StZ: EnBW-Stiftung bestreitet Kurswechsel zu Kernkraft
Stuttgarter Zeitung, 19.09.06
> EnBW-Stiftung bestreitet Kurswechsel zu Kernkraft
Grüne sehen sich durch Regierungsantwort in Verdacht bestätigt -
Forschung über Atomendlager mit 500000 Euro unterstützt
STUTTGART. Eigentlich soll sich die von der EnBW getragene Stiftung
Energieforschung um alternative Energien kümmern. Nun aber finanziert sie
eine Professur, bei der es um nukleare Entsorgung geht. Ein Kurswechsel?
Von Andreas Müller
Jahrelang hat die Stiftung Energieforschung Baden-Württemberg, die 1989
vom Land und den Vorläufern des Stromkonzerns EnBW gegründet worden war,
im Stillen vor sich hingearbeitet. Erst vor wenigen Wochen war sie wieder
einmal ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Damals wurde bekannt,
dass die eigentlich für die Erforschung regenerativer Energien
geschaffene Stiftung - inzwischen alleine von der EnBW getragen - ein
"Forum Kernenergie" ins Leben gerufen hat. In diesem Kreis sollen
"Persönlichkeiten aus Forschung, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft"
Fragen rund um die Atomkraft diskutieren. Darunter sind auch
Umweltministerin Tanja Gönner, ihr Vorvorgänger Ulrich Müller (beide CDU)
und der langjährige Chef der Atomaufsicht im Südwesten, Dietmar Keil. Die
Grünen im Landtag vermuteten angesichts dieses neu gegründeten Gremiums
einen Kurswechsel bei der Stiftung: Anstatt gemäß ihrer Satzung die
Erforschung alternativer Energien zu fördern, verlagere sie ihren Fokus
hin zur Kernkraft. Bestätigt sehen sich die Abgeordneten Theresia Bauer
und Franz Untersteller durch die Antwort des Wissenschaftsministeriums
auf ihre Anfrage.
Einerseits weist der neue Staatssekretär Dietrich Birk (CDU) ihren
Verdacht darin zurück. Das Forum Kernenergie, zu dessen Initiatoren die
Stiftung zähle, erhalte keine finanziellem Mittel von ihr. Auch sonst sei
kein Geld für Forschungsprojekte, wissenschaftliche Tagungen, für
Öffentlichkeitsarbeit oder andere Vorhaben "im Zusammenhang mit der
Nutzung der Kernenergie" geflossen, schreibt Birk - jedenfalls "nach
Kenntnis der Landesregierung".
Andererseits berichtet er, dass die Stiftung Energieforschung eine
Stiftungsprofessur Radiochemie an der Universität Heidelberg unterstütze.
Für zunächst fünf Jahre würden insgesamt 500 000 Euro gewährt, eine
längere Förderung sei nicht ausgeschlossen. Die seit 2001 vakante
Professur solle noch in diesem Jahr besetzt werden.
Aufgabe des Inhabers werde es nach den Worten des Staatssekretärs sein,
sich mit Fragen der nuklearen Entsorgung zu befassen. Im Fach Radiochemie
gehe es um die Erforschung von Methoden "für die Behandlung und
dauerhafte Lagerung radioaktiver Abfälle, die beim Betrieb und bei der
Stilllegung von Reaktoren anfallen".
Die Grünen Bauer und Untersteller sehen zwischen den beiden Aussagen
einen "klaren Widerspruch". Offenbar verlagere die Stiftung ihren Fokus
eben doch auf die Kernenergie und entferne sich damit von ihrer
ursprünglichen Intention. Dafür spreche auch, dass auf ihrer
Internetseite ausdrücklich auf die "knappen Fördermittel" verwiesen
werde, für die Heidelberger Professur aber eine halbe Million Euro
bereitstehe.
Dem widerspricht der Vorstand der Stiftung Energieforschung, der für
Forschung und Entwicklung zuständige EnBW-Bereichsleiter Wolfgang Münch.
"Der Stiftungszweck und damit auch der Fokus der Stiftung sind
unverändert", betont Münch. Die Forschungsgebiete der Stiftungsprofessur
reichten deutlich über die nukleare Endlagerung hinaus und umfassten auch
"Klimaforschung, Umweltanalytik, Geothermie, Lagerstättenkunde und
Qualitätssicherung, um nur einige Teilgebiete zu nennen".
Nichts zu tun hat die Stiftung laut Münch mit den Überlegungen für eine
weitere Stiftungsprofessor an der Fachhochschule Ulm. Laut
Wissenschaftsministerium soll dort ein Masterstudiengang
Reaktorsicherheit eingerichtet werden. Begründung: weil viele
Kraftwerksmitarbeiter in den Ruhestand gehen, gebe es einen zunehmenden
Bedarf an Fachkräften. Die Fachhochschule führe dazu derzeit
Verhandlungen mit "größeren Energieversorgungsunternehmen". Um welche es
sich handelt und ob auch die EnBW darunter ist, wird nicht mitgeteilt.
Auch die Stiftungsprofessur für Wasserkraft, die die EnBW der Universität
Stuttgart angeboten hat, wird Münch zufolge nicht über die Stiftung
finanziert. Der Technikvorstand des Stromkonzerns, Thomas Hartkopf, hatte
die Offerte kürzlich öffentlich gemacht. Begründung: im "EnBW-Wasserkraft-
Jahr 2006" wolle man die wissenschaftliche Kompetenz in diesem Bereich
stärken.
Aktualisiert: 19.09.2006, 06:13 Uhr