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TP: Endlager gefunden?



Telepolis, 06.08.06

> Endlager gefunden?

Ralf Streck 07.08.2006

Frankreich hat sich für die Tiefenlagerung von radioaktivem Atommüll 
entschlossen und dabei eigene Gesetze umschifft
Dass die Atomkraft unsicher ist, hat sich erst vergangene Woche wieder im 
schwedischen Forsmark gezeigt, als es im dortigen Reaktor wohl beinahe 
zur Kernschmelze gekommen wäre ( Fast-GAU in Schweden (1)). Fast 
zeitgleich versammelten sich im kleinen lothringischen Dorf Bure 
Atomkraftgegner, um gegen die französischen Endlagerpläne zu 
protestieren. Denn hier glaubt die Nationale Agentur für Radioaktive 
Abfälle ( Andra (2)) eine Lösung für den Atommüll gefunden zu haben, den 
das Atomstromland in Jahrzehnten angehäuft hat. Über den Euratom-Vertrag 
ist auch Deutschland an der Finanzierung der Pläne beteiligt. Was sich in 
der französischen Endlagersuche in 15 Jahren ereignet hat, schafft 
allerdings kaum Vertrauen in die Pläne. Ohne effektive Forschungen 
betrieben zu haben, will Frankreich in Lothringen ein Endlager bauen, um 
in eine neue Reaktorgeneration einsteigen zu können.

Man schrieb das Jahr 1991, als der Gesetzgeber in Frankreich die 
rechtliche Grundlage für die Suche nach einem Endlager für den 
französischen Atommüll festgelegt hat. Nach dem "Loi Bataille" sollte 
nach 15 Jahren Forschung, also 2006, eine Lösung für das drängende 
Problem des hochradioaktiven Atommülls gefunden werden. Die 59 AKWs in 
Frankreich, mit denen fast 80% des Stroms erzeugt werden, haben in den 
vergangenen Jahrzehnten enorme Mengen Atommüll erzeugt. Nach Angaben von 
1995 waren es damals 120.000 Tonnen, die auf eine sichere Lagerung für 
mehrere 100.000 Jahre warten. Genaue aktuelle Zahlen gibt es nicht, da in 
Frankreich auch diese Frage unter das Militärgeheimnis fällt ( Atomfragen 
als Staatsgeheimnis (3)).

Nach dem Gesetz hätte die Andra bis 2006 drei verschiedene 
Lagermöglichkeiten für den hochradioaktiven Müll prüfen sollen: 
Einlagerung in Granit, in Ton-Lehm und eine oberirdische Lagerung. Doch 
sofort entwickelte sich Widerstand an den Orten, welche die Andra für die 
Forschung in Betracht zog, vor allem an den geplanten Granitstandorten 
hat sie sprichwörtlich auf Granit gebissen. Der massive Widerstand der 
Bevölkerung in diesen Regionen hat es verhindert, dass dort so genannte 
Endlagerlabors eingerichtet werden konnten.

Das gelang nur in Bure im Dreiländereck zwischen Frankreich, Deutschland 
und Luxemburg, obwohl sich auch hier seit 1994 langsam Widerstand 
entwickelte. 1999 wurde hier mit dem Bau des Labors begonnen, um die Lehm-
Ton-Schicht zu untersuchen, die sich in etwa 500 Meter Tiefe unter der 
winzigen Gemeinde mit 80 Einwohnern befindet. Sie hat eine Dicke von 40-
50 Metern und soll geologisch sehr stabil und deshalb für die Einlagerung 
von Atommüll über sehr lange Zeit geeignet sein.

Seither wurden hier zwei Löcher gebohrt. Kürzlich erreichte man die 
erwartete Tiefe von 500 Metern und führte die Stollen zusammen. Sichtbar 
wurde dies durch den Abbau eines Bohrturms. Immer wieder gab es Probleme, 
die Arbeiten ruhten monatelang, weil ein Arbeiter ums Leben kam und eine 
Untersuchung stattfand. Arbeiter berichteten auch von weiteren Problemen. 
So sei das Gestein sehr brüchig gewesen, weshalb man mit den Bohrungen 
nur langsam voran gekommen sei. Nach den ursprünglichen Planungen sollte 
eigentlich erst jetzt das Labor eingerichtet werden, um das Verhalten des 
Gesteins auf das Einbringen von radioaktiven Materialien zu untersuchen. 
Da die Andra schon 2006 Ergebnisse liefern musste, wurde im letzten Jahr 
ein Labor eingerichtet, als man am Rande der Schicht in 450 Meter 
angelangt war.


