[älterer Artikel][Neuerer Artikel][Übersicht][

TAZ: Kein Notstandssystem für den Havariefall (Biblis)



TAZ, 27.09.06

> Kein Notstandssystem für den Havariefall
> Seit 1991 fordert die oberste Atomaufsicht Hessens eine 
sicherheitstechnische Nachrüstung des Reaktors

BERLIN taz Notstandswarte - so heißt das Problem des ältesten deutschen 
Atomkraftwerkes. Als einziger Reaktor verfügt Biblis A über kein 
gebunkertes Notstandssystem, das unabhängig von anderen Systemen im 
Havariefall zu betreiben ist. Deshalb forderte bereits die CDU-geführte 
Landesregierung Hessens als oberste Atomaufsicht am 27. März 1991 eine 
sicherheitstechnische Nachrüstung.

Pläne dafür wurden immer wieder entworfen - aber nie realisiert. Geplant 
war die neue unabhängige Notstromzentrale zwischen dem im August 1974 in 
Betrieb gegangenen Block A und dem zwei Jahre später angeschlossenen 
Block B. Allerdings erwiesen sich die Planungen als statisch extrem 
schwierig - als 1998 die Verhandlungen zum Atomkonsens begannen, war mit 
dem Bau immer noch nicht begonnen.

Betreiber RWE Power argumentierte in diesen Verhandlungen so: Wegen der 
atomrechtlichen Genehmigung und des komplexen Baus würde die 
Notstandswarte nicht wesentlich früher als Anfang 2007 fertig. Gemäß 
Atomkonsens soll dann aber Deutschlands ältestes AKW vom Netz.

Der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) teilte 
seinerzeit diese Überlegungen. Im Atomkonsens heißt es deshalb: "Zum 
weiteren Verfahren der Nachrüstung von Biblis A wird auf die in der 
Anlage 2 enthaltene Erklärung des Bundesumweltministeriums gegenüber der 
RWE AG verwiesen." In dieser nimmt das Bundesumweltministerium Abstand 
vom geforderten Bau der Notstandswarte. "Unter der Voraussetzung einer 
Erklärung des Betreibers, auf eine Übertragung von Energiemengen auf 
Biblis A zu verzichten", müsse die Notstandswarte nicht gebaut werden.

Dass eine solche Notstandswarte eigentlich zwingend erforderlich ist, 
zeigte eine ganze Reihe von Störfällen. Allein 2002 musste der Betreiber 
14 meldepflichtige Vorfälle eingestehen. Im März 2002 heißt es etwa 
"Nichtöffnen einer Absperrarmatur im Nebenkühlwassersystem". Im Juni: 
"Ausfall von Reaktorschutzmessungen infolge Kabelschäden". Und: Eine 
Untersuchung des Bundesumweltministeriums ergab vor anderthalb Jahren, 
dass Biblis A nicht gegen den Absturz eines Passagierflugzeugs geschützt 
ist. NICK REIMER