Capital: Wohin mit dem Atommüll aus deutschen Kernkraftwerken?
Capital, 04.10.06
http://www.capital.de/politik/100004887.html
> Debatte
> Wohin mit dem Atommüll aus deutschen Kernkraftwerken?
Für Streit in der Großen Koalition sorgt die Frage, wo der hoch
radioaktive Müll aus den ursprünglich 19 deutschen Kernkraftwerken
dauerhaft lagern soll. Die Debatte wird nach dem Sankt-Florians-Prinzip
geführt.
Dessen moderne Version im atomaren Zeitalter lautet: Wir brauchen ein
Endlager, aber bitte nicht vor meiner Haustür. Bundesumweltminister
Sigmar Gabriel (SPD) forciert die Suche nach Alternativen zum Salzstock
Gorleben, der in seinem Heimatland Niedersachsen liegt. Damit stößt er -
wie erwartet - in der CDU und CSU auf Widerstand, insbesondere in Bayern
und Baden-Württemberg. Dort sind die unionsgeführten Landesregierungen
nervös geworden, seit die Bundesanstalt für Geowissenschaften und
Rohstoffe im August in einer Studie für die Bundesregierung mögliche
Alternativen zu Gorleben identifiziert hat: Darunter finden sich andere
Salzstöcke in Norddeutschland, aber auch Tonschichten auf der
Schwäbischen Alb, die an der Landesgrenze der beiden Südstaaten
verläuft.* Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) fordert daher,
die Erkundungen im Salzstock rasch zum Abschluss zu bringen und ihn dann
als Endlager zu bestimmen.
Ausgangslage. Im Koalitionsvertrag bleibt Gorleben unerwähnt, die beiden
Volksparteien wollen aber die Endlagerfrage nicht vor sich herschieben.
Wörtlich steht dort: "CDU, CSU und SPD bekennen sich zur nationalen
Verantwortung für die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle. Wir
beabsichtigen, in dieser Legislaturperiode zu einer Lösung zu kommen."
Nach allen vorliegenden geologischen Studien ist der Salzstock Gorleben
ein geeignetes Endlager für die Castorbehälter mit den abgebrannten
Brennstäben. Das hat sogar Gabriels Amtsvorgänger Jürgen Trittin (Grüne)
bestätigt - er unterschrieb am 14. Juni 2000 eine entsprechende Anlage
zur Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Stromkonzernen zum
Atomausstieg. Dieser Konsens sieht ein Moratorium für Gorleben vor, das
mindestens drei, höchstens zehn Jahre dauert. Jetzt könnte also in
Gorleben ohne Bruch der Vereinbarung weiter erkundet werden - zumal der
Bund dort bereits 2,1 Milliarden Euro investiert hat.
Problem. Es ist es zwar denkbar, dass es irgendwo hierzulande einen Ort
gibt, der noch besser als atomares Endlager geeignet ist. Um den zu
finden, müsste man allerdings jahrzehntelang in der Republik immer neue
Löcher buddeln und viele Milliarden Euro für geologische Erkundungen
zahlen. Das wäre volkswirtschaftlicher Humbug, zumal der ökologische
Zusatznutzen gegen null geht: Weltweite Studien zeigen übereinstimmend,
dass Salz ein geeignetes Wirtsgestein ist, wahrscheinlich sogar sicherer
als beispielsweise Ton oder Granit.** Dennoch spielt Gabriel auf Zeit- er
will offenbar trotz anderslautendem Koalitionsvertrag die Entscheidung
zugunsten von Gorleben nicht in seiner Amtszeit als Umweltminister
treffen müssen. Im Klartext: Die Endlagerung im Salzstock von Gorleben
ist zwar ökologisch und ökonomisch sinnvoll - sie ist aber politisch
nicht durchsetzbar, zumindest ist sie hochgradig unpopulär. "Sie können
beim Thema Kernkraft gegen die reflexartige Abwehrhaltung lautstarker
Protestler nicht gewinnen", beschreibt Eon-Chef Wulf Bernotat die Lage.
Lösung. Der Ausweg aus dieser bizarren Situation trägt einen Namen:
Olkiluoto. In diesem Ort im bevölkerungsarmen Norden von Finnland lässt
die Regierung in Helsinki gerade ihr nationales Endlager bauen. Dabei ist
die Umkehrung des Sankt-Florians-Prinzips zu beobachten: Die Anwohner
stehen voll hinter dem Projekt - sie hoffen auf Wachstum und
Arbeitsplätze für ihre strukturschwache Region. Warum kann hier nicht
auch der deutsche Atommüll sicher entsorgt werden, wenn dafür ein
angemessener Preis gezahlt wird? Olkiluoto wäre auch als Standort für ein
zentales Endlager aller EU-Staaten denkbar, für das die frühere EU-
Energiekommissarin Loyola de Palacio bereits vor Jahren geworben hat -
allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Eine EU-weite Umfrage der
Brüsseler Kommission zeigt, dass Finnland zu den atomfreundlichsten
Ländern der Gemeinschaft zählt: Danach sind 58 Prozent der Finnen "voll
und ganz" für den Einsatz der Kernenergie - in Deutschland liegt dieser
Wert bei 38 Prozent und damit auf EU-Durchschnittsniveau.*** Auch ein
Blick in die Niederlande ist instruktiv: Dort sucht die Regierung erst
gar nicht nach einem Endlager im eigenen Land. Sie betreibt lediglich ein
Zwischenlager am Standort des Kernkraftwerks Borssele, wo der Atommüll
noch bis zu 100 Jahre lang gelagert werden soll. Bis dahin, so das
stillschweigende Kalkül in Den Haag, hat sich die EU längst auf ein
zentrales Endlager geeinigt.
Literaturhinweise:
*) "Endlagerung radioaktiver Abfälle in Deutschland", BGR,
Hannover/Berlin, August 2006.
**) "Wirtsgesteine im Vergleich", U. Kleemann, atw, Dezember 2005.
***) Eurobarometer 227 "Radioaktive Abfälle", Juni 2005.
von Joachim Müller-Soares
capital.de, 04.10.2006