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BZ: Pfusch am Bau (Biblis)



Berliner Zeitung, 28.09.06

Der Ingenieur Hans Brenner vor dem Atomkraftwerk in Biblis, in dem er vor 
zehn Jahren verstrahlt wurde. Paulus Ponizak Der Ingenieur Hans Brenner 
vor dem Atomkraftwerk in Biblis, in dem er vor zehn Jahren verstrahlt 
wurde.

> Pfusch am Bau
> Wasser im Keller, geflickte Leitungen, ungenaue Reparaturpläne - was 
ein ehemaliger Wartungsingenieur bei Arbeiten im Atommeiler Biblis 
erlebte

Frank Nordhausen

BIBLIS. "Ich gehe da nicht rein. Da stimmt was nicht."

"Sie gehen da rein. Wenn Sie's nicht tun, dann können Sie sich Ihre 
Papiere holen. Sofort."

"Also bin ich reingegangen", sagt Hans Brenner.

Im Schacht war es dunkel. Brenner hatte nur eine Taschenlampe dabei. Dann 
sah er die Tropfen am Rohr. Auf dem Boden hatte sich Wasser gesammelt. An 
den Wänden konnte er weißliche Ränder sehen. Brenner kannte das. Man 
nennt diesen Belag Salzausblühungen. "Das passiert, wenn Beton zu lange 
unter Wasser steht", sagt er. So etwas sollte es hier nicht geben. Auch 
kein tropfendes Wasser und keinen Rost.

"Es sah gammelig aus", sagt Brenner. Dort unten im Keller des 
südhessischen Atomkraftwerkes Biblis B am Rhein, sechs Meter unter der 
Erde, im Rohrkanal für das Notkühlsystem. Und es war gefährlich. Als 
Brenner eine halbe Stunde später den Kontrollbereich des Kraftwerks 
verlassen wollte, signalisierten die Alarmsysteme ein Problem. Lichter 
blinkten, Klingeln schellten, Männer in Schutzanzügen rückten an. 
"Kontamination", sagt er.

Brenner war im Rohrkanal verstrahlt worden. So stark, dass selbst langes 
Duschen nichts half. Er hatte radioaktives Kobalt-60 in der Lunge. "Da 
haben sie mir spezielle Reizmittel gegeben und mich schnäuzen und 
abhusten lassen." Erst als die Instrumente Entwarnung gaben, durfte er 
den Kontrollbereich verlassen. Ein Mann vom Strahlenschutz sagte damals 
zu ihm, es sei leichtsinnig gewesen, in den Rohrkanal zu kriechen: "Wenn 
der Rhein steigt, steht dort schon mal alles unter Wasser. Da ist 
Strahlung."

Das war am 7. Februar 1996.

Zehn Jahre später steht Hans Brenner an einem Spätsommertag auf einer 
Wiese am Fluss, im Hintergrund leuchten die zwei charakteristischen 
Kuppeln und die Kühltürme des Atomkomplexes von Biblis in der Sonne. Hans 
Brenner, 58 Jahre alt, Maschinenbauingenieur aus Hessen, war mehr als 
zwanzig Jahre in der Entwicklung von Sicherheitssystemen der 
Atomindustrie tätig. Heute arbeitet er für ein großes 
Elektronikunternehmen. Er sagt: "Forsmark hat mir Bange gemacht."

Forsmark ist das schwedische Atomkraftwerk, das vor zwei Monaten knapp 
einer Kernschmelze entging. "In Biblis kann Ähnliches geschehen. Die 
Anlage ist so, wie sie läuft, nicht sicher." Beim Betreiber von Biblis, 
dem Essener Energiekonzern RWE, kennt man die Aussagen Brenners. Man habe 
sich damit auseinandergesetzt, sagt die Biblis-Sprecherin Rita Craemer: 
"Es hat sich aber herausgestellt, dass die Vorwürfe nicht haltbar sind."

Am Dienstag dieser Woche hat RWE eine dreijährige Verlängerung der 
Laufzeit für Biblis A beantragt. Damit hat der Energieriese faktisch den 
Atomkonsens zwischen den AKW-Betreibern und der Bundesregierung 
aufgekündigt. Dieser legt fest, dass Biblis A spätestens 2008 und der 
baugleiche Schwesterreaktor B bald darauf abgeschaltet werden müssen. 
Weil beide Druckwasserreaktoren zu den ältesten Atommeilern Deutschlands 
zählen. "Ich war 1997 auch einmal im Block A. Es sieht dort genauso 
marode aus wie im Block B", sagt Hans Brenner.

