FR: Stromausfall in schwedischem AKW - Haarscharf am GAU vorbei
Frankfurter Rundschau, 05.08.06
> Stromausfall in schwedischem AKW
> Haarscharf am GAU vorbei
VON KARL-HEINZ KARISCH
Gellend schrillen die Alarmglocken. Geigerzähler registrieren einen
rapiden Anstieg der radioaktiven Strahlung. Der hochmoderne schwedische
Atomreaktor Forsmark an Upplands Küste wird sofort heruntergefahren. Doch
die Radioaktivität steigt weiter an. Schnell wird klar, dass die
Strahlung nicht aus dem Meiler selbst stammt. Auf Grund der Windrichtung
wird nun errechnet, woher die giftige Wolke tatsächlich kommt. Schwedens
dringende Anfragen in Moskau jedoch werden ignoriert. Erst am Abend des
28. April 1986 bricht die Sowjetunion ihr Schweigen.
"Im Kernkraftwerk Tschernobyl hat sich eine Havarie ereignet", wurde
damals in dürren Worten mitgeteilt. Es sollte die größte Katastrophe in
der friedlichen Nutzung der Atomkraft werden. Jetzt am 25. Juli, gut 20
Jahre später, wurde erneut Alarm ausgelöst in Forsmark. Doch diesmal war
es keine radioaktive Wolke von außerhalb. Das Kraftwerk Forsmark selbst
schrammte nur haarscharf und mit viel Glück an einem Super-GAU vorbei.
Und wie auch nach Tschernobyl dauert es erneut Tage, bis die
Öffentlichkeit umfassend informiert wurde.
Was war geschehen? Massive Stromschwankungen im äußeren Netz, verursacht
durch einen Kurzschluss, hatten die Stromerzeugung im Kraftwerk Forsmark
1 bedroht. Die sofort eingeleitete Abtrennung vom Netz löst das
Herunterfahren des Reaktors aus. In diesem Fall übernehmen normalerweise
Batterien und vier Notstromgeneratoren die Versorgung. Doch zwei der
Generatoren versagten, auch die Batterien lieferten durch Schaltfehler
nur teilweise Strom, das Computersystem stürzte ab. Die Anlage geriet für
23 Minuten außer Kontrolle. Die Bedienungsmannschaft wusste in dieser
Zeit nicht einmal, ob die Kühlung des Reaktors überhaupt noch in Betrieb
war, weil die Anzeigen ausfielen.
Nur Zufall, dass nichts passierte
"Das ist der Albtraum für einen Sicherheitsexperten", sagt der
Atomexperte des Öko-Instituts, Michael Seiler. Im Nachhinein könne man
zwar feststellen, dass nichts passiert sei, das aber sei reiner Zufall.
Durch die Spannungsspitze seien lediglich zwei von vier Umformern
zerstört worden, die Gleich- in Wechselstrom umwandeln. "Es hätte aber
auch alle vier Umformer treffen können, das wäre dann der Super-GAU samt
Kernschmelze gewesen", sagt Seiler, der bis März Vorsitzender der
deutschen Reaktorsicherheitskommission war. Bislang sei noch unklar,
warum auch die Anzeigen im Kontrollraum nicht mehr funktioniert hätten.
Der frühere Forsmark-Konstruktionschef Lars-Olov Höglund äußerte in der
Zeitung Svenska Dagbladet die Befürchtung, der Reaktor sei nur um wenige
Minuten an einer Kernschmelze vorbeigeschrammt.
Dieser Darstellung widersprachen die schwedische Atomaufsicht SKI und die
Betreiberfirma Vattenfall. "Dadurch, dass zwei der Dieselgeneratoren die
ganze Zeit funktioniert haben, gab es keine Probleme bei der Kühlung",
erläutert Forsmark-Sprecher Anders Markgren. Auch die anderen
Sicherheitsfunktionen seien nicht gefährdet gewesen. SKI-Direktor Anders
Jörle bescheinigt nach einer ersten Bestandsaufnahme der Betreiberfirma,
sie habe korrekt gehandelt. Die Bedienungsmannschaft habe die Notkühlung
aktiviert und sei für weitere Schritte präpariert gewesen. Nachdem die
Pumpen wieder gelaufen seien, habe die Notkühlung abgeschaltet werden
können.
Von den anderen AKW-Betreibern hatte die SKI Garantien verlangt, dass bei
ihnen kein ähnlicher Störfall auftreten könne. Daraufhin wurden vier
Anlagen vorübergehend vom Netz genommen, eine wird gerade gewartet. Die
Umweltschutzorganisation Greenpeace attestierte der schwedischen
Atomaufsicht, sie habe rasch und richtig gehandelt. Der Vorfall sei
"schwerwiegend", sagt Greenpeace-Experte Heinz Smital. "Das Atomkraftwerk
ist fast 20 Minuten im Geisterbetrieb gefahren, bis die Belegschaft den
Betrieb manuell wieder in den Griff bekam", kritisiert er. "So etwas darf
in einem Atomkraftwerk nicht passieren."
Noch im Mai hatte die schwedische Atomaufsicht SKI in ihrem Jahresbericht
die hohe Sicherheit der Atomanlagen gelobt. Lediglich an zwei Pumpen
hatte es 2005 Kühlmittelverluste gegeben, die aber sofort entdeckt worden
seien. Jetzt wurden nach dem Störfall fünf der zehn schwedischen AKW
abgeschaltet, um sie zu überprüfen. Im Verdacht stehen die von der Firma
AEG gelieferten Notstromsysteme. Für Schweden, das rund die Hälfte seines
Stromes aus der Atomkraft gewinnt, ist das eine schwierige Situation. Die
schwedische Umweltministerin Lena Sommestad kündigte eine gründliche
Sicherheitsüberprüfung aller AKW an.
Mängel bekannt
Die Mängel in Forsmark waren möglicherweise seit langem bekannt. Denn im
vergangenen Jahr war an die US-Firma "General Electric Energy" der
Auftrag erteilt worden, für mehrere Millionen Euro die Forsmark-Reaktoren
mit einem neuen Sicherheits- und Kontrollsystem auszustatten. Reaktor 2
wurde in diesem Jahr neu bestückt, die beiden anderen - darunter Forsmark
1 - sind im kommenden Jahr dran.
Die drei Siedewasserreaktoren von Forsmark waren 1980 bis 1985 nach
modernsten Erkenntnissen gebaut worden. Für den Atomexperten Seiler
gehörte "die damalige Auslegung mit einem vierfachen Sicherheitssystem
technisch zur Weltspitze". Der Störfall jetzt aber zeige, dass selbst bei
extrem hohen Standards Fehler auftreten könnten, "die ein
Sicherheitssystem, und sei es noch so gut, aushebeln können".