[älterer Artikel][Neuerer Artikel][Übersicht][

FTD: Dossier Neuer Streit um EnBW-Kernkraftwerk



FTD, 11.10.06

> Dossier 
> Neuer Streit um EnBW-Kernkraftwerk

von Timm Krägenow (Berlin)

Kurz nach dem Energiegipfel steht der Bundesregierung der nächste Streit 
um die Kernenergie bevor. Für die kommenden Wochen hat der Stromkonzern 
EnBW einen Antrag auf eine längere Laufzeit für den Reaktor 
Neckarwestheim I angekündigt.

Utz Claassen, Vorstandschef des Versorgers EnBW
     Utz Claassen, Vorstandschef des Versorgers EnBW

In der Koalition wird nun befürchtet, dass er Union und SPD in weit 
größere Probleme bringen wird als der Vorstoß von RWE im September.

Im Streit um den Meiler am Neckar werden EnBW-Chef Utz Claassen und 
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) auf einander prallen. Das 
Ergebnis ist vor allem deshalb nicht vorhersehbar, weil beide als 
legendäre Dickköpfe gelten - zugleich aber persönlich gute Freunde sind.

Noch im Februar 2003 hatte Gabriel, damals als niedersächsischer 
Ministerpräsident, Claassen mit dem "Verdienstkreuz 1. Klasse des 
niedersächsischen Verdienstordens" ausgezeichnet. Auch an 
Geburtstagspartys des einen nimmt der andere gerne teil. "Uns verbindet 
eine langjährige Freundschaft", ließ sich Gabriel zitieren. Jetzt ist 
möglich, dass sich beide bald vor dem Verwaltungsgericht wiedersehen.

ZUM THEMA
	
DOKUMENTE, AUDIO/VIDEO
	
RESSOURCEN

    * Toshiba setzt auf Atomenergie 
(http://www.ftd.de/technik/it_telekommunikation/118907.html)
    * Iran will Urananreicherung aussetzen 
(http://www.ftd.de/politik/international/112044.html)
    * Deutschland isoliert sich mit Atomausstieg 
(http://www.ftd.de/politik/deutschland/96829.html)
    * Panne bei Reaktorwartung in Bulgarien 
(http://www.ftd.de/politik/europa/120376.html)
    * Interview: "Kernforschung erhalten" 
(http://www.ftd.de/politik/deutschland/120363.html)
    * Strom aus der Tiefe (http://www.ftd.de/forschung/114753.html)
    * Vattenfall prüft längere Laufzeit für AKW-Brunsbüttel 
(http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/111619.html)
    * Hickhack um deutsche Atompolitik 
(http://www.ftd.de/politik/international/109421.html)

    * Ernst&Young: Energiemix 2020 - Szenarien für den deutschen 
Stromerzeugungsmarkt bis zum Jahr 2020 (pdf) 
(http://www.ftd.de/div/link/120571.html)
    * (EUR) Leitartikel: Tschernobyl - Nach der Apokalypse (Audio) 
(http://www.ftd.de/premium/audio/leitartikel/68342.mp3)

    * Kernkraftwerk Neckarwestheim: Portrait 
(http://www.ftd.de/div/link/120568.html)
    * EnBW: Prof. Dr. Utz Claassen 
(http://www.ftd.de/div/link/120569.html)
    * BMU: Glossar zum Atomausstieg 
(http://www.ftd.de/div/link/120572.html)
    * BFS: Kernkraftwerke in der Bundesrepublik Deutschland 
(http://www.ftd.de/div/link/120574.html)
    * EU: Energie für die Zukunft - Die Europäische Kommission legt ihre 
Energiestrategie für Europa dar (http://www.ftd.de/div/link/120575.html)
    * Umweltinstitut München: Atomenergie - ein Auslaufmodell 
(http://www.ftd.de/div/link/120577.html)

"Es gibt in Deutschland einen Ausstiegskonsens, nach dem der Ausstieg 
beschlossene Sache ist. Dazu stehen wir", hatte EnBW-Chef Claassen sich 
im Oktober 2004 festgelegt. "Wenn wir von der Politik Planungssicherheit 
fordern, müssen wir auch selbst dafür sorgen." Inzwischen hat Claassen 
aber seine Ansicht zum Ausstiegsfahrplan geändert. Die vorzeitige 
Abschaltung von Kernkraftwerken hätte zur Folge, "dass 
volkswirtschaftliches Vermögen vernichtet wird und damit wichtige Ziele 
der Energiepolitik wie Versorgungssicherheit und Preisstabilität 
unerreichbar werden", heißt es neuerdings bei EnBW. Man sei sich in den 
letzten drei Jahren der Bedeutung der Kernenergie in Bezug auf die 
Strompreise, die Versorgungssicherheit und den Klimaschutz bewusster 
geworden.

Restlaufzeiten und Betreiber deutscher Atomkraftwerke
     Restlaufzeiten und Betreiber deutscher Atomkraftwerke

"EnBW ist das Unternehmen, das vom Festhalten am Ausstiegsfahrplan am 
stärksten betroffen wäre", analysiert der Energie-Experte Bernhard 
Hillebrand. Das Kraftwerk Obrigheim wurde schon abgeschaltet, 2009 müsste 
Neckarwestheim I vom Netz gehen, und schon 2011 wäre Philippsburg I an 
der Reihe. Anders als beispielsweise RWE baut EnBW derzeit auch keine 
großen Kohlekraftwerke als Ersatz. Planungen befinden sich noch im 
Stadium von Machbarkeitsstudien. 55 Prozent des EnBW-Stroms kommen aus 
Kernkraftwerken.

EnBW passt die ganze Richtung nicht, in die sich die Energiepolitik in 
Deutschland entwickelt. "Zerschlagung der Monopole, Enteignung der Netze. 
Das ist rabulistisches Vokabular von Jusos und Kommunisten aus den späten 
70er Jahren", sagt Jürgen Hogrefe, Vertreter des Konzerns in Berlin. Auch 
mit der Tagesordnung des Energiegipfels am Montag war der Konzern nicht 
zufrieden. Das Thema Kernenergie sei nicht gründlich genug besprochen 
worden, kritisierte Claassen die von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) 
geleitete Runde. Man könne sich nicht leisten, "die Diskussion um ein 
halbes Jahr zu vertagen, weil offensichtlich die große Koalition in ganz 
wesentlichen Fragestellungen nicht einig ist".

Bei EnBW wird zugleich aber betont, dass man an guten Kontakten zur 
Politik interessiert sei. Die Kanzlerin hatte beim Energiegipfel nach 
Angaben eines Teilnehmers angekündigt, sie wolle in der Atomfrage bis zum 
Frühjahr eine Klärung herbeiführen. Dann findet der nächste Energiegipfel 
statt. Eine Zustimmung des Umweltministers für eine Laufzeitübertragung 
auf Neckarwestheim I würde für EnBW einen echten Mehrwert bedeuten. Daher 
wird erwartet, dass EnBW einen Antrag stellt, der leichter 
genehmigungsfähig ist als der von RWE.

Artikel kommentieren Artikel verschickenLeserbrief schreibenArtikel 
vorlesen lassenFTD-Newsletter bestellenArtikel druckenRSS-Feed abonnieren
Ihre Meinung interessiert uns!
 
Richtlinien für Leser-Kommentare

Aus der FTD vom 11.10.2006