AP: Störfall in schwedischem AKW entfacht Diskussion in Deutschland neu Berliner Umweltministerium lässt alle Kernkraftwerke
AP, 04.08.06
> Störfall in schwedischem AKW entfacht Diskussion in Deutschland neu
Berliner Umweltministerium lässt alle Kernkraftwerke untersuchen - Streit
in Kiele
Hamburg (AP) Nach dem Störfall in einem schwedischen Atomkraftwerk ist in
Deutschland die Diskussion über die Sicherheit der Kernenergie wieder
aufgeflammt. Während Energieversorger und Industrie keine Auswirkungen
der Ereignisse in Schweden auf deutsche Atommeiler erkennen, forderte die
Umweltschutzorganisation Greenpeace eine Sonderkontrolle der
Sicherheitsmaßnehmen. Grüne und Teile der SPD verlangten die sofortige
Abschaltung der Atomkraftwerke.
Das SPD-geführte Bundesumweltministerium ordnete am Freitag an, dass alle
deutschen Atomkraftwerke untersucht werden. SPD-Umweltminister Sigmar
Gabriel will wissen, ob dort ähnliche Teile wie in den stillgelegten
schwedischen Reaktoren eingebaut wurden. Es geht vor allem um
Notstromaggregate des Herstellers AEG, von denen zwei im schwedischen
Atomkraftwerk Forsmark nach einem Kurzschluss nicht angesprungen waren.
Der Ausfall der elektrischen Versorgungen in Forsmark stellt nach
Auffassung des Ministeriums ein sicherheitstechnisch ernstes Ereignis
dar.
Die deutsche Atomindustrie wiegelt ab: Eine Panne wie im schwedischen
Atomkraftwerk Forsmark schließt etwa der Stromkonzern Vattenfall für
seine beiden deutschen Atomkraftwerke aus. «Das kann in der Form bei uns
nicht passieren, das können wir ausschließen», sagte Vattenfall-Sprecher
Ivo Banek in Hamburg. Der schwedische Vattenfall-Konzern ist mit 66
Prozent Hauptanteilseigner des Atomkraftwerks Forsmark und somit am
besten mit den Vorgängen in Schweden vertraut.
Nach Baneks Aussage gibt es in den deutschen Vattenfall-Atomkraftwerken
Krümmel und Brunsbüttel eine zusätzliche Absicherung gegen Stromausfälle.
Banek machte außerdem klar, dass die Sicherheitsvorkehrungen in Forsmark
durchaus funktioniert hätten, da zwei von vier Ersatzgeneratoren
angesprungen seien und die Stromversorgung gesichert hätten.
Ganz anders sehen das die Umweltschutzorganisation Greenpeace, Teile der
SPD und die PDS: «So etwas darf in einem Atomkraftwerk nicht passieren»,
sagt Heinz Smital von Greenpeace. Nach seinen Angaben sind Probleme
dieses speziellen Notstromsystems von AEG seit langem bekannt. Im AKW
Isar 2 habe es 2004 eine Unterbrechung der Notstromversorgung gegeben.
Der SPD-Landesvorsitzende in Schleswig-Holstein, Claus Möller, wird noch
deutlicher: «Der Reaktorunfall in Schweden hat uns erneut die enormen
Sicherheitsrisiken der Atomkraftnutzung drastisch vor Augen geführt. Es
zeigt sich wieder, dass Atomkraftwerke nur wirklich sicher sind, wenn sie
abgeschaltet sind.»
Schon führt der Notfall zu Spannungen zwischen SPD und CDU, gut zu
erkennen in der Großen Koalition in Kiel: Während die für
Reaktorsicherheit zuständige Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) die
Panne zum Anlass nahm, den konsequenten Ausstieg aus der Atomenergie zu
fordern, mahnte Wirtschafts- und Verkehrsminister Dietrich Austermann
(CDU) zu Besonnenheit.
Unterstützung bekommt Trauernicht von links: «Schweden ist kein Land, das
lax mit Sicherheitsstandards umgeht. Gerade deshalb ist es umso
dringlicher, aus der Atomenergiegewinnung auszusteigen. Alle
Anstrengungen, die Sicherheitstechnik noch so sehr zu verbessern, ändern
nichts daran», sagte PDS-Umweltminister Wolfgang Methling aus dem
Nachbarland Mecklenburg-Vorpommern.
Ehe noch der Störfall aus Schweden aufgearbeitet ist, fließt bereits
neues radioaktives Wasser auf die Mühlen der Atomkraftgegner: Aus dem
umstrittenen tschechischen Atomkraftwerk Temelin sind mehrere tausend
Liter verstrahltes Wasser auslaufen. Der Zwischenfall ereignete sich am
Mittwoch, nur wenige Stunden, nachdem der zweite Block wieder ans Netz
angeschlossen worden war.