Bis vor vier Jahren war Hans Brenner noch selbst in Atomkraftwerken 
tätig. Er ist ein bedächtiger Mann. Ein Befürworter der Atomenergie, noch 
immer. Dennoch hat er oft intern an Missständen Kritik geübt. "Wenn man 
es aber öffentlich tut, gilt man als Nestbeschmutzer", sagt er. Deshalb 
will Brenner nicht mit echtem Namen genannt werden. "Aber diejenigen, die 
es angeht, wissen, wer ich bin", sagt er. Es gibt Schriftwechsel. 
Unterlagen. Der TÜV hat Brenners Verstrahlung dokumentiert. Die 
Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Köln hat ihn angehört, im Mai 2005. 
Denn was er zu sagen hat, betrifft den sensibelsten Bereich von Biblis: 
die Notkühlung. Brenner sagt: "Dieses System ist falsch berechnet 
worden."

Wenn es in einem AKW ein Leck gibt und Wasser aus dem Kühlkreislauf 
austritt, droht höchste Gefahr - der GAU, der größte anzunehmende Unfall, 
die Kernschmelze. Vor sechs Jahren wurden im Block A 16 Millimeter tiefe 
Risse an einer Schweißnaht im Hauptkühlsystem entdeckt. Bricht solch ein 
Rohr, muss ein Notsystem anspringen. Dass es damit Probleme geben könnte, 
hat Brenner damals, im Rohrschacht von Biblis B, erfahren.

1998 wandte sich Hans Brenner erstmals an die hessische Atomaufsicht und 
wies auf die Situation in Biblis hin. Die Behörde fragte im Kraftwerk 
nach und bekam die Antwort, dass Brenner tatsächlich kontaminiert wurde, 
er aber den Rohrkanal nie hätte betreten dürfen. Es gebe wohl Wasser in 
den Rohrleitungskanälen, aber das sei normal, denn die würden als so 
genannte Pumpensümpfe bei turnusmäßigen Überholungen des AKW benutzt.

Stehendes Wasser darf in einem Atomkraftwerk aber nicht vorkommen. Den 
Behörden reichten die Auskünfte des Betreibers RWE dennoch aus. 
Jedenfalls sei bisher offenbar nichts geschehen, sagt Hans Brenner. "Man 
muss Biblis abschalten oder das Notkühlsystem komplett sanieren, das 
kostet allerdings bis zu einer halben Milliarde Euro."

Hans Brenner ist ein Veteran der Atomkraft. Von 1976 an arbeitete er als 
Spezialist für Rohrleitungen. Jedes Kraftwerk, ob Atom, Kohle oder Gas, 
besteht vor allem aus kilometerlangen Wasserrohren. Beim Bau solcher 
Anlagen tauchen immer wieder Probleme auf. Brenner war der Mann, den man 
holte, wenn es besonders schwierig wurde. Seit 1982 war er beim 
Kraftwerkskonzern Siemens-KWU verantwortlich für den Einbau der 
Sicherheitssysteme im AKW Emsland, später in der 
Wiederaufarbeitungsanlage im bayerischen Wackersdorf.

Bei der Arbeit in Wackersdorf kamen Brenner erstmals Zweifel an der 
Zuverlässigkeit der Atomindustrie. Nicht, weil er die Technik für 
schlecht hielt. Sondern wegen der Arbeitsauffassung seiner Kollegen. "Die 
machten keinen Handschlag zu viel. Manche waren sogar Alkoholiker." Kein 
Wunder, dass die Anlage damals gescheitert sei. Er nahm 1990 eine 
Abfindung und ging.

Nach der Katastrophe von Tschernobyl wurden keine Atommeiler mehr gebaut. 
Brenner heuerte bei einem Unternehmen an, das Spezialisten für Arbeiten 
in Atomkraftwerken suchte. So kam er 1996 mit einer so genannten 
Fremdfirma nach Biblis, als man dort die Rohrleitungen des Notkühlsystems 
umbauen wollte.

Seine Arbeitsbögen hat Brenner aufbewahrt. "Aufmaß/Begehung" steht darin, 
fast jeden Tag. "Die Turbinenhalle von Biblis ist blitzsauber", sagt er. 
"Aber sonst ist die Anlage völlig versaut." Versaut, das heißt in der 
Atomsprache: radioaktiv verseucht. "Rohre waren angerostet oder nicht 
sauber verarbeitet, überall Rinnsale. Im Sicherheitsbereich! Wir mussten 
annehmen, dass dieses Wasser radioaktiv war."

Brenner machte noch weitere, erschreckende Entdeckungen. Er stellte fest, 
dass rund dreißig Prozent der Rohre nicht dort waren, wo sie sein 
sollten. Es gab Biegungen, wo Geraden und Geraden, wo Biegungen in den 
Plänen eingezeichnet waren. "Wenn es da kracht, kann man anhand der Pläne 
nicht sicher sagen, was wozu führt. Hier war ein Stück neu angeschweißt, 
dort etwas geflickt worden." Dann gab es noch das Problem mit den 
fehlenden Stempelfeldern. Jedes Rohrstück hat ein so genanntes 
Stempelfeld, das vermerkt, aus welchem Werkstoff es besteht. "In Biblis 
aber fehlte jedes vierte Stempelfeld. Das ist Pfusch." Aber als er das 
seinem Chef erzählte, habe der nur gesagt: "Blasen Sie sich nicht auf, 
sonst sind Sie weg vom Fenster." Brenner sagt, seine Berechnungen seien 
nicht in die Pläne übertragen worden.

