[älterer Artikel][Neuerer Artikel][Übersicht][

jW: Festival der Endlagergegner in Bure



Junge Welt, 01.08.06

> Festival der Endlagergegner in Bure
> Anti-Atom-Aktivisten aus ganz Europa tauschten Erfahrungen aus

Klaus Schramm
I
ns lothringische Bure kamen am Wochenende über 500 Endlagergegner aus 
ganz Europa, um die französische Anti-Atom-Bewegung zu unterstützen. In 
zwei Zirkuszelten und auf mehreren Bühnen wurden Musik und Kultur, 
Diskussionen und Informationen geboten.

Die französische Regierung versucht im Auftrag des Strommonopolisten 
Électricité de France (EdF) seit Jahren, in der dünnbesiedelten 
lothringischen Grenzregion eine Lösung für das weltweit bisher ungelöste 
Problem der Atommüll-Endlagerung zu finden. Wie im wendländischen 
Gorleben oder im schweizerischen Benken soll der Nachlaß des nuklearen 
Zeitalters unter der Erdoberfläche verschwinden. Doch obwohl in Bure eine 
Tonschicht in 500 Metern Tiefe zunächst wissenschaftlich untersucht 
werden soll, ist über den Endlager-Standort offenbar bereits eine 
politische Vorentscheidung getroffen worden. Nirgendwo sonst in 
Frankreich werden alternative Untersuchungen durchgeführt.

Für die Endlagergegner, ob aus Gorleben, Benken, der italienischen Region 
Basilicata oder Lothringen ist klar: Überall bestimmte allein die 
Tatsache, daß es sich um abgelegene, dünnbesiedelte Regionen handelt, die 
Standortwahl. Und ebenso wie bereits seit über 20 Jahren im Wendland, 
wird auch in der Region um Bure von der staatlichen Agentur für 
radioaktive Abfälle (ANDRA) mit Millionenbeträgen versucht, sich beliebt 
zu machen. Die Versuchungen sind umso verlockender, je höher die 
Arbeitslosenquote in einer strukturschwachen Region liegt.

Allein in das festungsartig ausgebaute »Endlagerlabor« bei Bure flossen 
bislang jährlich rund acht Millionen Euro. Die französische Regierung 
steht unter selbstverordnetem Zeitdruck, denn laut Gesetz muß noch in 
diesem Jahr das Endlagerproblem »gelöst« sein. Doch in dieser Materie 
sind unerwartete Wendungen nicht selten. Bis vor kurzem noch wollte US-
Präsident George W. Bush mit aller Kraft ein US-amerikanisches Atommüll-
Endlager in den Yucca Montains durchsetzen. Wie am Rande des kürzlich in 
St. Petersburg stattgefundenen G-8-Gipfels zu erfahren war, soll nun mit 
Putin um einen Endlager-Standort in Sibirien verhandelt werden. Dort 
sollen dann nicht nur die radioaktiven Abfälle aus US-amerikanischen AKW 
sondern darüber hinaus die Abfälle aus allen von US-Firmen gebauten AKW 
eingelagert werden.

Diese aktuelle Entwicklung war unter anderem Thema bei einer 
Podiumsdiskussion am Sonntag nachmittag. Vertreter von Bürgerinitiativen 
aus Frankreich, der Schweiz, Deutschland und Spanien bekundeten 
solidarisch, daß es ohne einen Atomausstieg keinen Kompromiß in der Frage 
eines Endlager-Standortes geben könne. Auf einhellige Zustimmung stieß 
die Feststellung der Vertreterin der deutschen Bürgerinitiative gegen das 
geplante Atommüll-Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in 
Schacht Konrad bei Salzgitter, Ursula Schönberger: »Sobald die 
internationale Atomlobby ein einziges Endlager vorweisen kann, wird ein 
Ausstieg aus der Atomenergie weiter und weiter verzögert.« Noch vor 15 
Jahren hätten die Betreiber das Bergwerk als »absolut sicher« gelobt. 
Inzwischen müßten sie selbst eingestehen, daß sie angesichts 
eindringender Wassermassen »hilflos« seien, so Ursula Schönberger, die 
sich von der unvermuteten Offenheit der Betreiber »völlig überrascht« 
zeigte. In den Diskussionen wurde mehrfach betont, wie wichtig 
Informationsaustausch und Vernetzung innerhalb der europäischen Anti-Atom-
Bewegung seien.