FR: Totgesagte Meiler sollen länger leben
Frankfurter Rundschau, 22.07.06
> Totgesagte Meiler sollen länger leben
> Mit allerlei Tricks wollen deutsche Konzerne jene vier AKW über den
Ausstiegstermin retten, die 2009 vom Netz müssten
VON VERA GASEROW (BERLIN)
"Nein", versichert der deutsche Umweltminister, "die innenpolitische Lage
ändert sich dadurch überhaupt nicht. Wir sehen unseren Kurs nicht
beeinträchtigt. Im Gegenteil". Gerade hat die Mehrheit der wichtigsten
Industrienationen beim G-8-Gipfel ein unverhohlenes Votum für die globale
Nutzung der Atomkraft abgegeben, aber Sigmar Gabriel wahrt die eigene
Deutung: "Der Gipfel hat auch beschlossen, dass es erhebliche
Investitionen in Erneuerbare Energien geben soll." Deutschland habe
erreicht, dass es "keine eindeutigen und ausschließlich auf Kernkraft
bezogenen Beschlüsse gegeben hat".
Womöglich glaubt Gabriel an die Kraft des positiven Denkens. Und noch ist
die weltweite Renaissance der Atomkraft wenig konkret. Auch das jüngste
Signal vom Nachbarn Polen, man erwäge den Einstieg in die Kerntechnik,
ist nur Ankündigung. Doch die Einschläge in Richtung des deutschen
Atomausstiegskurses kommen näher - geografisch und innenpolitisch.
Kernkraftbefürworter in der CDU/CSU spüren Oberwasser und erhöhen den
Druck auf den Koalitionspartner. Diese Legislaturperiode, so orakeln
Umweltschützer, dürfte der Damm noch halten, mit dem die SPD den
Atomausstieg verteidigt. Was danach kommt - keine Gewähr.
Brisanter RWE-Antrag erwartet
Auch die Strategie der Energiekonzerne zielt auf die Zeit nach der
nächsten Bundestagswahl. Ihr Hauptinteresse ist, die vier Atommeiler, die
qua Ausstiegsbeschluss bis 2009 vom Netz müssten, über diese
Legislaturperiode zu retten. Im nächsten Monat dürfte deshalb ein
brisanter Antrag auf dem Tisch Gabriels landen. Darin wird RWE eine
Übertragung von Reststrommengen auf Biblis A fordern. Mit dieser
Stromtransfusion von einem konzerneigenen neuen Kraftwerk ließe sich die
Lebensdauer des ältesten noch laufenden deutschen Meilers über den
Ausstiegstermin 2008 verlängern. Doch für dieses Verschieben von
Reststrommengen auf ein älteres Kraftwerk ist die Genehmigung des
Bundesumweltministers einzuholen. So steht es im Ausstiegskonsens und im
Atomgesetz. Mit dem Antrag für Biblis A wollen die Konzerne daher auch
den Ausstiegskonsens einem ersten politischen und juristischen
Belastungstest unterziehen.
Ihr Argument: die Regierung dürfe die Strommengenübertragung von neu auf
alt nur dann verweigern, wenn das ältere AKW unsicherer sei als ein
neues. Das aber sei nicht erwiesen. Im konkreten Fall wird das
Ministerium also Biblis A einem genauen Sicherheitscheck unterziehen
müssen. Der kann Monate dauern - Monate, in denen die Atomlobby womöglich
trommeln wird, der SPD-Minister spiele auf Zeit und verzögere die
Entscheidung. Doch Biblis A ist für die AKW-Betreiber zugleich ein Fall
fürs Glashaus. Die Auflagen für den störanfälligen Meiler sind bisher
wegen des nahen Abschalttermins niedrig ausgelegt. Eine
Laufzeitverlängerung mit Symbolwert könnte also mit neuen
Sicherheitsauflagen teuer erkauft sein. Gut möglich also auch, dass die
Kontroverse in langem Rechtsstreit endet.
Auch eine zweite Strategie der Energieriesen könnte ein Justiz-Fall
werden. Sie denken über einen lebensverlängernden Ringtausch von
Strommengen ohne nötige Zustimmung von oben nach. Der Deal:
Ausstiegskandidat Nummer zwei, Biblis B, der Anfang 2009 vom Netz müsste,
streckt seine Laufzeit mit fiktiven Strommengen aus dem nie ans Netz
gegangenen AKW Mühlheim-Kärlich, wie es eine Sonderregelung im
Atomkonsens erlaubt. Zugleich gibt Biblis B einen Teil seines
Stromkontingents an den dritten "Aussteiger" im Bunde ab: an das AKW
Brunsbüttel. Das gehört zwar der Konkurrenz, aber gegen gutes Geld könnte
die Atomlobby so gleich zwei weitere Meiler über die Zeit hieven. Ob
dieser Ringtausch auch legal wäre, ist umstritten.