Lage der Schicht und die betroffenen Dörfer um Bure

Trotz der Verzögerungen war man bei Andra stets optimistisch. Schon bevor 
dieses Labor errichtet worden war, seien in Versuchen an gezogenen 
Bohrkernen "kohärente Resultate zu den Voruntersuchungen und Hypothesen, 
die wir über das Gebiet angestellt hatten", erzielt worden, sagte der 
Laborleiter Jacques Pierre Piguet schon vor drei Jahren. Michele 
Chouchan, Direktionsmitglied der Andra, wich der Frage des Autors nach 
den gesetzlich vorgeschriebenen Vergleichsstandorten aus. "Es ist sehr 
schwer für uns, darauf zu antworten." Sie wisse nicht, ob nach der Abgabe 
des Bure-Berichts "noch ein zweiter Standort gesucht wird".

Noch im letzten Jahr erklärten Regierungsvertreter, für die Suche nach 
einer Lösung für den Atommüll sei "ein weiteres Jahrzehnt" erforderlich. 
Das sagte der Industrieminister François Loos, und auch der 
Forschungsminister François Goulard meinte, für eine Entscheidung über 
ein Endlager sei es noch zu früh. Doch noch kurz vor der Parlamentspause 
haben die Konservativen im Parlament doch eine Entscheidung gefällt. Auf 
Basis der wissenschaftlich zweifelhaften bisherigen Forschung wurde 
kürzlich ein Gesetz verabschiedet, das sich für die Vergrabung 
ausspricht. Nur darüber, ob der Müll rückholbar vergraben wird oder 
nicht, soll später noch einmal entschieden werden. Von Bure wird zwar 
nicht gesprochen, aber in Ermangelung anderer Standorte läuft es 
definitiv auf die wenig besiedelte Region hinaus. Peinlich war, dass bei 
dem Beschluss gerade 18 Abgeordnete anwesend waren. Es wäre damit für die 
Opposition leicht gewesen, wie zunächst beim Urheberrecht (4), das 
Vorhaben zu stoppen. Dafür hätten nur alle die mit Nein stimmen müssen, 
die sich sonst gegen die Atomkraft und das Endlager aussprechen.

Dass nun doch eilig entschieden wurde, dürfte damit zusammen hängen, dass 
die Regierung unter Jacques Chirac ein neues Atomzeitalter eingeläutet 
hat und befürchtet, im nächsten Jahr die Wahlen zu verlieren. So wurde 
der Iter nach Frankreich geholt ( Frankreich strahlt (5)) und in Penly 
(Normandie) wurde derweil schon mit dem Bau des European Pressurized 
Reaktor ( EPR (6)) begonnen. Nach Umfragen sprechen sich immer mehr 
Franzosen gegen die Atomenergie aus, weil die Atommüllfrage nicht gelöst 
ist. Im Frühjahr demonstrierten am Bauplatz in Penly Zehntausende gegen 
den Bau des EPR. Um eine Lösung des Müllproblems vorzutäuschen, müssten 
deshalb bei Bure nun Tatsachen geschaffen werden, sagen die 
Atomkraftgegner. Die Andra hat derweil die Lage der etwa 200 
Quadratkilometer großen Schicht bestimmt und damit insgesamt 16 Dörfer 
aufgeschreckt, die als mögliche Standorte in Betracht kommen. Mit 
Probebohrungen soll bald begonnen werden.


Denonstration vor dem Labor. Foto: R. Streck

Inzwischen wird der Widerstand vor Ort stärker. Deutlicher Ausdruck 
dafür, dass die Atomkraftgegner, die sonst aus Nancy, Bar le Duc oder aus 
noch entfernteren Regionen anreisen, sich in den letzten Jahren in der 
Gegend verankern konnten. Bei der Demonstration am vergangenen Sonntag im 
Rahmen des Widerstandsfestivals waren mehr als 1000 Menschen gekommen. 
Für das Fest hatte ein örtlicher Bauer den Kernkraftgegnern (7) einen 
steinigen Acker zur Verfügung gestellt, damit die gegenüber des Bohrturms 
feiern konnten.

