[älterer Artikel][Neuerer Artikel][Übersicht][

SWR: Reaktorsicherheit - Schweden knapp am atomaren GAU vorbei?



SWR, 04.08.06

> Reaktorsicherheit
> Schweden knapp am atomaren GAU vorbei?

Besorgte Mienen nach einem Störfall in einem schwedischen Atomkraftwerk: 
Ein Kurzschluss verursachte einen Stromausfall, und die 
Notstromversorgung funktionierte nicht, wie sie sollte. Es sei pures 
Glück gewesen, dass es keine Reaktor-Katastrophe wie 1986 in Tschernobyl 
(Ukraine) gab, meinte ein Experte. War es wirklich so knapp?
Person im Schutzanzug, Symbol für Radioaktivität (Quelle: SWR) 	

Zwei der vier Dieselgeneratoren, die das Atomkraftwerk Forsmark mit 
Notstrom versorgen sollten, waren nicht angesprungen. Die Schaltzentrale 
konnte deshalb die Reaktoren nicht weiter überwachen. Das hört sich 
schlimm an: Ein Kernkraftwerk, von dem niemand weiß, was es 20 Minuten 
lang tut.

Doch ganz so dramatisch war es nicht, meint Horst May von der 
Gesellschaft für Anlagen- und Strahlensicherheit. Das hat zwei Gründe. 
Zum einen haben nach dem Versagen der Notstromversorgung alle weiteren 
Sicherheitsnetze gegriffen. Denn die Anlage hat sich, wie in solchen 
Fällen geplant, selbst abgeschaltet. Außerdem ist das Notkühlsystem 
angesprungen. Damit bestand nach bisherigem Wissenstand zu keinem 
Zeitpunkt eine unmittelbare Gefahr, zumal Kernkraftwerke sich nicht nur 
auf eine Notstromversorgung verlassen, sondern noch auf mobile 
Generatoren hätten ausweichen können.
Zeitlich begrenzter Blindbetrieb ist einkalkuliert

Auch der 20-minütige Blindbetrieb des Kraftwerkes war kein Problem. 
Solche Fälle sind bereits einkalkuliert. In Deutschland zum Beispiel 
haben die Operateure in der Schaltzentrale eine halbe Stunde Zeit, wenn 
die elektronische Überwachung nicht gewährleistet ist. In dieser halben 
Stunde wird alles vollautomatisch gesteuert - unter anderem mit einer 
Notabschaltung. Die Operateure können die Zeit nutzen, Fehleranalyse zu 
betreiben und den Betrieb wieder sicher zu stellen. In Schweden war es 
damit getan, die zwei Stromaggregate per Hand zu starten.

Im Moment sind in Forsmark zwei der drei Reaktoren abgeschaltet, weil die 
Betreiber erst sicher stellen wollen, dass es keine Probleme mit dem 
Notstrom mehr geben kann. Schwedische Experten überprüfen derzeit, wie es 
passieren konnte, dass die zwei Dieselgeneratoren nicht angesprungen 
sind. Bisher gibt es jedoch Vermutungen: Fehlerhaft konstruierte Bauteile 
könnten die Ursache sein. Dass es damit Probleme geben kann, ist schon 
länger bekannt.
Ähnlicher Störfall in Deutschland nicht möglich?

Die Energiekonzerne hier in Deutschland schließen einen vergleichbaren 
Störfall wie in Schweden in unseren Atomkraftwerken aus. Das sei nicht 
übertragbar und deshalb laufen die Kernkraftwerke normal weiter. Trotzdem 
wird von den Umweltministerien weiter geprüft, ob das so stimmt. Auch das 
baden-württembergische Umweltministerium nimmt seine drei Kraftwerke noch 
mal diesbezüglich unter die Lupe.

Im Laufe der nächsten Woche wird genau fest stehen, warum die Generatoren 
in Schweden nicht angesprungen sind. Mit diesem Ergebnis in der Hand 
lässt sich dann entscheiden, ob der schwedische Störfall auch 
Auswirkungen auf die deutschen Kernkraftwerke hat, ob also doch 
Nachrüstungen nötig werden.
Sabine Schütze, SWR-Fachredaktion Umwelt