TAZ: AKW BIBLIS: EIN ANTRAG, DER NUR ABGELEHNT WERDEN KANN
TAZ, 27.09.06
> AKW BIBLIS: EIN ANTRAG, DER NUR ABGELEHNT WERDEN KANN
> RWE setzt auf Streit in der Regierung
Dieser Antrag ist genau der richtige zur richtigen Zeit. Der
Stromerzeuger RWE will sich bei der Bundesregierung die Laufzeit seines
Atomkraftwerkes Biblis A verlängern lassen. Statt, wie es im Atomkonsens
festgelegt ist, den ältesten Reaktor Deutschlands im nächsten Jahr vom
Netz zu nehmen, will ihn die RWE AG bis 2011 weiter betreiben. Was der
Konzern bislang immer nur ankündigte, ist nun Realität: Der Antrag ist
da. Und er muss beschieden werden.
Unternehmensteuer, Kombilöhne, vor allem die Gesundheitsreform - die
schwarz-rote Regierung ist zerstritten. Nun beschert RWE dem Kabinett
noch eine weitere Front. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und der
erstarkte Umweltflügel der SPD hatten in den Koalitionsverhandlungen
immer wieder klar gemacht, dass der Atomausstieg zwingend ist. Die Union
wiederum ist angesichts des Dauergefechts sowohl in den eigenen Reihen
als auch mit der SPD auf historisch schlechte Umfragewerte gesunken.
Fraglich, ob die Koalition in der derzeitigen Lage einen zusätzlichen
Krach auf neuem Terrain vertragen kann.
Das weiß auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos. Nach den
Bestimmungen des Atomkonsenses besitzt der Antrag von RWE nur eine
einzige Chance auf Genehmigung: wenn die Bundesregierung - in diesem Fall
Kanzlerin Merkel, Gabriel und Glos - einer Laufzeitübertragung von einem
neuen auf ein altes AKW zustimmt. Im Falle Gabriel ist das wohl
ausgeschlossen, aber ebenso, dass Merkel und Glos gegen den Antrag
stimmen. Für den Antragsteller ist das eine die Pest, das andere die
Cholera: Wird der Antrag abgelehnt, ist Biblis A nicht mehr zu retten.
Trägt ein Atomkrach dazu bei, dass die Koalition platzt, ist meilenweit
keine Mehrheit für einen Ausstieg aus dem Atomausstieg in Sicht.
Ein Weg, den Antrag vom Kabinettstisch zu bekommen, wird sich schon
finden. Wenn er aber so wenig Chancen auf Erfolg hat, muss er in eine
andere Richtung zielen. Tatsächlich soll mit Biblis B noch ein zweiter
RWE-Reaktor in dieser Legislaturperiode vom Netz gehen. Möglich, dass der
Konzern in Wirklichkeit Verhandlungsmasse sichern will. NICK REIMER
taz Nr. 8085 vom 27.9.2006, Seite 11, 48 Kommentar NICK REIMER