Schon das ist ein Erfolg in der konservativen und fast menschenleeren 
Region, in der sich die staatliche Agentur für Radioaktive Abfälle seit 
Jahren mit viel Geld versucht hat, beliebt zu machen. Jährlich flossen 
bisher fast acht Millionen Euro für kommunale Aufgagen in die Region. In 
die Departements Meusse und Haut Marne flossen kamen jährlich jeweils 
neun Millionen Euro, um die Lokalpolitiker gefügig zu machen. Diese 
Summen wurden nun erhöht. In den Bau des Endlagerlabors wurde weit über 
eine Milliarde Euro investiert.

Angesichts des Verlaufs des Projekts ist für die Gegner klar, dass hier 
auf Teufel komm raus ein Endlager entstehen soll. Das habe nichts mit der 
Beschaffenheit des Untergrunds zu tun, sondern mit der Tatsache, dass 
hier nur wenige Menschen leben. Die Region ist arm und mit Versprechen 
von Arbeitsplätzen und Investitionen ködere man die Leute. Bisher hätten 
viele den Gegnern nicht geglaubt, dass hier ein Endlager entstehen soll. 
Nur zu gerne habe man geglaubt, dass hier wie an anderen Orten nur 
geforscht werdee. "Geforscht wurde hier bisher praktisch nichts", sagte 
der Koordinator des Widerstandshauses Peter Desoi. Mit dem Haus haben 
sich die Gegner vor zwei Jahren dauerhaft in der Region festgesetzt, es 
dient als Anlaufpunkt und zur Planung von Aktivitäten.

Mit dem Widerstand und den neuen Entscheidungen in Paris ändert sich auch 
die Stimmung in der Region langsam. Dass aus der Gegend leicht ein 
europäisches "Atomklo" werden könnte, befürchten immer mehr Menschen in 
Frankreich. Nirgends sonst sei man derart weit vorangekommen. Eine Studie 
von Ursula Schönberger, die im Auftrag des Europaparlamentariers Tobias 
Pflüger (8) durchgeführt wurde, zeigt auch auf, dass über den Euratom-
Vertrag die gesamte EU an Bure beteiligt ist. Die noch unveröffentlichte 
Studie, die Telepolis bereits vorliegt, spricht davon, dass sieben 
Millionen an Euratom Gelder nach Bure geflossen sind. So wurde kürzlich 
auch das 7. Rahmenforschungsprogramm (9) beschlossen, mit dem erneut die 
Gelder für die Atomforschung erhöht wurden. Schon im 6. 
Rahmenforschungsprogramm kam der Forschung für regenerative Energien mit 
480 Millionen Euro nur ein Drittel der Gelder zu, die weiter in die 
Atomenergieforschung gesteckt wird.

Interessant findet Schönberger auch, dass diese Forschung der 
demokratischen Kontrolle entzogen ist. Das Atomforschungsprogramm sei 
keiner parlamentarischen Kontrolle unterworfen. Die Atomforschung laufe 
neben der allgemeinen Forschung und das Europaparlament könne darüber 
nicht entscheiden. Sie weist in der Studie überdies darauf hin, dass auch 
der " Euratom-Vertrag (10) als einziger nicht mit der EU-Verfassung 
verschmolzen wurde, sondern als eigenständiger Vertrag erhalten" bleibe. 
Er sei durch ein Protokoll im Anhang der Verfassung an die neuen 
Verfassungsbestimmungen angepasst worden. Dieser Vertrag verfolge ohnehin 
nur den einzigen Zweck, die Atomkraft in der EU zu fördern.
Links

(1) http://www.telepolis.de/r4/artikel/23/23259/1.html
(2) http://www.andra.fr
(3) http://www.telepolis.de/r4/artikel/15/15652/1.html
(4) http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21641/1.html
(5) http://www.telepolis.de/r4/artikel/20/20412/1.html
(6) http://www.framatome-anp.com/servlet/ContentServer?pagename=Framatome-
ANP%2Fview&c=rubrique&cid=1049449651371&id=1049449651371
(7) http://burestop.free.fr
(8) http://tobiaspflueger.twoday.net/topics/Ueber+mich/
(9) http://cordis.europa.eu/fp7/
(10) http://europa.eu/scadplus/treaties/euratom_de.htm

Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/r4/artikel/23/23279/1.html