FAZ: Kernkraftwerke - Wie sicher ist Brunsbüttel?
FAZ, 21.09.06
> Kernkraftwerke
> Wie sicher ist Brunsbüttel?
Von Georg Küffner
Sieht sich vom Untersuchungbericht bestätigt: Betreiber Vattenfall
21. September 2006
Es ist kein Geheimnis: Die Betreiber der 17 deutschen Kernkraftwerke,
RWE, Eon, Vattenfall und EnBW, suchen derzeit nach Möglichkeiten, ihre
Reaktoren länger als mit dem Bund vereinbart am Netz zu halten. Dreh- und
Angelpunkt ist dabei die Übertragung von sogenannten Reststrommengen. Die
vier Kernkraftwerksbetreiber hatten sich im Juni 2000 mit der damaligen
rot-grünen Bundesregierung auf die Begrenzung der Laufzeiten von
Kernkraftwerken auf durchschnittlich 32 Jahre geeinigt.
In dieser Legislaturperiode steht mindestens ein Reaktor, nämlich das RWE-
Kraftwerk Biblis A, vor der Abschaltung. Weitere drei (Brunsbüttel,
Biblis B, Neckarwestheim 1) wären spätestens 2009 fällig. In der großen
Koalition vertritt die Union indes die Auffassung, daß aus energie- und
umweltpolitischen Gründen die Restlaufzeiten über die 32 Jahre hinaus
verlängert werden sollten. Und nicht wenige führende Unionspolitiker
plädieren gar mehr oder minder offen für den Bau neuer Kernkraftwerke. Um
einen massiven Koalitionsstreit mit der SPD zu vermeiden, hat die Union
unter Kanzlerin Merkel im Koalitionsvertrag jedoch die Frage eines
verlängerten Atomausstiegs auf die Zeit nach 2009 vertagt.
Zwei von vier Wechselrichtern "rausgeworfen"
Die Entscheidungen über den Atomausstieg werden auch durch die Bewertung
des Sicherheitsstandards für die betroffenen Altanlagen beeinflußt, die
durch den Störfall im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark am 25. Juli
neue Nahrung bekommen hat. Folgerichtig hat Bundesumweltminister Gabriel
(SPD), der auch für Reaktorsicherheit zuständig ist und die direkt für
das Kraftwerk Brunsbüttel verantwortliche Kieler Aufsichtsbehörde, das
Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren, den
Hauptbetreiber Vattenfall aufgefordert, die Zuverlässigkeit des
Notstromversorgungssystems für das Kernkraftwerk prüfen zu lassen.
Untersucht werden sollte, wie das Kernkraftwerk an der Elbmündung, das zu
zwei Dritteln Vattenfall und zu einem Drittel Eon gehört, mit einer
kurzzeitig auftretenden Überspannung "fertig wird".
Diese Aufgabenstellung orientiert sich am Ablauf des Geschehens im
Vattenfall-Kernkraftwerk Forsmark, der von der zuständigen schwedischen
Atomaufsichtsbehörde rekonstruiert wurde. Demnach hat ein Kurzschluß
außerhalb des Kraftwerks dazu geführt, daß die Anlage vom Stromnetz
getrennt wurde. Im Zuge des dadurch ausgelösten "Lastabwurfs" hat der
Generator eine Überspannung von rund 20 Prozent erzeugt, die über die
einzelnen Verteilerschienen bis zur Abschaltautomatik des
Notstromversorgungssystems wirkte. Hier hat der Spannungsstoß zwei von
vier Wechselrichtern "rausgeworfen", die für die Umwandlung des in
Batterien gespeicherten Gleichstroms in Drehstrom zuständig sind. Mit der
Folge, daß nur zwei von vier Dieselgeneratoren ansprangen und die
Notkühlung mit Energie versorgten.
Kernschmelze zu keinem Zeitpunkt möglich
Ablauf wie in Forsmark ausgeschlossen: Kernkraftwerk Brunsbüttel
Da durch die kurzfristige Stromunterbrechung beim Umschalten auf die
Notstromversorgung auch ein Teil des Steuerungssystems ausgefallen war,
hatte die Betriebsmannschaft länger als 20 Minuten nicht alle
Informationen über den tatsächlichen Zustand der Anlage. Nach 23 Minuten
konnten die Angestellten die beiden nicht automatisch gestarteten
Notstromdieselgeneratoren per Handschaltung in Betrieb nehmen.
