ND: Frankreichs Gorleben heißt Bure
Neues Deutschland, 31.07.06
> Frankreichs Gorleben heißt Bure
> Noch in diesem Jahr will sich das Kernkraftland auf einen Atommüll-
Endlager-Standort festlegen
Von Ralf Streck, Bure
Frankreich sucht fieberhaft nach einem Endlager. Doch am favorisiertenn
Standort im Luxemburger Dreiländereck regt sich bereits der Widerstand -
mit einem bunten Protestcamp.
Obwohl es in diesem Jahr ernst wird, ist die Stimmung ausgelassen auf dem
trockenen Acker im lothringischen Bure. Hier, im Dreieck zwischen
Luxemburg, Frankreich und Deutschland feierten vom Freitag bis zum
Sonntag Hunderte Menschen auf mehreren Bühnen ihren Protest gegen das
geplante französische Endlager für hochradioaktiven Atommüll. Angereist
waren Franzosen, Deutsche, Luxemburger, Schweizer, und auch aus der
Niederlande und aus Spanien kamen Aktivisten, um auf Veranstaltungen über
eine Perspektive des gemeinsamen Widerstands gegen die Atomkraft zu
diskutieren.
Ein örtlicher Bauer hat den Atomkraftgegnern einen steinigen Acker zur
Verfügung gestellt, damit das französische Netzwerk gegen Atomkraft das
Festival gegenüber dem Bohrturm durchführen kann. Schon das ist ein
Erfolg in der konservativen und menschenleeren Region, in der sich die
staatliche Agentur für Radioaktive Abfälle (Andra) mit viel Geld beliebt
zu machen versuchte. Für die Gegner ist klar: Nicht die Ton-Schicht in
500 Metern Tiefe sei für die Auswahl von Bure verantwortlich, sondern die
Tatsache, dass es sich um eines der am wenigsten besiedelten Gebiete
Frankreichs handelt. Ein Gebiet, das sich, weil zudem ziemlich arm, mit
Versprechen von Arbeitsplätzen und Investitionen ködern lasse.
Das gelang zunächst recht gut. Hunderte Millionen Euro flossen in die
Region, um ein »Endlagerlabor« bei der Gemeinde Bure zu bauen. Bure ist
mit 80 Einwohnern so klein, dass man es auf den Karten vergeblich sucht.
Angeblich soll hier nur ein Labor entstehen, in das jährlich knapp 8
Millionen Euro fließen, um die etwa 40-50 Meter dicke Lehm-Ton-Schicht zu
erforschen. Denn das französische Gesetz schreibt vor, bis 2006 drei
verschiedene Standorte und drei Lagermedien zu untersuchen. Doch
scheiterten alle weiteren Versuche, einen Untersuchungsstandort zu
errichten, am Widerstand in der jeweiligen Region.
Bei der Andra, gegenüber vom Widerstandsfestival, ist die Sitmmung gespannt. Der politische Druck wächst, schließlich wollen die Konservativen ein neues Atomzeitalter einläuten. Die Lösung für die zahlosen Tonnen Atommüll, der im Atomstromland Frankreich schon jetzt angehäuft wurde, drängt. Hunderte Atomkraftgegner bereiten ihr auch dieses Jahr wieder Probleme. Und der Widerstand wird jährlich stärker.
Die Teilnehmer mussten penible Polizeikontrollen über sich ergehen
lassen. Der Standort mit dem Bohrturm ist wie eine Festung abgeriegelt.
Allerdings blieb es bis zur Demonstration am Sonntag friedlich, bis auf
ein Geplänkel im Vorfeld des Festivals, bei dem vier Jugendliche
verhaftet wurden.
Die Proteste sind nachhaltig geworden in den letzten Jahren. Vor drei
Jahren haben sich Kernkraftgegner mit einem Widerstandshaus in Bure
festgesetzt, und die Akzeptanz für sie steigt. Zunächst, das berichten
Aktivisten, glaubten viele den »Auswärtigen« nicht so recht, dass bei
Bure ein Endlager entstehen soll. Doch das wird immer deutlicher: Noch in
diesem Jahr soll die Entscheidung im Parlament fallen. Und da es neben
Bure keinen weiteren Standort gibt, wird allseits erwartet, dass die
Konservativen Bure festklopfen.
Dabei sei hier in den Hügeln von Lothringen »praktisch noch nichts
untersucht worden«, klagt der Koordinator des Widerstanshauses Peter
Desoi. Tatsächlich stockten die Arbeiten immer wieder, auch einen
tödlichen Unfall hat es bereits gegeben. Erst jetzt wurde die Bohrtiefe
von 500 Metern erreicht und die beiden Stollen vereint.
Nun, so war geplant, sollte das Verhalten des Gesteins auf das Einbringen
von radioaktiven Materialien untersucht werden. Wegen der Verzögerungen
wurde ein Labor aber schon in 450 Meter Tiefe eingerichtet, um für die
Parlamentsentscheidung Ergebnisse liefern zu können. Da man nur am Rand
der Schicht arbeitet, sind die aber wissenschaftlich zweifelhaft.
Doch bei der Andra tut man so, als verlaufe alles gut. Sie hat nun die
Lage der Schicht bestimmt und die Einwohner in 16 Dörfern aufgeschreckt,
die für die definive Einrichtung des Endlagers in Frage kommen. Bei den
Gegnern plante man derweil am Rand des Festprogramms das weitere
Vorgehen. Die gute Beteiligung in Bure am Widerstandsfestival und die
Tatsache, dass man im Frühjahr fast 30 000 Menschen zum geplanten neuen
Atommeiler nach Penly mobilisieren konnte, sind da eine gute
Ausgangsbasis - und Gründe, auch mal sich selbst zu feiern. Es wäre ja
nicht das erste Mal, dass die Regierung zurückziehen müsste.