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FR: Kommentar Atompolitik: Klare Kante



Frankfurter Rundschau, 08.08.06

> Kommentar Atompolitik
> Klare Kante

"Lückenlos nachweisen", "Bundesaufsicht sofort informieren", "Betrieb 
vorläufig untersagen" - die Tonlage wird rauer, je mehr Rätsel der 
Beinahe-GAU im schwedischen AKW Forsmark aufgibt. Noch bevor die Störfall-
Ursachen geklärt sind, blies die deutsche Atomgemeinde reichlich 
vorschnell die Backen auf, ein ähnliches Desaster wie beim nördlichen 
Nachbarn könne sich hier zu Lande nie und nimmer ereignen. Nun lässt der 
Bundesumweltminister die Muskeln spielen.

Mit klaren Worten hat Sigmar Gabriel seinen Länderkollegen und der 
Energiewirtschaft signalisiert: Atomanlagen, die den Nachweis nicht 
erbringen, dass ein ähnlicher Störfall bei ihnen auszuschließen ist, 
müssen mit vorläufiger Zwangsstilllegung rechnen. "Umkehr der Beweislast" 
nennt man das unter Juristen. Ein unzulässiger Grundsatz, dieses "im 
Zweifel gegen den Angeklagten"? Eher ein zwingendes Plädoyer: im Zweifel 
für die Menschheit. Denn auch wenn es pathetisch klingt: Europa hätte 
seine Gegenwart neu buchstabieren müssen, wenn es beherzten Ingenieuren 
in Forsmark nicht gelungen wäre, mit ungeübten Handgriffen die 
Kernschmelze zu verhindern.

Mag sein, dass der Minister das bedrohliche Störfall-Szenario auch 
politisch taktisch nutzt in der auflebenden Debatte um die Renaissance 
der Atomkraft. Doch wenn er jetzt in Sachen AKW-Sicherheit klare Kante 
zeigt, erinnert er die Kernkraftbefürworter an ihre empfindlichste 
Schwachstelle. Beim Atomkonsens hatte die Regierung ein 
Stillhalteabkommen mit den Energiekonzernen geschlossen: ihr akzeptiert 
den langsamen Ausstieg, wir garantieren den ungestörten Betrieb der 
Kraftwerke. Fällige, aber teure Auflagen zur Nachrüstung wurden eher mit 
Samthandschuhen eingefordert oder in die Zukunft verschoben. Mittlerweile 
verabschieden sich die AKW-Betreiber von der Ausstiegsvereinbarung. Nach 
dem Beinahe-GAU könnte die Politik bei der Sicherheitsdebatte nun 
deutlich machen: auch wir können anders. Vera Gaserow