StZ: Protokollchefin verlässt EnBW - "Versehen" bei WM-Tickets?
Stuttgarter Zeitung, 02.08.06
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STUTTGART. Kurz nach der Erhebung der Anklage gegen den EnBW-Chef Utz
Claassen verlässt die für die WM-Einladungen zuständige Protokollchefin
überraschend den Stromkonzern. Zuvor hatte Claassen eine angebliche Panne
des Protokolls angeprangert.
Von Andreas Müller
Die Telefonvermittlung in der Karlsruher EnBW-Zentrale verbindet Anrufer
zwar noch zu Ellen B., aber an ihrem Apparat meldet sich nur noch ein
Band mit der Ansage ihres Stellvertreters. Die Protokollchefin des
Unternehmens hat ihren Schreibtisch bereits geräumt und sich mit einer
kleinen Feier von den Kollegen verabschiedet.
Ihr überraschendes Ausscheiden schürte prompt Vermutungen, es gebe einen
Zusammenhang mit der Ticketaffäre und der Anklage gegen Claassen. B.
werde womöglich als "Sündenbock" geopfert, hieß es. Schließlich war sie
für die umstrittenen WM-Einladungen des Konzerns zuständig und auf den
Gutscheinen für die Gratistickets als Ansprechpartnerin genannt. Dagegen
teilte die EnBW auf Anfrage mit, die Protokollchefin verlasse das
Unternehmen "auf ihren eigenen Wunsch hin"; sie habe unter Wahrung der
vertraglichen Frist gekündigt. Für andere Spekulationen gebe es damit
keine Grundlage. B. selbst reagierte nicht auf eine Anfrage.
Für Verwunderung sorgt ihr Abgang auch deshalb, weil sie als eine der
engsten Vertrauten von Claassen galt. Schon vor seinem Wechsel zur EnBW
war sie in seinem unmittelbaren Umfeld beschäftigt. Bei seinem
Amtsantritt in Karlsruhe im Jahr 2003 brachte der Vorstandschef sie als
persönliche Referentin mit. Sie habe Claassens absolutes Vertrauen
genossen und stets loyal in seinem Sinne agiert, verlautet aus dem
Unternehmen. Erst vor ungefähr einem Jahr übernahm B. das Amt der
Protokollchefin, das bis dahin die frühere CDU-Landtagsabgeordnete Ingrid
Blank innegehabt hatte.
Nach der Anklage wegen Vorteilsgewährung gab Claassen der Mitarbeiterin,
ohne sie namentlich zu nennen, indirekt die Schuld an einem der Fälle.
Der SPD-Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Matthias Machnig, sei
nur "auf Grund einer Verwechslung unserer Protokollabteilung eingeladen"
worden, sagte er in einem Interview. "Wir hätten aus Gründen der
Höflichkeit doch nie einen Staatssekretär eingeladen, ohne zuvor den
Minister gefragt zu haben", fügte er hinzu. Bei der Versendung von 700
Weihnachtskarten habe das Protokoll Machnig "fälschlicherweise das
falsche Präsent, nämlich einen WM-Gutschein, zugewiesen".
Der Staatssekretär und frühere SPD-Manager hatte eine Geldauflage von
2500 Euro akzeptiert, um die Ermittlungen wegen Vorteilsannahme zu
beenden; dies bedeute kein Schuldanerkenntnis. Er habe der EnBW im März
mitteilen lassen, dass er den Gutschein nicht in Anspruch nehmen wolle.
Zu diesem Zeitpunkt war die Ticketaffäre freilich bereits in den
Schlagzeilen. Zuvor hatte Machnig laut Staatsanwaltschaft positiv auf die
Offerte reagiert. Er ist im Umweltministerium von Sigmar Gabriel (SPD)
unter anderem für den Emissionshandel zuständig und für die EnBW damit
eine Schlüsselfigur. Das Landgericht Karlsruhe teilte derweil mit, über
die Zulassung der Anklage gegen Claassen werde voraussichtlich im
September entschieden.
Aktualisiert: 02.08.2006, 06:13 Uhr