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SZ: Anhaltender Atomschacher - Der Herbst der Reaktoren



Süddeutsche Zeitung, 20.09.06

> Anhaltender Atomschacher
> Der Herbst der Reaktoren

Der Koalition steht die nächste Kernkraft-Debatte ins Haus - mit Anträgen 
auf längere Laufzeiten.

Von Michael Bauchmüller
 
Mit dem Atomkraftwerk Neckarwestheim steht ausgerechnet im Süden, wo es 
wenig Möglichkeiten zur alternativen Energiegewinnung gibt, eine 
Stromquelle zur Disposition.
Foto: dpa
	
 

Es sollte noch im Sommer sein. Noch im Sommer, also bis spätestens diesen 
Mittwoch, wollte der RWE-Konzern eine längere Laufzeit für seinen 
hessischen Reaktor Biblis A beantragen. Dies könne sich, sagen 
Unternehmenskenner, nun vielleicht um eine Woche verzögern. Ende 
September dürfte damit in der Koalition der Dauerzoff um die Kernkraft 
wieder mit Leidenschaft aufleben.

Es wird nur der erste Antrag sein von mehreren. EnBW-Chef Utz Claassen 
will im Spätherbst beantragen, sein Kernkraftwerk Neckarwestheim 1 länger 
laufen zu lassen. "Dazu sind wir nicht nur aktienrechtlich verpflichtet, 
sondern besonders im Sinne unseres Klimas", sagte Claassen jüngst dem 
Focus.

Vattenfall prüft Verlängerung für Reaktor bei Brunsbüttel

An diesem Mittwoch und Donnerstag untermauert der Karlsruher Konzern das 
mit einer Tagung in Berlin - über die Folgen des Klimawandels. Und auch 
Vattenfall prüft nach Angaben von Kraftwerksvorstand Reinhardt Hassa 
derzeit die Verlängerung für seinen Reaktor bei Brunsbüttel.

Mindestens ein Jahr Vorlaufzeit, heißt es in der Branche, bräuchten die 
Betreiber, um sich auf die Zukunft einzustellen - auf Weiterbetrieb oder 
Abriss. Damit drängt die Zeit: Biblis A wäre schon 2008 an der Reihe, 
Neckarwestheim, Brunsbüttel und Biblis B 2009.

Sigmar Gabriel hält nichts von längeren Laufzeiten

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat bislang keinen Hehl daraus 
gemacht, was er von den längeren Laufzeiten für die angezählten Reaktoren 
hält. Er sehe keinen Grund, warum ältere Kernkraftwerke länger laufen 
sollten, jüngere, modernere dagegen kürzer. Genau darauf aber laufen die 
Anträge der Versorger hinaus.

Im Atomkonsens hatte die rot-grüne Bundesregierung 2001 penibel 
festgelegt, welcher Reaktor noch wie viel Strom liefern darf. Und damit 
die interessierte Öffentlichkeit rascher erste Resultate sehen konnte, 
erlaubte die Abmachung die problemlose Übertragung von alt auf neu.

Umgekehrt aber sollte es die Ausnahme bleiben, zu genehmigen im 
Einvernehmen zwischen dem Kernkraftgegner Gabriel einerseits, dem 
Kernkraftfreund im Wirtschaftsministerium, Michael Glos (CSU), und dem 
Kanzleramt andererseits. "In der Frage gibt es entweder Einvernehmen oder 
es gibt es nicht", heißt es nun aus Kreisen des Umweltministeriums.

"Lenkt Gabriel da ein, wäre das sein politischer Tod." Gabriel wiederum 
räumt ein, er werde jeden Antrag "nach Recht und Gesetz prüfen". Wie 
lange so etwas dauert, bleibt dahingestellt.

Die Ungewissheit wird zunehmend zum Problem für die deutsche 
Stromversorgung. Zwar sind derzeit in Deutschland 30 neue Kraftwerke in 
Planung, die mögliche Engpässe auffangen würden. Doch neue Kraftwerke 
entstehen vor allem im Westen - während der Verbrauch vor allem im 
boomenden Süden der Republik wächst.

Kaum Planung möglich

Mit dem EnBW-Kraftwerk Neckarwestheim und den beiden Blöcken von Biblis 
stehen aber ausgerechnet im Süden Stromquellen zur Disposition: wo der 
Wind schwächer weht und keine Braunkohle unter der Erde lagert. Mehr 
noch: Neubauten auf frei werdenden Kraftwerksstandorten kann angesichts 
anhaltenden Atomschachers derzeit niemand planen. Dabei lässt sich 
nirgends leichter ein neues Kraftwerk ans Netz anschließen als dort, wo 
mal eins stand.

Letzteres gilt auch für den hohen Norden. Da setzen Windkraft-Betreiber 
darauf, dass Brunsbüttel termingerecht vom Netz geht. Das Kernkraftwerk 
im hohen Norden soll den Weg für Windenergie vom Meer freimachen, so sie 
denn bald fließt. Doch Brunsbüttel, zuletzt wegen seiner Ähnlichkeit zum 
schwedischen Pannenreaktor Forsmark in den Schlagzeilen, hat womöglich 
noch die besten Aussichten auf Verlängerung.

Das Überleben des Reaktors Stade kann hinausgezögert werden

Denn das Kraftwerk, das zu zwei Dritteln Vattenfall gehört und zu einem 
Drittel Eon, könnte aus der Reserve des stillgelegten Eon-Reaktors Stade 
schöpfen - und damit das eigene Überleben über die Bundestagswahl 2009 
hinauszögern. Weil Stade, Baujahr 1972, älter ist als das 1976 errichtete 
Kernkraftwerk Brunsbüttel, bräuchte Vattenfall dafür nicht einmal eine 
Genehmigung.

Auch RWE hat noch ein gewaltiges Guthaben auf dem Atomstrom-Konto - aus 
dem nie ans Netz gegangenen Reaktor Mülheim-Kärlich. Nur für Biblis A 
lässt sich das Zeitplus nicht nutzen - das hatten die Väter des 
Atomkonsens einst vorsorglich ausgeschlossen.

Es sei denn, die Betreiber vereinbaren alle zusammen eine Art 
"Ringtausch", bei dem Reststrommengen wie am Billardtisch über Bande 
verschoben würden - und möglicherweise auch ganz legal bei Biblis A 
landen könnten. Die echte Atomdebatte, so viel ist sicher, geht gerade 
erst los.