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ND: Juristische Hintertür beim Atomausstieg



Neues Deutschlan, 27.09.06

> Juristische Hintertür beim Atomausstieg
> Nach dem Antrag auf Laufzeitverlängerung für Biblis A muss die Große 
Koalition Farbe bekennen 
 
Von Reimar Paul 
 
Die Bundesregierung steht vor einer Zerreißprobe. Denn sie muss nun 
erklären, ob der Energiekonzern RWE sein Atomkraftwerk Biblis A in Hessen 
länger betreiben darf, als im Atomkonsens vorgesehen, oder nicht. Der 
Zwist um längere Laufzeiten für AKW zog sich wie ein roter Faden durch 
die bisherige Amtszeit von Schwarz-Rot.
Der Atomreaktor Biblis A, seit über 30 Jahren am Netz, müsste eigentlich 
2008 abgeschaltet werden. Gestern stellte RWE als Betreiber den schon 
länger angekündigten offiziellen Antrag auf Laufzeitverlängerung. Konkret 
will der Energiekonzern 30 Terawattstunden Strom aus dem AKW Mühlheim-
Kärlich (Rheinland Pfalz), das seit 1988 aus juristischen Gründen außer 
Betrieb ist, auf Biblis A übertragen und dieses Kraftwerk so bis 2011 
weiter betreiben. Das Kalkül ist, dass eine dann amtierende CDU/FDP-
Koalition den Atomkonsens ganz kippt und die Uralt-Atomkraftwerke noch 
länger laufen können. Für Biblis B will RWE ebenfalls längere Laufzeiten 
beantragen, dasselbe plant Vattenfall für Brunsbüttel - diese beiden 
Reaktoren müssten dem Atomkonsens zufolge ebenfalls noch in dieser 
Legislaturperiode abgeschaltet werden.
Über den RWE-Antrag müssen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), 
Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sowie Umweltminister Sigmar 
Gabriel (SPD) entscheiden. Während Merkel sich in der Atomfrage 
öffentlich zurückhält, gilt Glos im Kabinett als treuer Gefolgsmann der 
Atomlobby; er sprach sich schon mehrfach für längere AKW-Laufzeiten aus. 
Gabriel dagegen will am Atomausstieg festhalten. Stromkontingente dürften 
nur von älteren auf neuere AKW übertragen werden - das hatte der 
Umweltminister unter Berufung auf den rot-grünen Atomkonsens immer wieder 
betont.
Gestern klang Gabriel nicht mehr so entschieden. Der RWE-Antrag werde 
»nach Recht und Gesetz« geprüft, sagte er. Dies könne mehrere Monate in 
Anspruch nehmen, die Dauer hänge auch von der »Qualität der vorgelegten 
Unterlagen« ab. Den Juristen im Umweltministerium gibt vor allem die so 
genannte »Lex Mühlheim-Kärlich« zu denken. Dieses AKW wurde 1988 nach nur 
13 Monaten Stromproduktion stillgelegt. Doch in den Verhandlungen zum 
Atomkonsens setzten die Energiebosse für Mülheim-Kärlich ein zusätzliches 
Stromkontingent von insgesamt 107 Terawattstunden durch. Im Anhang zum 
Atomgesetz ist aber festgeschrieben, welche AKW die theoretische 
Strommenge aus Mülheim-Kärlich produzieren dürfen - Biblis A ist nicht 
darunter.
RWE hat deshalb »hilfsweise«, also bei einer Ablehnung des eigentlichen 
Ansinnens, beantragt, Strommengen des niedersächsischen AKW Lingen auf 
Biblis A übertragen zu dürfen. Auch auf dieses Ansinnen ging Gabriel 
gestern eher moderat ein: In diesem Fall sei in Biblis eine »umfassende 
Sicherheitsüberprüfung« erforderlich. Dabei gelte der Grundsatz, dass 
eine Übertragung nicht zu Lasten der Sicherheit gehen dürfe. Ein Nein 
hört sich anders an.
Bei Umweltschützern stieß das RWE-Begehren gestern auf einhellige 
Ablehnung. Anti-Atom-Bürgerinitiativen kündigten einen »heißen Herbst« 
an. Sie wollen am 4. November zeitgleich in Biblis und Brunsbüttel 
demonstrieren. Bereits eine Woche später ist in Gorleben die 
Auftaktdemonstration gegen die diesjährigen Castortransporte angekündigt.


Pannen
Das hessische Atomkraftwerk Biblis A produziert seit der Inbetriebnahme 
am 25. August 1975 neben Strom auch ständig Pannen. Betroffen waren fast 
alle Kraftwerksteile - Generatoren, Turbinen und immer wieder das 
Kühlsystem. Mehrmals waren Verletzte zu beklagen. Schon 1976 mussten sich 
zehn Beschäftigte nach Reparaturarbeiten mit Verstrahlungen im 
Krankenhaus behandeln lassen. Bei späteren Unfällen kamen zwei Menschen 
ums Leben. 1987 ereignete sich in Biblis A der bisher wohl 
schwerwiegendste Zwischenfall in einer deutschen Atomanlage - durch einen 
Bedienungsfehler stand das AKW am Rande eines GAU. Der Betreiber RWE 
vertuschte den Unfall ein Jahr lang. Im August 2002 riss beim Umladen von 
Brennelementen in einen Castorbehälter der Kopf eines Elements ab. Das 
Brennelement fiel einen halben Meter tief in das Abklingbecken und 
verklemmte sich an der Beckenwand. Mit Unterwasserrobotern mussten 
Techniker die 800 Kilogramm schwere Metallröhre wieder aufrichten und 
bergen. RP