Der Ingenieur befürchtet, dass die Rohrleitungen in Biblis B immer 
anfälliger werden. Zudem hat das Notsystem im Prinzip das gleiche Problem 
wie im schwedischen Forsmark: die Notstromaggregate der Firma AEG, die 
dort bei einem Kurzschluss versagten.

Kaum etwas wird von den Atomkraftwerksingenieuren so gefürchtet wie ein 
Leck im Kühlsystem. Man muss es schnell finden, sonst besteht nicht nur 
die Gefahr einer Kernschmelze. Die Keller könnten voll Wasser laufen und 
lebenswichtige Systeme - zum Beispiel die Notpumpen - überflutet werden. 
In Biblis B stehen alle vier Notpumpen auf der Ebene "minus 6". Also 
dort, wo Grundwasser bei hohem Pegelstand des Rheins möglicherweise durch 
Risse im Beton drückt. "Wenn die Pumpen aller vier Notfallsysteme unter 
Wasser stehen, springen sie nicht mehr an. Dann stehen wir vor dem GAU", 
sagt Brenner.

Seit mindestens 17 Jahren ist dem Biblis-Betreiber bekannt, dass bei 
einem Leck die Pumpen der Notkreisläufe überflutet werden könnten. Doch 
offiziell heißt es, alles sei unter Kontrolle. Noch am vergangenen Montag 
erklärte der Konzernchef Harry Roels, man habe seit 1999 rund eine 
Milliarde Euro in die Erneuerung der Sicherheitssysteme von Biblis 
gesteckt. Man bewege sich damit international "auf hohem Niveau".

Henrik Paulitz, Experte der Organisation Internationale Ärzte gegen den 
Atomkrieg (IPPNW) sieht das anders. Die sicherheitstechnischen 
Schwachstellen in Biblis bestünde nicht nur nach Meinung von 
Atomkraftgegnern: "Es gibt zahllose offizielle Dokumente, die die 
Sicherheitsdefizite belegen." Paulitz verfügt auch über lange Listen von 
Störfällen in den beiden Altmeilern. 1989 kam es in Biblis A zu einem der 
schlimmsten Beinahe-Unfälle in deutschen Atomkraftwerken, als die 
Bedienungsmannschaft ein offenes Ventil übersah. Dreimal fiel wegen 
Kurzschlüssen die Stromversorgung komplett aus. Paulitz sagt, "nach 
unseren Informationen ist nur ein sehr kleiner Teil der Rohrleitungen in 
Biblis erneuert worden."

Die hessische Atomaufsicht hat mehrfach eingeräumt, dass die Anlagen in 
Biblis gar nicht dem aktuellen Stand der Technik entsprechen können, weil 
sie eben alt sind. Nur über die Konsequenzen wird seit Jahren gestritten. 
Auf Anfrage teilte die Behörde mit, bei einer gutachterlichen Prüfung des 
Rohrkanals, in dem Brenner damals gearbeitet hatte, hätten sich keine 
Hinweise auf undichte Stellen ergeben. Hochwasser könne gar nicht 
eindringen. Allerdings könnten Kontaminationen innerhalb des 
Reaktorgebäudes nie ausgeschlossen werden. Die Behörde gesteht auch ein, 
dass die Stempelfelder im Notkühlsystem zu einem Viertel nicht 
"auffindbar oder zu lesen" seien. Noch interessanter ist, was das Amt gar 
nicht beantwortet: die Frage nämlich, warum überhaupt Abwasser in 
Rohrschächte gelangt, die dafür nicht vorgesehen sind.

Bereits der TÜV aber hatte im März 2005 bestätigt, dass es im Keller von 
Biblis B im betreffenden Rohrkanal "Wasseransammlungen" gibt, genauer: 
"Spuren von stehendem Wasser". Es handele sich dabei um 
"Restentleerungen".

Hans Brenner hat der Atomaufsicht mehrfach angeboten, ihr die 
Problemzonen in Biblis persönlich zu zeigen. "Aber es hieß immer, kein 
Bedarf", sagt er. Er hatte sich Kopien von Rohrleitungsplänen gemacht, 
weil man ihm immer erklärte, was er gesehen und gemessen habe, das müsse 
falsch sein. Brenner hatte die Halterungen, die verrosteten Rohre, die 
Salzausblühungen fotografiert und in einem Ordner archiviert. Um zu 
beweisen, dass er Recht hat. Doch als dann fest stand, dass er Biblis 
verlassen musste, nach seiner Verstrahlung, war der Ordner plötzlich 
verschwunden. Hans Brenner hält das nicht für einen Zufall.
Berliner Zeitung, 28.09.2006