jW: AKW machen schlapp
Junge Welt, 24.07.06
> AKW machen schlapp
> Meiler müssen wegen Hitze Leistung reduzieren. Kühlwasser heizt Flüsse
auf
Reimar Paul
Mit der viel gepriesenen Versorgungssicherheit durch Atomkraftwerke ist
es zumindest in heißen Sommern wie diesem nicht allzu weit her. Der
Stromkonzern Vattenfall hat die Leistung seiner an der Elbe gelegenen AKW
Krümmel und Brunsbüttel um 25 bzw. 20 Prozent gedrosselt, weil sich das
zur Kühlung genutzte Flußwasser bereits zu stark aufgeheizt hat. Der
Energiekonzern E.on mußte den Betrieb des Atomkraftwerks Unterweser sogar
auf bis zu 30 Prozent der Leistung herunterfahren.
Manche Atom-, Gas- und Kohlekraftwerke geben ihre Abwärme über Kühltürme
ab. Das erwärmte Kühlwasser wird in die Türme hochgepumpt. Von dort
rieselt es über Betonplatten zum Boden zurück, wobei ein Teil verdunstet
und der andere Teil abgekühlt ins Kraftwerk zurückfließt. Verfügen
Kraftwerke über keine Kühltürme, wird das warme Wasser direkt in die
Flüsse abgeleitet und heizt diese auf. Übersteigt die Wassertemperatur
einen bestimmten Wert, müssen die Kraftwerke ihre Leistung drosseln. Denn
zu warmes Wasser bedroht Fische und andere Lebewesen.Beim größten
deutschen Stromkonzern E.on haben die Atomkraftwerke Unterweser und Isar
1 in Bayern keine Kühltürme. Während das bayerische AKW vorerst noch auf
100 Prozent läuft, hat E.on den Betrieb des niedersächsischen Meilers zur
Zeit auf 30 bis 70 Prozent reduziert. Der wasserrechtlichen Genehmigung
zufolge muß E.on den Betrieb des Atomkraftwerks Unterweser bei einer
Wassertemperatur von 25,5 Grad Celsius auf »Schwachlast« umstellen, das
heißt auf unter 30 Prozent Leistung reduzieren.
Falls die Weser-Temperatur auf über 26 Grad steigt, darf das AKW nur noch
Strom für den Eigenbedarf produzieren. Derzeit ist das Wasser im
fraglichen Flußabschnitt knapp 25 Grad warm. Atomkraftgegner in der
Region bemängeln seit langem, daß für den Betrieb AKW Unterweser
»eigentlich« ein Kühlturm vorgeschrieben gewesen sei, diese Auflage habe
die Genehmigungsbehörde aber nie durchgesetzt.
Medienberichten zufolge mußte mittlerweile auch der Kraftwerksbetreiber
Steag die Leistung eines großes Steinkohlekraftwerks in Voerde (Nordrhein-
Westfalen) um rund ein Drittel zurückfahren, um eine zu große Aufheizung
des Rheins zu verhindern. Der Stromproduzent RWE hat nach eigenen Angaben
dagegen noch keine Probleme wegen der großen Hitze. »Die Kraftwerke
laufen normal«, sagte ein Unternehmenssprecher.
Nach Angaben der Tageszeitung Die Welt vom Donnerstag erwarten
Stromhändler jedoch, daß in Kürze weitere Kraftwerke ihren Betrieb
einschränken. »Das kommt noch«, sagte ein Sprecher des Händlers RWE
Trading dem Blatt. Die Tendenz sei eindeutig: »Die Nachfrage nach
Elektrizität ist in ganz Europa wegen der zunehmend verbreiteten
Klimaanlagen exorbitant gestiegen, gleichzeitig verringert sich das
Angebot.« Der Großhandelspreis für Strom ist bereits von knapp über 50
Euro auf mehr als 70 Euro pro Megawattstunde geklettert. Hält die Hitze
weiter an, könnte die Stromversorgung wie im letzten »Jahrhundertsommer«
2003 deutlich beeinträchtigt werden. Der Konzern Energie Baden-
Württemberg (EnBW) rief die Bevölkerung damals sogar zum Stromsparen auf.