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TAZ: Atomare Provokation



Taz, 27.09.06

> Atomare Provokation

VON NICK REIMER

Deutschlands zweitgrößter Energiekonzern RWE hat gestern die Büchse der 
Pandora geöffnet: Im Bundesumweltministerium, im 
Bundeswirtschaftsministerium und im Bundeskanzleramt gingen Anträge auf 
Laufzeitverlängerung des ältesten deutschen AKW Biblis A ein. Der 
elfseitige Antrag zur "Übertragung von Elektrizitätsmengen gemäß 
Atomgesetz" aus dem Jahr 2000 - der der taz vorliegt - hat zum Ziel, 30 
Terawattstunden vom nie richtig gelaufenen AKW Mülheim-Kärlich sowie 30 
Terrawattstunden des AKW Emsland auf Biblis A zu übertragen. Jan Zilius, 
Vorstandsvorsitzender der RWE Power: "Dadurch würde die Laufzeit von 
Block A bis etwa in die zweite Jahreshälfte 2011 verlängert werden." Der 
Antrag verschaffe "zeitlichen Spielraum für die Diskussion über das 
energiepolitische Konzept der Bundesrepublik".

Damit gibt der Vorstandschef eine Begründung für den Zeitpunkt des 
Antrages: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat am 9. Oktober zur nächsten 
Runde des Energiegipfels geladen. Vor dem ersten Energiegipfel Anfang 
April hatte die Kanzlerin beim Thema Atomkraft auf den Koalitionsvertrag 
verwiesen, in dem der Bestand des Atomausstiegsgesetzes festgeschrieben 
ist. Doch die vier großen Atomkonzerne RWE, Eon, Vattenfall und EnBW 
waren mit den Ergebnissen des Gipfels unzufrieden. Daher wurden 
seinerzeit drei Arbeitsgruppen gegründet: "Versorgungssicherheit", 
"Internationale Politik", "Forschung und Effizienz". Das nächste Treffen 
soll nun die Ergebnisse beraten. Dabei spielt allerdings das Thema 
Atomkraft nur eine Nebenrolle.

Das, so die naheliegende Vermutung, wollen die "großen vier" nun durch 
eine konzertierte Aktion ändern. "Mit Blick auf das in Entwicklung 
befindliche energiepolitische Konzept für die Bundesrepublik Deutschland 
halten wir es für falsch, vor Fertigstellung vollendete und irreversible 
Tatsachen zu schaffen - durch die vorzeitige Stilllegung von 
Kernkraftwerken", sagte RWE-Power-Chef Zilius gestern. "Wir werden den 
Antrag im vierten Quartal stellen", kündigte gestern ein Sprecher von 
Energie Baden-Württemberg (EnBW) an. Der EnBW-Reaktor Neckarwestheim I 
muss gemäß Atomkonsens 2009 vom Netz.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat gestern erneut 
ausgeschlossen, an den festgeschriebenen Reststrom-Laufzeiten etwas zu 
ändern. Allerdings erklärte Gabriel, er werde den Antrag "nach Recht und 
Gesetz prüfen". Welche Möglichkeiten hat er?

RWE beruft sich im Antrag auf § 7 Abs. 1d des Atomgesetzes. Dieser 
bezieht sich auf Mülheim-Kärlich: Nach dem Probebetrieb war der RWE-
Reaktor wegen schwerer Fehler bei der Genehmigung per Gericht stillgelegt 
worden. RWE drohte daraufhin der Genehmigungsbehörde Rheinland-Pfalz mit 
einer milliardenschweren Schadensersatzklage. Um dem Bundesland dies zu 
ersparen, wurde RWE die großzügige Summe von 107,25 Terawattstunden 
zugestanden, die der Konzern von dem stillgelegten Reaktor auf andere 
übertragen darf. Davon will RWE nun Gebrauch machen. Allerdings ist der 
Passus im Gesetz mit einem Sternchen versehen: Dort sind jene AKWs 
verzeichnet, auf die die Menge tatsächlich übertragen werden darf. Isar 2 
zum Beispiel oder das AKW Emsland. Biblis A ist nicht dabei.

Bleibt also § 7 Abs. 1b: Nach diesem kann von einem neuen AKW - etwa dem 
Ende der 80er-Jahre in Betrieb genommenen AKW Emsland - Restlaufzeit auf 
ein altes übertragen werden, wenn Bundeskanzlerin, Bundesumweltminister 
und Bundeswirtschaftsminister zustimmen. RWE hat deshalb den Antrag an 
die drei Ministerien verschickt. Wirtschaftsminster Glos warnte gestern 
schon einmal seinen federführenden Kabinettskollegen Gabriel: "Ich 
erwarte, dass wir uns zusammensetzen und vorbehaltlos über den Antrag 
beraten."

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