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Hn-St: Bei Atomausstieg drohen höhere Stromkosten



Heilbronner Stimme, 05.10.06

> Bei Atomausstieg drohen höhere Stromkosten

Von Joachim Kinzinger

Gespannte Blicke richten sich derzeit auf das Kernkraftwerk 
Neckarwestheim. Das vierte Quartal hat begonnen. Wann reicht der 
Energiekonzern EnBW den angekündigten Antrag für eine 
Laufzeitverlängerung des ersten GKN-Blocks bei SPD-Bundesumweltminister 
Siegmar Gabriel ein?

Die beiden Reaktoren im Neckarwestheimer Steinbruchgelände erzeugen pro 
Jahr fast die Energie, die die Haushalte in Baden-Württemberg jährlich 
verbrauchen. (Foto: Dittmar Dirks)
Allein die Wortwahl verdeutlicht die Vorwärtsstrategie des EnBW-
Vorstandsvorsitzenden Utz Claassen. Im Sommer redete er von der 
"Modernisierung des Atomkonsenses". Im Frühherbst sprach er Klartext, 
forderte von der Politik vehement den Verzicht auf den Atomausstieg. Der 
müsse aufgeschoben werden.

Denn: "Sind wir als Land so reich, sind wir als Gesellschaft so arrogant 
und vermessen, dass wir 30 Milliarden Euro volkswirtschaftlichen 
Vermögens vorzeitig vernichten wollen?" Bleibe es beim Atomausstieg, gebe 
es erhebliche Preiserhöhungen, verstärkte Claassen den Druck. Je nach dem 
gewählten Ersatz für die abgeschalteten Reaktoren würden sich die Kosten 
um 20 bis 50 Prozent erhöhen, rechnete der EnBW-Chef schon mal vor.

Im Sommer 2009 hat Neckarwestheim I die nach dem Atomgesetz 
festgeschriebene Reststrommenge verbraucht. Der Konzern-Chef will GKN I 
länger am Netz halten. Claassen kündigte den Antrag im vierten Quartal 
2006 an, Reststrommengen anderer Kraftwerke auf diesen Atommeiler zu 
übertragen. Im EnBW-Konzern gibt es dafür drei Möglichkeiten - der zweite 
Block in Neckarwestheim und die beiden Reaktoren in Philippsburg.

Strommengen von anderen Meilern auf GKN übertragen

Im Gespräch ist aber auch die nicht verbrauchte Menge des Meilers in 
Mühlheim-Kärlich, der niemals am Netz war. Doch dieses Kontingent 
beansprucht der Energiekonzern RWE für Biblis A, dessen Aus im Sommer 
2008 droht. RWE hat den Antrag für eine dreijährige Laufzeitverlängerung 
Ende September eingereicht.

Bundesumweltminister Siegmar Gabriel erklärte dazu, eine Übertragung von 
Strommengen aus Mühlheim-Kärlich sei im Gesetz nicht vorgesehen. Sein 
Ministerium werde nach Recht und Gesetz handeln. Die Laufzeit-Übertragung 
bilde die Ausnahme. RWE fährt eine Doppelstrategie. Der Hilfsantrag 
lautet, Strommengen von Lingen auf Biblis zu verlagern.

Für den früheren Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) hat RWE 
politisch den Atomkonsens aufgekündigt. Der Konzern habe "selber 
zugestimmt, keine Strommengen von Mühlheim-Kärlich auf Biblis A 
übertragen zu dürfen". Für einen solche Antrag biete das Atomgesetz keine 
Grundlage.

Die Verlagerung von Strommargen von älteren auf neuere Anlagen ist im 
Gesetz unproblematisch. Im umgekehrten Fall - dies wurde so beim im Mai 
2005 still gelegten Meiler in Obrigheim praktiziert - muss SPD-Minister 
Gabriel im Einvernehmen mit CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-
Wirtschaftsminister Michael Glos der Übertragung zustimmen. Dies trifft 
auf Neckarwestheim zu.

"Die Übertragung von Reststrommengen ist im Atomgesetz ein verbrieftes 
Recht", argumentiert der EnBW-Pressesprecher Ulrich Schröder. Die 
damalige rot-grüne Bundesregierung habe dies ausdrücklich im Verfahren so 
festgeschrieben.

Atomkraftgegner kündigen ihren Widerstand gegen die Biblis-Pläne und 
einen "heißen Herbst" mit bundesweiten Demonstrationen an. Das "Anti-Atom-
Aktionsbündnis Rhein-Main-Neckar" sieht den Vorstoß der RWE nur "als 
Testballon, um auszuloten, ob der Widerstand gegen den Betrieb von 
Atomanlagen geringer geworden ist". Biblis sei nur der Anfang, die EnBW 
werde bei GKN I bald nachziehen. Auch Eon und Vattenfall planten längere 
Laufzeiten für das Atomkraftwerk Brunsbüttel, das im Herbst 2009 vom Netz 
müsste.

05.10.2006 00:00