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dpa: Bundesregierung legt die Latte für sichere Atomkraftwerke höher



DPA, 10.08.06

> Bundesregierung legt die Latte für sichere Atomkraftwerke höher

Berlin - Die Grünen stehen in den Startlöchern und wollen eine 
Renaissance der Atomenergie notfalls außerparlamentarisch verhindern. 
"Die Transparente stehen noch auf dem Dachboden, die müssen nur frisch 
angemalt werden", sagte ihr Fraktionschef Fritz Kuhn dieser Tage. "Wenn 
Union oder SPD auf die Idee kommen, wieder in die Atomwirtschaft 
einzusteigen, sehen wir uns auf dem Acker wieder." Dabei scheint der 
Störfall im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark eher den Kernenergie-
Gegnern zu nützen, die jetzt die Karte "unzureichender Sicherheit" der 
Atomkrafttechnologie gezogen haben. Hier setzt auch Bundesumweltminister 
Sigmar Gabriel (SPD) an, während er Forderungen wie Neuverhandlungen mit 
den Konzernen zur Beschleunigung des Atomausstiegs als "unrealistisch" 
abtut.

Gabriel, der seinen Spanien-Urlaub für die Beratung der Folgen des 
schwedischen Störfalls im Bundeskabinett unterbrochen hatte, zeigt am 
Mittwoch jedoch den Betreibern deutscher Kernkraftwerke - E.ON, RWE, EnBW 
und Vattenfall - die Zähne. Sie wollen mit der Regierung über eine 
Verlängerung der Laufzeiten alter AKWs verhandeln, die wie Biblis A und B 
sowie Neckarwestheim nach dem von den Betreibern und Rot-Grün 2001 
unterzeichneten Ausstiegsvertrag noch in der laufenden Wahlperiode (bis 
2009) vom Netz genommen werden sollen. Auf "diesen Trick" will Gabriel 
nicht hereinfallen. Die Unternehmen sollten eher den vorgesehenen Weg 
wählen und Reststrommengen alter Anlagen auf neuere übertragen. Damit 
wäre der Ausstieg zu beschleunigen.

Aber gibt es zu den Forderungen der Stromkonzerne nicht schon Gespräche 
mit der Bundesregierung? Dazu Gabriel: "Mit dem zuständigen 
Bundesumweltministerium wird in dieser Frage nicht verhandelt. 
Entsprechende Berichte entbehren jeder Grundlage." Im Umfeld von 
Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hüllt man sich in Schweigen. 
Gab es erneute Zusagen an die Industrie, wie sie Gabriel bereits mehrfach 
gegeißelt hat? Und wurde der Ausstieg aus der Atomenergie im Kabinett 
noch einmal bekräftigt? Gabriel: "Das war nicht nötig, weil er nicht in 
Frage steht."

Im Kabinettsumfeld wurde bestätigt, das sei nicht groß diskutiert worden. 
Offensichtlich hält für die Zeit der großen Koalition das 
Stillhalteabkommen von SPD und der noch urlaubenden Bundeskanzlerin 
Angela Merkel (CDU), die sich im Kabinett vom verletzten Jogger und Vize 
Franz Müntefering (SPD) vertreten ließ: Bis 2009 ist am Atomausstieg 
nicht zu rütteln.

Bei seinen verschärften Sicherheitsanforderungen an die Länder erreichte 
Gabriel dagegen im Kabinett großkoalitionäre Unterstützung. So wurden die 
fünf unionsgeführten Regierungen von Niedersachsen, Hessen, Bayern, Baden-
Württemberg und Schleswig-Holstein aufgefordert, bei der 
Sicherheitsanalyse noch nachzuarbeiten. Sie hatten in ersten 
Stellungnahmen berichtet, ein Störfall wie in Schweden könne in den 17 
deutschen Kraftwerken nicht vorkommen. Gabriel fordert, nun seien 
"präzise Vor-Ort-Untersuchungen" erforderlich, eine Berufung nur auf die 
Angaben der Atomindustrie wie in Niedersachsen sei unzureichend.

Dennoch bestätigt sich: Schweden und seine Nachbarn wie auch Deutschland 
sind an einem "GAU" vorbeigeschrammt. Für die Atomwirtschaft Grund genug, 
die "Verlässlichkeit" der Quelle Atomenergie immer wieder 
herauszustellen, um die für sie billigen, abgeschriebenen Kraftwerke über 
den Tag zu retten. Zu erinnern ist jedoch daran, dass auch die kürzliche 
Hitzephase Schwachstellen der Wasserkühlung deutlich gemacht hat. Zwar 
nimmt der Energieverbrauch weltweit vor allem wegen China und Indien 
rasant zu, jedoch sind in manchen Ländern wie Großbritannien, Frankreich 
oder Polen neue, teuere Kernenergieträume längst nicht verwirklicht. 
Gabriel setzt unverdrossen auf Energieeinsparung und erneuerbare 
Energien.