die EnBW werde im vierten
Quartal 2006 den Antrag stellen, Reststrommengen anderer Kernkraftwerke
auf Neckarwestheim I zu übertragen, sagte Claassen.
Der weltweite Energieverbrauch werde sich langfristig verdoppeln oder
verdreifachen, prognostizierte Claassen. Dieser Bedarf lasse sich nicht
allein mit mehr Effizienz und regenerativer Energie decken. "Wenn wir
dann auf die fossilen Brennstoffe setzen, richten wir eine
Klimakatastrophe an. In aller Welt entscheidet man sich dafür, die
Kernkraft auszubauen."
Auch den Vorschlag von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), die
Suche nach einem Atommüll-Endlager neu zu beginnen, lehnte Claassen ab.
Mit Gorleben sei ein geeignetes Endlager gefunden. Die ebenfalls von
Gabriel angeregte Trennung von Stromnetz und -erzeugung lehnte er ab.
"Das wäre wohl eine Teilenteignung. Durch Verstaatlichung zum Wettbewerb?
Das verstehe ich nicht", sagte er.
Der EnBW-Chef bot an, im Falle eines Verzichts auf den Atomausstieg die
finanzielle Entlastung "zumindest teilweise an die Gesellschaft
zurückgeben" und in Forschungsförderung, regenerative Energie oder
Speichermedien investieren zu wollen.