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StZ: Von der Kernphysik zur Nanotechnologie gewechselt



Stuttgarter Zeitung, 19.07.06

> Von der Kernphysik zur Nanotechnologie gewechselt
> Das Karlsruher Forschungszentrum vor 50 Jahren gegründet - Festakt mit 
der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)

In Nordbaden sitzt eine der brillantesten Denkfabriken Europas. Dem 
Forschungszentrum Karlsruhe verdankt der badische Landesteil seinen Ruf 
als führende Technologieregion. Heute feiert das Zentrum seinen 50. 
Geburtstag.

Von Meinrad Heck

Katrin könnte eines Tages vielleicht die Frage aller Fragen beantworten - 
die nach dem Ursprung des Universums. Hinter der Buchstabenkombination 
Katrin steckt das "Karlsruhe-Tritium-Neutrino-Experiment". 70 Meter lang 
ist die Anlage im Forschungszentrum Karlsruhe, und in diesem weltweit 
größten Tritiumlabor sind die Wissenschaftler auf den Spuren des Urknalls 
- so es ihn denn gab.

Aus Tritium werden Neutrinos gewonnen, die leichtesten Teilchen, die es 
im Universum gibt. Wenn es den Astrophysikern gelingt, diese Neutrinos zu 
wiegen, dann ließen sich Rückschlüsse auf die Entstehung des Universums 
ziehen. 33 Millionen Euro kostet dieses Experiment, und bis 2013 hoffen 
die Wissenschaftler auf eine Antwort.

Der Forscherdrang im Karlsruher Norden hat eine Geschichte, die heute vor 
50 Jahren begann. Als Bundesminister für Atomfragen unterschrieb der CSU-
Mann Franz Josef Strauß am 19. Juli 1956 in Karlsruhe die 
Gründungsurkunde für eine gewisse Kernreaktorbau- und 
Betriebsgesellschaft mbH. Die noch junge Bundesrepublik wollte in die 
friedliche Nutzung der Atomenergie einsteigen, und der badische 
Landesteil erhielt den Zuschlag als Standort für den ersten deutschen 
Eigenbaureaktor. Knapp sechs Jahre später ging dieser Forschungsreaktor 
in Betrieb. Fortan machte das Kernforschungszentrum Schlagzeilen und 
Kritik.

Sosehr sich die Wissenschaftler mit ihren Forschungsreaktoren an die 
atomare Hochtechnologie herantasteten, so sehr wuchs in der Republik auch 
der Widerstand gegen die Atomlobby. Das Kernforschungszentrum plante ab 
1970 den Einstieg in den Ausstieg. Jahrelang hatten Physiker an der 
Technologie zur Wiederaufarbeitung atomarer Brennstoffe gearbeitet. 1985 
folgte ein für sie existenzieller Strukturwandel. Die damalige 
Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe wurde stillgelegt und sollte 
vollständig abgebaut werden. Was mit mehreren 100 Millionen Mark 
Steuergeldern errichtet worden war, soll jetzt für fast zwei Milliarden 
Euro zu einer grünen Wiese werden. Am teuersten ist eine strahlende 
Altlast. Knapp 80 000 Liter hochradioaktiver und plutoniumhaltiger 
Atomsuppe lagern gekühlt hinter meterdickem Stahlbeton, bis sie von 2007 
an endlagergerecht verglast wird.

Seit dem Ausstieg heißt es nur noch Forschungszentrum. Die rund 3500 
Mitarbeiter in Karlsruhe machten sich schnell einen neuen Namen. Fortan 
forschten sie im "Nano-Valley" in Größenordnungen, die für Laien immer 
unvorstellbarer, für die Hochtechnologie aber immer wichtiger werden.

Anfang 2006 setzten die Wissenschaftler wieder einen Meilenstein. In 
Zusammenarbeit mit der Universität Karlsruhe entstand der kleinste 
Transistor der Welt. Klein heißt wenige Nanometer. Ein Nanometer ist 
gerade mal der millionste Teil eines Millimeters. Damit sind die 
Forscher, wie sie es nennen, "auf dem Weg zur atomaren Elektronik". Denn 
ihr neuer Schalter besteht nur noch aus einem einzigen Atom. Eine 
bahnbrechende Erfindung für die Minicomputer der Zukunft.

So viel Forschergeist findet Interesse. Heute ist Bundeskanzlerin Angela 
Merkel Gast bei einem Festakt der Karlsruher Denkfabrik. Und spannende 
Einsichten versprechen die Wissenschaftler bei einem Tag der offenen Tür 
Ende September.

Erschienen am 19.07.2006