ND: Atomlobby spielt Störfall herunter
Neues Deutschland, 07.08.06
> Atomlobby spielt Störfall herunter
> Konstruktionsschwächen waren bekannt - Experten warnten
Von René Heilig
Die Betreiber deutscher Atomkraftwerke schließen einen Störfall wie im
schwedischen Forsmark aus. Atomstrom-Kritiker sehen das anders.
Die Atomstrom-Lobby ist sich einig: Die Technik ihrer Anlagen
unterscheide sich von der in Schweden. Soweit ist das in vielen Details
richtig. Doch daraus zu schlussfolgern, dass eine Gefahrensituation wie
im schwedischen AKW Forsmark ausgeschlossen ist, scheint vielen Experten
abenteuerlich. In Forsmark war am 26. Juli die externe Stromversorgung
ausgefallen und konnte nicht durch installierte AEG-Notgeneratoren
ersetzt werden. 23 Minuten war der Atomreaktor ohne
Steuerungsmöglichkeit.
Der ehemalige Chef der Konstruktionsabteilung des schwedischen Vattenfall-
Konzerns, Lars-Olov Höglund, hatte - nachdem die Gefahrensituation
tagelang verschwiegen worden war - davon gesprochen, dass Europa
haarscharf an einem neuen Tschernobyl vorbeigeschlittert ist. Das
deutsche Bundesumweltministerium (BMU) ordnete die Überprüfung aller
deutscher AKW an. Es soll festgestellt werden, ob ähnliche Teile wie in
den schwedischen Reaktoren eingebaut wurden.
Verschiedene Medien berichteten, dass die Herstellerfirma der Generatoren
des schwedischen Atomreaktors bereits seit den neunziger Jahren von der
»Konstruktionsschwäche« gewusst und dieses Wissen erst nach einem
Zwischenfall in einem deutschen AKW weitergegeben habe.
Die Pro-Atomenergie-Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) hat bereits
1992 in einer Arbeit für das Bundesumweltministerium vor »Überspannungen«
gewarnt, berichtet Henrick Paulitz, Nuklearexperte der Vereinigung Ärzte
für die Verhütung eines Atomkrieges (IPPNW). Praktisch würde ein
Unwetter, ein Blitzschlag, Sturm, ein durch Schneelasten umfallender
Strommast oder ein Sabotageakt reichen, um per Kurzschluss eine nuklear-
gefährliche Situation zu erzeugen, warnt Paulitz. Er hält es vor diesem
Hintergrund für unzureichend, dass das BMU angesichts des Beinahe-Unfalls
in Schweden lediglich klären möchte, »ob die zugrunde liegenden
sicherheitstechnischen Mängel auch in deutschen Atomkraftwerken vorliegen
können«.
Unterschiedlich ist die Reaktion bundesdeutscher Umweltpolitiker auf den
Störfall. Während sich Union und FDP zurückhalten, kommen von der SPD nur
verhaltene Erklärungen. Die Grünen im Bundestag meinen: »Anders als uns
die Atomindustrie immer glauben machen will, zeigen die Ereignisse, dass
es keine völlige Sicherheit bei der Atomkraft gibt.« Die
Umweltpolitikerin der Linkspartei, Eva Bulling-Schröter, meint: »Statt
über weitere Laufzeiten zu phantasieren, ist eine Beschleunigung des
Ausstiegs aus der Atomenergie dringend notwendig. Regenerative Energien
sind sicher, erwärmen keine Flüsse und sparen Ressourcen.«