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StZ: Zu früh für eine Entwarnung - Störfall überrascht Experten



Stuttgarter Zeitung, 09.08.06

> Zu früh für eine Entwarnung
> Störfall überrascht Experten
 
Der Störfall im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark wirft Fragen nach der 
Sicherheit hiesiger Atommeiler auf. Ein komplettes Lagebild gibt es noch 
nicht. In Baden-Württemberg ist die Aufsichtsbehörde schon sicher: eins 
zu eins ist das schwedische Szenario nicht übertragbar.

Von Bärbel Krauß, Berlin

Wenn ein Minister eigens seinen Urlaub unterbricht und wegen der 
Pressekonferenz zu einem aktuellen Thema überraschend nach Berlin eilt, 
hat das immer den Ruch von Gefahr in Verzug. Dieser Ruch weht auch, wenn 
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) heute in der Hauptstadt Rede 
und Antwort steht, um darzulegen, was die Recherche zur Sicherheitslage 
der deutschen Kernkraftwerke ergeben hat, die er nach dem Störfall in 
Schweden angestoßen hat.

Gefahr heißt in diesem Falle aber nicht, dass es in Forsmark fast zu 
einem GAU wie in Tschernobyl gekommen wäre. Dass Schweden noch sieben 
Minuten von der Kernschmelze entfernt gewesen sei, wie atomkraftkritische 
Organisationen und Politiker in den Tagen nach dem Unfall gemutmaßt 
hatten, halten die Kernkraftexperten im Bundesumweltministerium für 
"übertrieben". Auch habe sich der Verdacht nicht erhärtet, dass es in 
Deutschland zu einem ähnlichen Atomunfall kommen könnte. Gleichwohl sei 
es für eine Entwarnung ebenfalls noch zu früh.

Der Sachverhalt ist nicht einfach zu verstehen. Die Internationale 
Atomenergieorganisation (IAEO) hat die Vorgänge in Forsmark lediglich in 
die Störfallklasse zwei eingestuft. "Gravierend ist ein Unfall ab Stufe 
vier oder fünf", sagt ein Experte aus dem Umweltministerium. "Tschernobyl 
war die höchste Gefahrenstufe sieben." Warnungen wie im Falle von 
Forsmark gebe die IAEO etwa 30-mal im Jahr heraus. Natürlich will das 
Ministerium die generellen Risiken der Atomkraft deshalb nicht 
verharmlosen. Aber betont wird auch, dass die Sicherheitssysteme in 
Schweden am Ende doch funktioniert hätten.

Was die Experten in Unruhe versetzt, ist, dass der Ablauf in Forsmark 
"völlig überraschend aus dem Nichts" gekommen sei. So formuliert es der 
Leiter der Abteilung für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium, 
Wolfgang Renneberg. "Das Gravierende ist, dass dieses Ereignis in keiner 
Sicherheitsanalyse je aufgetaucht ist." Dass ein Kurzschluss außerhalb 
eines Atommeilers die Systeme innerhalb des Kraftwerks, zum Beispiel die 
Notstromaggregate, beeinträchtigen könnte, hatte niemand erahnt.

Deshalb pocht Umweltminister Gabriel darauf, die technischen Details 
genau zu hinterfragen. Er will ausschließen, dass ein externer 
Spannungsimpuls, wie es in der Fachsprache heißt, in einem deutschen 
Kernkraftwerk ebenfalls das Notfallsystem beeinträchtigen könnte. Daher 
hat er den betroffenen Bundesländern Dampf gemacht. Als ein Ultimatum 
oder eine Weisung an die Länderkollegen will man das im Ministerium am 
Berliner Alexanderplatz allerdings nicht verstanden wissen. Es sei 
lediglich eine nachdrückliche, dringliche Bitte - daher die Frist.

Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen 
haben aus Berlin Post bekommen, weil bei ihnen die Atomkraftwerke stehen. 
Natürlich betonen die Landesbehörden, dass sie die technische Überprüfung 
unabhängig von der Berliner Bitte bereits in die Wege geleitet hätten. 
Alle Länder schlossen gestern einen Störfall wie in Schweden aus. Alle 
hatten Berlin geantwortet - zum Teil mit umfangreichen Gutachten. "Nach 
allem, was wir bisher wissen, gibt es keine Hinweise auf eine 
Vergleichbarkeit", sagte Hessens Umweltminister Wilhelm Dietzel (CDU). 
Das Stuttgarter Umweltministerium erklärte: "Die Situation von Forsmark 
ist nicht eins zu eins auf uns übertragbar." Das gelte schon deshalb, 
weil die Notstromsysteme "in allen vier baden-württembergischen 
Kernkraftwerken bei einem Stromausfall nicht über Notstromaggregate, 
sondern über Batterien versorgt werden". Die Details der Überprüfung will 
Gabriel heute in Berlin präsentieren.

Für den SPD-Minister ist die Situation nicht ungefährlich. Sein grüner 
Vorgänger Jürgen Trittin hat seine Rolle als oberster Atomaufseher der 
Republik stets mit großer Aggressivität und Härte gespielt. Die 
Kernkraftgegner in der SPD erwarten von Gabriel mindestens die gleiche 
Klarheit. Den Verdacht, es mit der Atomaufsicht nicht ganz so streng zu 
nehmen, wird der Niedersachse deshalb demonstrativ vermeiden wollen.

Auch so erklärt sich, dass Gabriel dem ministerialen Bund-Länder-
Austausch infolge des schwedischen Störfalls noch einen persönlichen 
Brief hat folgen lassen. Gleichzeitig ist der Sozialdemokrat beim heiklen 
Atomthema gut beraten, den kernkraftfreundlichen Koalitionspartner nicht 
zu reizen. Streitthemen gibt es im Regierungsbündnis schließlich auch so 
schon genug.