FR: Kommentar Energiepolitik: Dogma Atomkraft
Frankfurter Rundschau, 18.07.06
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VON JOACHIM WILLE
Es gibt ein Menschenrecht auf eine Steckdose. Das haben die Chefs der
Industrienationen zwar nicht so formuliert, aber doch richtig erkannt. In
ihrem "Aktionsplan" für globale Energiesicherheit, jetzt auf dem G-8-
Gipfel in St. Petersburg verabschiedet, beschreiben Bush, Putin, Merkel
und Co. die gigantische Herausforderung, die in den nächsten Jahrzehnten
zu bewältigen ist: dramatisches Wachstum des Energiebedarfs in Schwellen-
und Entwicklungsländern, starke Abhängigkeit von den endlichen Energien
Öl, Gas und Kohle und deren Produzenten, rasant steigende Energiepreise,
drohende Destabilisierung des Weltklimas.
Die Lage auf dem Welt-Energiemarkt spitzt sich zu. Grund: Noch nie in der
Geschichte sind so viele kilowatt-hungrige Strom-, Sprit- und
Gasverbraucher in so kurzer Zeit hinzugekommen. Um bis zu 50 Prozent, so
die Analyse der G 8, könnte der globale Energiekonsum bis 2030 wachsen.
Experten halten sogar eine Verdoppelung bis 2050 für möglich.
Die Boom-Ökonomien wie China, Indien und Brasilien nehmen sich ganz
selbstverständlich das Recht heraus, am Energiereichtum der Erde zu
partizipieren wie die "alten" Industrieländer. Doch damit nicht genug:
Wer wollte den rund zwei von sechs Milliarden Menschen auf der Erde, die
bislang keinen Zugang zu Elektrizität haben, also keinen Kühlschrank,
kein komfortables Licht in der Nacht, kein Radio, keinen Fernseher, kein
Internet, diese mehr oder minder notwendigen Grundvoraussetzung für ein
besseres Leben verwehren? Daraus folgt: Mit den alten Strukturen des
Energiesystems, wie es sich im 20. Jahrhundert herausgebildet hat, sind
diese Herausforderungen nicht zu meistern. Doch die Antworten, die die G-
8-Chefs darauf geben, mit ihrem Aktionsplan genauso wie mit ihren Taten,
zeigen: Sie sind selbst Teil der alten Strukturen, so dass sie nicht
wirklich umdenken können. Oder wollen.
Beispiel Atomkraft. Bush, Putin und die Mehrheit der restlichen G-8-
Führer fordern die Renaissance dieser umstrittenen Technologie, um
Energiewachstum und Klimaschutz global vereinbaren zu können. Wer die
Grundrechenarten beherrscht, wundert sich: Denn die Strategie, einen
explodierenden Energiekonsum zu einem großen Teil mit Nuklearstrom
befriedigen zu wollen und das Klima so zu stabilisieren, ist ganz
offensichtlich zum Scheitern verurteilt. Derzeit decken die weltweit rund
450 AKW rund 6,5 Prozent des globalen Energiebedarfs. Um bei verdoppeltem
globalen Energieverbrauch 2050 ein Drittel davon per Atom zu decken,
wären über mehrere tausend AKW und wegen sinkender Uran-Verfügbarkeit der
Übergang zur gefährlichen Schnellen-Brüter-Technologie mit Plutonium als
Brennstoff nötig. Das wäre nicht nur extrem teuer. Die Risiken würden
sich potenzieren. Die aktuellen Probleme, Teheran zur rein zivilen
Atomnutzung zu bekehren, sollten Warnung genug sein. Auch der Vorschlag
aus Washington und Moskau, internationale, kontrollierte Zentren zur
Urananreicherung und Brennstoff-Wiederaufarbeitung zu bauen, löst das
Problem nicht wirklich.
Der Aktionsplan liefert, eher wolkig, auch andere Stichworte. Fossile
Energien umweltfreundlicher machen, Erneuerbare Energien fördern. Das
liegt auf der Hand. Die Frage ist, wie ernsthaft der Umstieg zum post-
fossile Zeitalter umgesetzt wird, ob man effektive Instrumente zur
Markteinführung neuer Technologien einsetzt oder nur ein paar grüne
Girlanden über Ölfässer drapiert. Weitere Voraussetzung für ein
zukunftsfähiges Energiesystem ist, dass die Nutzer ihre Verschwendung
mindern. Ein US-Bürger verbraucht im Schnitt pro Kopf doppelt so viel
Energie wie ein EU-Europäer, ohne dass der Lebensstandard signifikant
höher ist.
Es gibt zu denken, dass ausgerechnet die Ober-Verschwender die Atomkraft
am heftigsten preisen und ansonsten den fossilen Showdown anheizen: mit
neuen Pipelines, neuen Ölfeldern zum Beispiel in Alaska sowie mit
Bremsklötzen für den Kyoto-Prozess. Von ihnen ist für den nötigen Umstieg
auf die drei "E" der zukunftsfähigen Energiepolitik -Effizienz,
Einsparung, Erneuerbare - wenig zu erwarten. Froh kann man da schon sein,
dass sie Deutschland gnädigst erlauben, bei Atompolitik und Klimaschutz
eigene Wege zu gehen. Bisher waren die gesetzten Wegmarken, bei aller
Kritik im Detail und trotz des deswegen schwelenden Koalitionsstreits, ja
schließlich zielführend.