Der unmittelbar nach dem Ereignis der schwedischen Aufsichtsbehörde (SKI)
gemeldete Vorfall wurde von ihr auf der siebenstufigen internationalen
Bewertungsskala (INES) in die Kategorie zwei eingeordnet und damit als
Störfall bewertet. Die SKI war nach einer grundlegenden Untersuchung zu
dem Ergebnis gekommen, daß der Störfall zu jeder Zeit beherrscht wurde
und die Anlage zu keinem Zeitpunkt in einem Zustand gewesen war, der zu
einer Kernschmelze hätte führen können - dem "größten anzunehmenden
Unfall" (GAU) wie in Tschernobyl.
Überspannung nicht ungewöhnlich
Zu keinem Zeitpunkt Gefahr eines GAUs: Kernkraftwerk Forsmark
Der Untersuchungsbericht für das Kernkraftwerk Brunsbüttel wurde am
Mittwoch dieser Woche dem Ministerium in Kiel übergeben. Er besteht aus
zwei Teilen. Teil eins wurde vom Steinbeis-Institut für Angewandte
Forschung in der Elektrischen Energietechnik an der Universität Rostock
unter der Leitung von Professor Harald Weber erstellt. Hier hat man
anhand eines auf dem Rechner nachgebildeten elektrischen
Kernkraftwerkmodells die Auswirkungen einer Überspannung (einschließlich
ihres Verlaufs und der Höhe) bis hinunter auf die 380-Volt-Spannungsebene
des Kraftwerks berechnet, an der die Gleichrichter angeschlossen sind
(diese verbinden die 380-Volt-Spannungsebene des Kraftwerks mit der 220-
Volt-Gleichspannungsebene und den daran angeschlossenen Batteriepuffern
des Notstromsystems).
Dabei hat sich ergeben, daß die durch einen Lastabwurf - die Leistung
geht innerhalb von wenigen Millisekunden von 800 auf 30 Megawatt zurück -
sich ergebende Überspannung in Verlauf und Höhe nicht ungewöhnlich ist.
Die Gleichrichter mit den angeschlossenen Batterien können solche
Spannungskurven beherrschen und auf unschädliche Werte dämpfen.
Ablauf in Brunsbüttel ausgeschlossen
Zum gleichen Ergebnis kommt der bei AEG in Warstein-Belecke angefertigte
zweite Teil der Untersuchung. Hier hat man anhand einer Testkonfiguration
mit Gleichrichter und Batterie, die mit dem Aufbau im Kernkraftwerk
Brunsbüttel vergleichbar ist, sowie einer Berechnung des Wechselrichters
überprüft, wie sich die 220-Volt-Gleichspannung bei einer sehr schnellen
Änderung in der 380-Volt-Spannungsebene verhält und welche Auswirkung sie
auf den Wechselrichter hat. Der Spannungsverlauf, so das Urteil, würde in
keinem Fall zum Ausfall der Verbraucherspannung am Wechselrichter führen.
Bruno Thomauske, Chef der Nuklearsparte von Vattenfall in Deutschland,
sieht sich durch den Bericht bestätigt. Die Ergebnisse hätten nicht nur
gezeigt, daß ein Ablauf wie in Forsmark im Kernkraftwerk Brunsbüttel
ausgeschlossen ist. Auch seien die Ergebnisse mit früheren Erkenntnissen
deckungsgleich, wie sie in der Schriftenreihe des
Bundesumweltministeriums "Reaktorsicherheit und Strahlenschutz" unter dem
Titel "Entstehung von Überspannungen und ihr Einfluß auf die
Stromversorgung redundanter Komponenten des Sicherheitssystems von
Kernkraftwerken" veröffentlicht wurden. Damit ist nach Aussage von
Thomauske der Nachweis erbracht, daß die Stromversorgung des
Kernkraftwerks Brunsbüttel in allen Fällen gewährleistet ist.