TAZ: Neuer Fehler im Pannenreaktor
TAZ, 13.10.06
> Neuer Fehler im Pannenreaktor
> AKW Forsmark: Nach Routinetest abgeschaltet. Stromversorgung
funktioniert immer noch nicht
AUS STOCKHOLM
REINHARD WOLFF
Am 25. Juli dieses Jahres schlitterte er knapp an einer Kernschmelze
vorbei, vor zwei Wochen ging der schwedische Reaktor Forsmark 1 wieder
ans Netz. Und seit Mittwoch - so wurde gestern bekannt - steht er nun
wieder still. Nach Angaben des Betreibers Vattenfall hat sich bei einem
"Routinetest" eine Panne ereignet.
Zunächst sei alles normal gelaufen, als die Stromversorgung des Reaktors
bei dem Test teilweise abgeschaltet worden war. Es habe die "erwartete
teilweise Schnellabschaltung" gegeben, so erklärte Vattenfall. Danach sei
es aber nicht mehr gelungen "den Reaktor planmäßig wieder in Gang zu
setzen". Bisher sei der Fehler, der den Neustart verhindert habe, "noch
unbekannt", so sagte Forsmark-Sprecher Peter Jansson.
Die Ingenieure hätten aber trotzdem einen neuen Anfahrversuch gemacht.
Dabei sei das automatische Schnellabschaltungssystem des Reaktors auch in
Gang gekommen. Die Bedienungsmannschaft habe dann allerdings eingegriffen
und eine manuelle Schnellabschaltung vorgenommen.
"Es ist wie verhext", klagte Forsmark-Sprecher Claes-Inge Andersson schon
vor einigen Tagen. Denn: Vattenfall versucht nicht nur erfolglos den
Reaktor 1 wieder in Betrieb zu nehmen, sondern auch Reaktor 2. Forsmark 2
war im Juli vorsorglich mit abgeschaltet worden, weil er die gleichen
Konstruktionsmängel aufweist wie der Pannenreaktor. Gleichzeitig mit
Reaktor 1 erhielt er erst Ende September wieder eine Betriebserlaubnis.
Dann musste er aber wegen eines Fehlers im Überwachungssystem und
anschließend wegen eines Lecks im Kühlsystem nach kurzem Probebetrieb
wieder vom Netz. Nun hofft der Betreiber ihn bis zum Wochenende wieder in
Betrieb nehmen zu können.
Die jüngste Panne im Reaktor 1 ist gravierend. Sie steht mit einer
Fehlfunktion der äußeren Stromversorgung in Verbindung - genau wie der
Störfall am 25. Juli dieses Jahres. Er hatte zu einem 22 Minuten langen
Black-out geführt. Danach hat Vattenfall die technischen Anlagen
umgebaut. Diese Maßnahmen sollten eigentlich das Sicherheitssystem bei
einem äußeren Stromausfall stabilisieren. Und die staatliche
Atomsicherheitsbehörde SKI hatte die Genehmigung für ein Wiederanfahren
des Unglücksreaktors davon abhängig gemacht.
Auf den neuen Fehler hat die SKI bis Donnerstagnachmittag noch nicht
reagiert. Dabei hatte die Behörde zuvor angekündigt, Forsmark unter
"besondere Aufsicht" stellen zu wollen. Der "Störfall" vom 25. Juli hatte
nach Meinung des SKI neben technischen Fehlern auch viele personelle und
organisatorische Mängel enthüllt. "Von Eigentümerseite wird im Prinzip
die gesamte Sicherheitskultur" eines AKW gesteuert, hatte ein SKI-
Sprecher erklärt - und eine lange Liste mit Kritikpunkten am Eigentümer
Vattenfall und der Betreiberfirma Forsmark präsentiert. Demnach fehlten
Instruktionen für das Personal, und Kontrollroutinen waren mangelhaft.
Auch hatte das SKI bemängelt, dass Vattenfall den außer Kontrolle
geratenen Reaktor im Juli nicht unmittelbar, sondern erst nach 30 Stunden
abgestellt hatte. "Wenn die Lage so unsicher ist und man nicht weiß, was
passiert ist", so sagte SKI-Chefin Judith Melin, "ist alles andere als
eine Kaltabstellung des Reaktors nicht vorschriftsgemäß."
taz vom 13.10.2006, S. 8, 117 Z. (TAZ-Bericht), REINHARD WOLFF